Färöer: Der Mann mit der Mütze

Jens Martin Knudsen blieb gegen Österreich ohne Gegentor und ist seitdem ein Volksheld

Am 12. September 1990 änderte sich das Leben von Jens Martin Knudsen. Es war der Tag, an dem der Gabelstaplerfahrer einer Fischfabrik zum Volkshelden und zum bekanntesten Einwohner der Färöer wurde.

Jens Martin Knudsen ist der Torwart mit der Pudelmütze, der an jenem Tag beim legendären EM-Qualifikationsspiel zwischen Österreich und den Färöern zwischen den Pfosten stand. Für die Männer von den Schafsinseln war es das erste offizielle internationale Spiel überhaupt. Erst kurz zuvor waren sie dem Europäischen Fußballverband, der UEFA, beigetreten. Gegen Österreich waren die Hobbyfußballer aus dem Norden nur krasse Außenseiter, und zwischen Wien und Bregenz wurde nur über die Höhe des Siegs diskutiert. Toni Polster, damals Profi beim FC Sevilla, tippte auf einen 10:0 Sieg und sein österreichische Teamkollege Andi Herzog meinte, “wenn wir gut spielen gewinnen wir 8 oder 10:0, wenn wir schlecht spielen halt nur 3:0.“ Doch es kam anders. Das Spiel endete 1:0 –  aber für die Färöer. Der österreichische Nationaltrainer Josef Hickersberger, der zuvor die Färöer nach einer Spielbeobachtung als „schlechteste Nationalmannschaft der Welt“ bezeichnet hatte, wurde sofort entlassen und hat seitdem seinen Spitznamen weg: Färöer–Pepi. Jens Martin Knudsen hatte maßgeblichen Anteil an dem Sieg der Färöer. Mit seinen Paraden brachte er die anstürmenden Österreicher immer wieder zur Verzweiflung.

Normalerweise hätten die Färöer damals ein Heimspiel gegen Österreich gehabt, doch 1990 gab es noch keinen einzigen Rasenplatz auf den bergigen Inseln. Geschweige denn ein Stadion, das den  Bestimmungen der UEFA genügt hätte. Deswegen mussten die Färinger ihr Heimspiel auswärts austragen und im schwedischen Landskrona antreten. 1265 Zuschauer erlebten dort das denkwürdige Fußballspiel.

Der Weg zu Jens Martin Knudsen führt heute wie damals in die Fischfabrik. Inzwischen arbeitet er aber ein Stockwerk höher – als Gabelstaplerfahrer hat er vor zwanzig Jahren angefangen, heute ist er Mitinhaber der Fabrik. Streng zieht den Besuchern auf dem Weg zu Knudsens Büro der Geruch von Kabeljau in die Nase. Als ich sein Büro betrete, sitzt er gerade am Computer. Allerdings in einer Kleidung, die man bei einem Manager nicht erwarten würde: Knudsen trägt eine Art weißen Hausmeisterkittel und auf dem Kopf eine Mütze, ebenfalls weiß. Die Hygienevorschriften der  Fischfabrik machen auch fürs Management keine Ausnahme. Ohnehin ist Knudsen ohne Kopfbedeckung nur schwer vorstellbar, denn als Mann mit „Mütze“ ist er berühmt geworden.

Inzwischen ist Knudsen 42 Jahre alt, ein Alter, das man ihm nur ansieht wenn man ein bisschen genauer auf seinen Dreitagebart schaut. Dann nämlich entdeckt man neben roten auch einige graue Haare. Ansonsten wirkt Knudsen wie ein Endzwanziger. Fit und lässig mit dem Cowboyschritt eines Fußballers. Bis vor kurzem war er auch noch als Spieler aktiv. Mit seinem Heimatverein NSI Runavik gewann er 2007 den färöischen Meistertitel und wurde darüberhinaus zum besten Torhüter des Landes gewählt. Wieder einmal!

Ja, die Sache mit der Mütze, die verfolge ihn sein ganzes Leben, sagt Knudsen lachend. „Es gibt kein Interview, in dem er nicht danach gefragt werde“, fügt er hinzu. Seine legendäre Mütze benutzt er auch noch heute. Der Zustand der weißen Bommelmütze lässt aber zu wünschen übrig. „Ich  musste sie schon an einigen Stellen mit Tape ausbessern“, sagt er.

Die Mützen-Story taucht immer wieder in den unterschiedlichsten Variationen in der Presse auf. Einmal heißt es, seine Mutter habe die Mütze gestrickt. Dann, dass er sich als Jugendlicher eine schwere Kopfverletzung zugezogen habe und seitdem zum Schutz eine Mütze tragen müsse. Der erste Geschichte zumindest ist falsch – die Mütze stammt aus der Kollektion eines großen Sportartikelherstellers. Die Sache mit der Verletzung ist zwar wirklich passiert, war aber wesentlich weniger spektakulär als berichtet wird. Als 13-jähriger verletzte sich Knudsen bei einem Spiel leicht am Kopf. „Unser Hausarzt und meine Mutter wollten mir damals wochenlang das Fußballspielen verbieten“, erinnert sich Knudsen. Das sei  für ihn ein unvorstellbarer Gedanke gewesen. Um die Mutter zu beruhigen, versprach er beim Spiel eine Mütze zu tragen – als Schutz für die Kopfwunde. „Im Ernstfall hätte das natürlich nichts genutzt“, meint Knudsen. Aber seine Mutter war zufrieden und er durfte wieder auf den Fußballplatz.

Im Grunde habe er den Hype um seine Kopfbedeckung nie so richtig verstanden, sagt Knudsen. Vor dem Spiel gegen Österreich habe er sogar überlegt, sie nicht zu tragen. Hätte er sieben, acht oder mehr Tore kassiert, wäre er nur der „Depp mit der Mütze“ gewesen – doch so, mit dem Sieg in der Tasche, erlangten er und seine Mütze Kultstatus.

Nur zwei Jahre lang, von 1993 bis 1995 hat Knudsen bei Länderspielen auf seine geliebte Kopfbedeckung verzichtet: „Damals hat sich die Presse nur noch für meine Mütze und nicht mehr für die Leistung der Mannschaft interessiert“. Das, fügt er hinzu, „war total unseriös“.

Die Färöer sind Fußballinseln. Von den 48.000 Einwohner spielen 5000 aktiv Fußball. Jede noch so kleine Gemeinde hat ihren eigenen Fußballverein. Auch Jens Martin Knudsen hat seinen Verdienst an diesem Fußballboom. Der Aufschwung für den Fußball auf den Inseln begann nämlich erst nach dem 1990-er Sieg. Lange hatten die Offiziellen auf den Färöern damals diskutiert, ob sie ihr Team überhaupt an er Europameisterschafts-Qualifikation teilnehmen lassen sollten – die Angst vor deftigen Niederlagen war groß. Außerdem herrschte auf den Inseln eine schwere Wirtschaftskrise, so dass für die Finanzierung der Spiele der Nationalmannschaft kein Geld da war. Nur weil ein Sponsor die Reisekosten für das Team übernahm und die Spieler mit Nachdruck auf die Teilnahmen an den Qualifikationsspielen bestanden, gingen die Färöer damals überhaupt an den Start. Eine Siegesprämie gab es nach dem Sieg gegen Österreich nicht. Den Helden von Landskrona wurde aber nach ihrer Rückkehr ein stürmischer Empfang bereitet. Knudsen glaubt sich auch zu erinnern, dass er von seiner Heimatgemeinde eine Armbanduhr geschenkt bekommen habe. Erfolgsprämien im Land der Hobbyfußballer haben eben eine andere Dimension.

Trotzdem war nach dem Sieg gegen Österreich plötzlich alles anders. Jetzt baute man Rasenplätze und in der Hauptstadt Thorshavn ein Stadion, das auch für internationale Spiele groß genug war. Selbst die Wirtschaftskrise wurde durch den Sieg leichter erträglich: Den Aufschwung konnten zwar auch die Fußballer nicht herbeizaubern. Doch das Selbstbewusstsein der Färinger stieg: Mit dem Sieg hatten die Inselbewohner endlich wieder etwas, worauf sie stolz sein konnten.

Durch das 1:0 von Landskrona wurde Knudsen zwar auf einen Schlag zum bekanntesten Färinger, sein Leben hat sich aber nicht verändert. Starruhm verträgt sich nicht mit der kleinen Inselwelt. 99 Prozent der Färinger würden ihn wohl kennen, aber wenn er sich plötzlich wie ein Star verhielte, würde man ihn nur auslachen, sagt er. „Hier“, fügt er hinzu, „sind wir alle gleich“. Auch deswegen saß Knudsen schon drei Tage nach dem Sieg gegen Österreich wieder auf dem Fahrersitz seines Gabelstaplers. Wie alle anderen Spieler des Teams war auch er Amateur und musste seinen Lebensunterhalt außerhalb des Fußballfeldes verdienen. Als einer der wenigen machte er aber dann doch eine beschiedene Profikarriere – allerdings wieder in der Provinz. Denn ein internationaler Spitzenverein war der IF Leiftur aus der isländischen Stadt  Ólafsfjörður, für den Knudsen einige Jahre auflief, nicht. Der wirklich große Vertrag aber platzte, noch bevor er unterzeichnet war: 1998 wollte ihn der FC Aberdeen in der ersten schottischen Liga verpflichten. Leider wurde der Trainer, der ihn unbedingt wollte, am Abend vor der geplanten Vertragsunterzeichnung entlassen. Und dessen  Nachfolger hatte kein Interesse mehr an Knudsen.

Doch auch ohne hochdotierten Profivertrag ist Knudsen Kult. Fußballfans aus aller Welt verehren den Pudelmützen-Torwart noch fast 20 Jahre nach dem legendären Spiel gegen Österreich. In Japan haben sie einen eigenen Jens Martin Knudsen Fanclub gegründet. Und sogar im Land des einstigen Gegners hat der Torwart seine Fans. „Immer wieder stehen Touristen aus Österreich vor meiner Haustür“, sagt Knudsen. „Wenn es nicht zu viele sind, lade ich sie zu einem Kaffee ein.“

Rasso Knoller

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