Peru: Sattmacher mit Sommersprossen

Die Kartoffel – ein schlafender Gigant? Das internationale Kartoffelinstitut in Peru will ihn wecken. Nirgends ist die Knollen-Vielfalt so groß wie in dem Andenland.

Von Martina Hahn

Ernesto tobt. Brüllt. Lässt sich zur Seite fallen und gräbt die winzige Faust wütend in die Erde. Sein Magen knurrt, und seine Augen brennen vom Qualm. „Shhh“, versucht die Mutter das Kind zu beruhigen. „Shhh“, wiederholt sie leise, während sie Reisig unter den Herd – ein paar Steine aus dem Flussbett – schiebt und ihren dicken schwarzen Haarzopf vor den Funken in Sicherheit bringt. Doch der Zweijährige will sich nicht beruhigen. Erst als Graciela aufsteht, ihren weiten Wollrock glatt streicht, mit bloßen Händen eine heiße Kartoffel aus dem zerbeulten Blechtopf holt, sie kurz abkühlen lässt, Salz darüber streut und sie dem Kleinen reicht, hört Ernesto auf zu heulen.
Mittagspause in San José de Aymará, im Hochland Perus. Gracielas Feldküche unter knallblauem Himmel lockt die ersten Bauern von den Kartoffelfeldern. Seit Tagen läuft die Ernte auf Hochtouren. Schon bei Morgengrauen stehen die Männer und Frauen, Kinder und Großeltern auf den Äckern, die sich mit ihren Millionen weißen, rosa oder violetten Blüten wie ein bunter Fleckenteppich die steilen Hänge hinaufziehen. Bis Sonnenuntergang arbeitet sich Jung und Alt gebückt, Hüfte an Hüfte und Schritt für Schritt, die kniehohen Büsche entlang – meist schweigend, denn die Arbeit strengt an. Auf über 4 000 Metern Höhe ist die Luft dünn.

Mal rund wie eine Mirabelle, mal lang wie ein Würstchen

Die Finger der einen Hand umklammern die Harke, die der anderen sind gespreizt wie ein Rechen, der die Erde nach Früchten durchkämmt. Und Früchte gibt es in diesem Jahr zuhauf: Die Ernte ist gut, neben den Feldern liegen auf selbst gewebten Tüchern Berge von Kartoffeln: Gelb, braun, violett, rosa oder pechschwarz. Mit Häuten, die aussehen wie von Schokosoße oder Sommersprossen überzogen. Oder Mondlandschaften, voller Krater und Beulen. Knollen, mal rund wie eine Mirabelle, mal lang wie ein Würstchen, krumm wie eine Banane, verbogen wie eine Brezel oder geschuppt wie ein Tannenzapfen. Im Geschmack nussig, bitter, süß oder mehlig. Über tausend verschiedene Sorten wachsen in San José de Aymará auf den Versuchsfeldern des Internationalen Kartoffelinstituts – und das ist nicht mal ein Drittel der Kartoffelsorten, die hier im südamerikanischen Peru heimisch sind. Eine Vielfalt, die Hochlandbewohner – die Inkas ebenso wie ihre heute lebenden Nachfahren – seit mehr als 8 000 Jahren zu schätzen wissen; gibt es hier doch dreimal täglich Kartoffeln: zum Frühstück, Mittag- und Abendessen.
Über 6 000 kultivierte Kartoffelsorten, die von rund acht verschiedenen Arten stammen, sind derzeit weltweit bekannt. Von jeder Sorte dieses Knollengewächses gedeiht – dicht in Gläschen und Röhrchen verschlossen – jeweils ein Muster im erdbebensicheren Kühlraum des Internationalen Kartoffelinstituts, kurz CIP, in Lima. Dass das Institut in Peru liegt, ist kein Zufall. Immerhin ist das Land die Heimat der Kartoffel, hier gibt es für jedes Klima, jeden Bodentyp, jede Tradition eine Sorte. Zu den kultivierten kommen noch rund 2 000 wilde, nicht essbare Sorten, die diese größte Kartoffel-Gen- und Zellbank der Welt in der peruanischen Hauptstadt bereichern, sowie 6 000 Süßkartoffelsorten. Diese Vielfalt an Erbanlagen wollen die Wissenschaftler des CIP schützen, um eine Waffe gegen den Hunger in der Dritten Welt zu entwickeln und neue Sorten zu züchten.

Der wahre Schatz der Inkas war gar nicht das Gold

Viele Campesinos waren in den vergangenen Jahrzehnten vor den blutigen Gefechten zwischen Militär und Rebellen des „Leuchtenden Pfads“ in die Hauptstadt geflohen. Ließen Äcker, die Jahrtausende kultiviert worden waren, brachliegen und von Parasiten oder Pilzen erobern. Viele Kartoffelsorten drohten auszusterben, wären auch ohne die Genbank des CIP unwiederbringlich verloren gewesen. Heute jedoch, nach der Befriedung des Landes und der Rückkehr vieler Flüchtlinge aus der Stadt, haben die Bauern von San José wieder die riesige Auswahl an Sorten. „Wir haben die Kartoffel wieder zu ihrer Wiege zurückgebracht“, sagt Laborassistent René Gomez. 

Seit dreißig Jahren züchtet das CIP Sorten, die ertragreicher und resistenter gegen Viren, Bakterien oder Pilze sind – Forschungsergebnisse, die auch deutschen Kartoffelanbauern helfen. Zunehmend wendet das Institut auch den umstrittenen Transfer von Genen in verwandte Kartoffelsorten an. Die CIP-Forscher kennen die Argumente der Kritiker, haben aber eine klare Haltung: „Unsere Maxime lautet sicherlich nicht Gentechnologie um jeden Preis“, sagt Marc Ghislain, Chef des biotechnologischen Labors am CIP. „Aber die chemische Keule – Pestizide und Fungizide – ist oft gefährlicher.“ Und für die Bauern in den Entwicklungsländern wie Peru unbezahlbar.
In der Dritten Welt könnte die Kartoffel in den kommenden Jahren eine ähnliche Schlüsselrolle spielen wie im Europa des 18. Jahrhunderts, davon sind die CIP-Forscher überzeugt. „Die Knolle hat die Industrielle Revolution erst möglich gemacht“, sagt Sozialforscher Thomas Walker – so wie schon drei Jahrhunderte zuvor die Hochkultur der Inka; nicht grundlos verehren die Bewohner des Andenhochlands die Kartoffel noch heute wie Pachamama, die Mutter Erde. War der wahre Schatz der neuen Welt also die Kartoffel – und nicht das Gold der Inkas? Ja, sagt Carlos Ochoa. „Rechnet man allein den Wert der europäischen Kartoffelernten der letzten 150 Jahre, dann war alles Edelmetall, das die Spanier oft genug gewaltsam nahmen, weniger kostbar als das, was die Neue Welt ihnen freiwillig gab: die Kartoffel“, sagt der Mitachtziger, einer der bekanntesten Wissenschaftler Perus. Kaum einer hat die Knolle genauer erforscht als Ochoa, den die „Washington Times“ einmal „Indiana Jones der Kartoffel“ betitelte.
Noch immer kommt Ochoa jeden Morgen pünktlich um 8 Uhr ins Centro Internacional de la Papa. Dort arbeitet er zurückgezogen in seinem engen, schmucklosen Büro, schreibt sich alles Wissen über die Knolle aus der Seele oder erzählt den wenigen Besuchern, die er noch empfängt, mit verschmitztem Grinsen Anekdoten aus seinem Leben. Schildert monatelange Wanderungen oder unbequeme Maultierritte im einsamen Altiplano, dem so schönen wie harten Andenhochland. Wo es eiskalt ist in der Nacht, sonnig und warm am Tage – gerade so wie die Kartoffel es am liebsten mag. Oder wie er sich, immer auf der Suche nach wilden Sorten, in El Nino-Jahren durch reißende Flüsse kämpfte in Gegenden, die sonst „so trocken sind wie die Wüste“. In denen jedoch auf Grund der Feuchtigkeit plötzlich Kartoffelpflanzen blühten – ein unendlich wertvoller Genschatz: Die Samen dieser Pflanzen hatten Resistenzen gegen Dürre in sich gespeichert, die neuen Sorten angezüchtet werden konnten Oder Ochoa ersinnt Strategien, um diesen „schlafenden Giganten“ zu wecken, dem er sein ganzes Leben gewidmet hat. Strategien, mit denen das Potenzial der Knolle zur Hungerbekämpfung in Afrika, Asien oder Lateinamerika noch weiter ausgeschöpft werden kann. Denn was Nährwert, Kosten, Wachstumszeit und Ertrag angehe, sagt Ochoa, werde die Kartoffel von keiner anderen Kulturpflanze geschlagen. Ihren Siegeszug in Ländern des Südpazifiks und Afrika hat die nach Reis, Weizen und Mais viertwichtigste Nutzpflanze bereits angetreten: Schon heute wird ein Drittel der Weltjahresproduktion in Entwicklungsländern angebaut, 1960 waren es nur elf Prozent. Zum weltweit größten Kartoffelproduzenten hat sich China gemausert. Auch im hungerleidenden Bangladesch war vor 30 Jahren noch keine Kartoffel zu sehen. Heute ist die Knolle dort wesentlicher Bestandteil der Ernährung. Eine Entwicklung, um die andere Länder nicht umhinkommen werden. „Zeit für die Kartoffel!“, sagt Ochoa fast triumphierend.

Die Legende vom verwehten Leichnam eines JungenEine schmale Rauchsäule steigt aus Gracielas Feuerstelle auf. Es ist fast dunkel, nur schemenhaft sind am Feldrand die prall gefüllten Plastiksäcke zu erkennen. Ein klappriger Bus wird die Kartoffelernte am kommenden Morgen zum Markt von Huancayo bringen. Nur ein paar Männer sitzen noch um die Glut, tief in ihre Ponchos verkrochen. Einer reicht stolz eine ulkig deformierte Zwillingsknolle herum und sagt: „Ein gutes Omen!“ Er erntet heiseres Lachen. Denken die Männer an den Besuch von René Gomez? Am kommenden Tag wird der CIP-Forscher in San José de Aymará erwartet, mit neuem Saatgut im Gepäck. Samen, aus denen in einigen Monaten neue kleine Sprossen, Stängel, grüne Blätter und zarte Blüten sprießen werden – wie einst aus den sterblichen Überresten eines Jungen. So erzählt es die Inka-Legende: Über das ganze Land habe der Wind, von Gott befehligt, die Glieder des Kindes getragen. Doch als sie die Erde berührten, spross aus dem Mund des Säuglings der Mais, aus den kleinen weißen Knochen Maniok und aus den Hoden die erste Kartoffel. Nie mehr habe das Andenvolk danach hungern müssen, sagt Graciela und lächelt. Ernesto, der auf ihrem Schoß träumt, verzieht den Mund als habe er jedes Wort verstanden. Als wolle er protestieren. Als knurre sein Magen. 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *