USA: Der mit dem Bär tanzt

Der Appalachian Trail im Osten der USA ist einer der längsten Fernwanderwege der Welt. Er führt mitten durch den Great Smoky Mountains Nationalpark in North Carolina.

Als David Ackerley erwacht und aus dem Fenster seiner Holzbaracke blickt, schneit es noch immer. Der Wanderweg, auf dem er in den vergangenen Monaten über 2000 Kilometer mit seinem Rucksack durch ein Dutzend US-Bundesstaaten gelaufen ist, liegt unter einem vier Fuß tiefen Schneeteppich begraben. Es ist einer der wenigen Momente auf seiner Reise, an dem Ackerley daran denkt, aufzugeben. Der Weg Richtung Süden führt nach einigen 100 Kilometern zum Great Smoky Mountains Nationalpark, der in den Bundesstaaten North Carolina und Tennessee liegt. Einem 2000 Hektar großen, bergigen Waldgebiet, dichtbewachsen mit mächtigen Ahorn-, Kastanien- und Pinienbäumen. Sollte Ackerley im Schneetreiben vom Pfad abkommen und sich in der Wildnis verirren, würde ihn niemand finden. Außer den hungrigen Schwarzbären vielleicht.

Das Raue, Ursprüngliche – dafür sind die südlichen Appalachen seit jeher bekannt. Der US-amerikanische Pionier Daniel Boone, der sich Erzählungen zufolge im 18. Jahrhundert sogar Faustkämpfe mit den Bären lieferte, beschreibt einige Gebiete als „so wild und grauenhaft, dass man nicht ohne Erschauern davon berichten kann.“ David Ackerley erinnert sich an solche Geschichten, wenn er die weiß bedeckten, knorrigen Wälder vor seinem Fenster sieht. Er zögert.

Nach einigen Tagen, als der Schnee geschmolzen ist, spannt er seinen Rucksack auf den Rücken und läuft weiter. Der Appalachian Trail, der vom Bundesstaat Maine im Norden über 3440 Kilometer nach Georgia in den Süden der USA führt, hat Ackerley zurück. Die Riemen des Rucksacks pressen sich in seine Schultern, die Schritte werden immer schwerer. Der Weg durch die „Smokies“ führt über 16 Gipfel, die höchste Erhebung ist der Clingmans Dome mit 2025 Metern. Für Ackerley ist der Marsch über den schmalen und oft stark abschüssigen Trail eine Tortur, die sich lohnt: Der Nationalpark ist ein Naturereignis. Über 1500 Arten von Wildpflanzen wachsen dort, außerdem 130 verschiedene Baumgattungen – in ganz Europa gibt es gerade mal 85. Auch die Vielfalt an Reptilien, Säugetieren, Fischen und Vögeln ist gewaltig. Murmeltiere, Streifenhörnchen, 80 verschiedene Amphibien- und 30 Salamanderarten sind in den Wäldern, Flüssen und Seen der Smokies zu Hause.

Doch es ist nicht nur die starke, kräftige Natur, die Wanderern wie David Ackerley in den Great Smoky Mountains begegnet. Wer sich zu Fuß durch die Wildnis schlägt, spürt auch, wie zerbrechlich sie ist. Der Clingmans Dome ist umgeben von abgemergelten Baumstümpfen, die Smog und sauren Regen nicht überstanden haben. Noch dazu streckt die Fichtelgallenlaus, ein gefürchteter Baumschädling, viele Kieferngewächse in den Wäldern nieder. In Naturschutzgebieten wie dem Joyce Kilmer Memorial Forest im Süden der Smokies sind sogar die bis zu 1000 Jahre alte Hemlocktannen von der Umweltzerstörung betroffen. Der Wald reagiert. Er ist wie ein lebendiges Labor.

Seine Wanderung durch das Gebirge beeindruckt David Ackerley so sehr, dass er nach seinem neuneinhalb Monate langen Trip bis Georgia nicht zur Ruhe kommt. Er will zurück nach North Carolina, um sich dort niederzulassen. Die Great Smoky Mountains lassen ihn nicht mehr los. Acht Jahre ist das nun her.

Heute lebt er in Hot Springs, einer kleinen Ortschaft an der Grenze zu Tennessee. Eine Hauptstraße, viel mehr gibt es dort nicht. In den beiden Coffeeshops an der Main Street drehen sich Ventilatoren unter altmodischen Deckenlampen, das „United States Post Office“ mit seinen roten Ziegelmauern und einem sandsteingrauen Flachdach sieht in der Ferne aus wie ein verlassener Bunker. Wenn es dunkel wird, die Zikaden auf den Bäumen zirpen und das Licht in den Wohnhäusern erlischt, versinkt Hot Springs in der Wildnis.

„Als ich zu meiner Reise aufgebrochen bin, ging’s mir richtig dreckig“, sagt David Ackerley. Wir treffen ihn an einem milden Spätsommertag bei der Arbeit in „Bluff’s Mountain Outfit“, einem Einzelhändler für Trekkingausrüstung an der Main Street, die Teil des Appalachian Trails ist. „Ich war damals 29 Jahre alt, lebte in einem gottverlassenen Nest in Iowa und jobbte an einer Tankstelle.“ Sein Leben in der Einöde bewegte sich im Schneckentempo. Bis er eines Tages auf ein 18-jähriges Mädchen traf. Sie erzählte ihm vom ihrer Reise über den Trail – und Ackerley war wie elektriziert. Das war die Chance, sein Leben umzukrempeln.

Daniel Gallagher, der Inhaber des Trekkingladens, kennt solche Geschichten. Fast täglich kommen Wanderer zu ihm, die den Appalachian Trail bezwingen wollen. Sie kaufen neue Pullover oder decken sich mit Zelten und Schlafsäcken ein, die auch im strammen Regen beständig sind. Gallagher hört vieles über den Trail. Er sitzt hinter der Kasse, über ihm ein schwarz gestrichener Holzbalken, an den er Fotos von Wanderern gepinnt hat. Auch David Ackerley ist unter ihnen. Auf dem Bild trägt er einen flauschigen Bart und lange, verfilzte Haare.

„Von denen, die in Georgia gestartet sind, halten 70 Prozent bis Hot Springs durch“, erzählt der graubärtige Geschäftsmann. „Aber nur fünf Prozent schaffen es bis nach Maine.“ Viele sind schlecht vorbereitet. Sie schleppen 15 Kilo schwere Rucksäcke auf ihrem Rücken, obwohl sie nicht mehr als zehn Kilo tragen sollten. Einige Wanderer lassen unnötigen Ballast in Gallaghers Shop. „Vor einigen Jahren traf ich ein Paar, das ein Schwert mit sich führte“, erinnert er sich. „Ich fragte: Was zum Teufel wollt ihr mit dieser Waffe anfangen? Sie sagten: Wir müssen uns doch beschützen, wenn wir durch den Wald laufen.“ In Virginia hätten sie das Schwert endlich abgelegt.

Die Angst vor wilden Raubtieren: Sie begleitet viele Wanderer auf dem Trail. Brad Free, Ranger vom National Park Service, beruhigt: Im Vergleich zu den Grizzlybären aus den westlichen USA seien die Schwarzbären in den Smokies relativ ungefährlich. „Die wollen dein Essen, aber nicht dich“, sagt Free. Meist haben sie sogar Angst vor Menschen. Nur wer seine Lebensmittel über Nacht im Zelt versteckt, hat ein Problem: Er könnte von einer kalten Bärenschnautze geweckt werden.

Viele Wanderer schlafen daher nicht in Zelten – auch, um zusätzlichen Ballast im Gepäck zu vermeiden. Sie betten sich in Motels oder Gasthäusern, die in der Nähe des Appalachian Trails liegen. Oder sie schlafen auf Holzbänken in den „Shelters“: notdürftigen Schutzhütten, die am Wegesrand befestigt sind. Die Wanderer erwartet kein großer Komfort. Die Hütten sind spartanisch eingerichtet – und meist zur Vorderseite geöffnet. Einen hundertprozentigen Schutz vor Bären und Schlangen gibt es auch dort nicht.

Brad Free sieht das gelassen. Er ist im Laufe seines Lebens schon öfter einem Schwarzbären begegnet. „Wenn das Tier vor dir steht, stellen sich deine Nackenhaare auf“, erzählt der Ranger und kneift die Augen unter seiner grauen Hutkrempe zusammen. Die wichtigste Regel: Drehe dem Bären nie den Rücken zu, sondern behalte ihn im Blick. Dann laufe in kleinen Schritten rückwärts, bis du in Sicherheit bist. Wer sein Essgeschirr mit lautem Krach gegeneinander schlägt, hat manchmal Glück: Die Bären sind eingeschüchtert und suchen das Weite. Nur einem Besucher des Great Smoky Mountain National Parks hat keine Regel geholfen. Er ist der einzige Gast in 35 Jahren, der durch eine Schwarzbär-Attacke ums Leben gekommen ist.

Ob der Ranger von Georgia nach Maine gehen würde, wenn der Weg so harmlos ist? Brad Free lacht, schüttelt den Kopf. „Wenn ich wandere, will ich Flusswege ablaufen, Blumen anschauen – und zwar relaxt.“ Um den Appalachian Trail zu bezwingen, müsse man ein Getriebener sein. Wie der Blinde, der die dreieinhalb Tausend Kilometer vor zwei Jahren mit seinem Blindenhund ging und anschließend ein Buch über seine Erlebnisse schrieb. Oder der 80-Jährige, der einige Zeit zuvor den Fußmarsch auf sich nahm. Für alle anderen, die nach ettlichen Wochen und unzähligen Schritten die Hoffnung verlieren, gibt es Ranger wie Brad Free. „Wir sammeln alle ein, die auf der Strecke bleiben.“

Philipp Eins

INFO

ANREISE

US-Airways fliegt direkt von Frankfurt (Main) nach Charlotte in North Carolina. Ab Charlotte bietet US-Airways einen Anschlussflug bis Asheville an. Von dort aus sind es nur noch rund 50 Kilometer bis zum Great Smoky Mountains National Park. www.usairways.com.

UNTERKUNFT

Wer auf dem Appalachian Trail wandert, kann in Motels, Gasthäusern oder sogenannten „Shelters“ übernachten. Diese Schutzhütten sind jedoch nur etwas für hartgesottene: Der Schlafraum ist zur Vorderseite offen und sehr spartanisch eingerichtet.

Im Falling Waters Adventure Resort in Bryson City dürfen Gäste wie die Indianer zelten – nur nicht in nordamerikanischen Tipis, sondern in mongolischen Jurten. Dafür sind die großzügigen Kabinen mit einem King-Size-Bett und Kühlschrank ausgestattet. Der Preis: Ab 80 Dollar pro Nacht. Informationen unter www.fallingwatersresort.com.

Wer auf Komfort und gehobene Küche wert legt, ist in der Snowbird Mountaine Lodge in Robbinsville gut aufgehoben. Das Berghotel ist in der Nähe von vier Wasserfällen gelegen und bietet von seiner Terrasse einen traumhaften Ausblick. Die Zimmer sind mit dunklem Holz verkleidet, die Luxusräume mit Kamin und Whirlpool ausgestattet. Die Übernachtung kostet zwischen 180 und 365 Dollar pro Zimmer. Informationen unter www.snowbirdlodge.com.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *