Frankreich: Der Tradition auf der Spur

Textilherstellung im Elsass

Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein war das Elsass eine der wichtigsten Textilstandorte Europas – viele der ehemaligen Fabrikanlagen werden heute als Kulturzentren und Museen genutzt- an einigen der traditionsreichen Orte wird inzwischen auch wieder kreativ gearbeitet. In einigen der alten Werkstätten sind moderne Ateliers eingerichtet worden, die Etagen darüber wurden zu Wohnungen ausgebaut.

Ein großer Torbogen führt in die Passage des Augustins, einem zur Fußgängerzone umgewandelten Sträßchen in der Altstadt von Mulhouse. Eine Werbetafel mit Fotos macht hier auf Julie Lacours Atelier aufmerksam, das ganz unprätentiös im Erdgeschoss eines alten Wohnhauses untergebracht ist. Dicht an dicht reihen sich in den engen Räumen Regale und Kleiderständer voller Entwürfe und mit bereits fertig gestellten Teilen von Julies Kollektion. Die junge Modedesignerin, die ein Studium in Paris absolviert hat, fertigt vor allem Einzelstücke und „customisiert“. Was soviel bedeutet, dass „alte“ Kleidungsstücke durch einige Veränderungen einen ganz neuen Look erhalten. Ein etwas verblichenes Armeehemd wird dank Bordüren und Volants zu einer nahezu eleganten Bluse, schlichte Oberteile mausern sich durch knallbunte Applikationen zum „Hingucker – Julie lässt ihrer Fantasie freien Lauf, wenn es darum geht, etwas langweilig gewordener Kleidung das gewisse Etwas zu verpassen.

Das Manchester Frankreichs

Dass sie das gerade in Mulhouse und nicht in dem etwas internationaleren Straßburg tut, hat seinen Grund. Denn Mulhouse war bis ins 20. Jahrhundert hinein ein wichtiger Standort der europäischen Textilindustrie und galt lange als das „französische Manchester“. Nach der Stilllegung der meisten Betriebe ist davon freilich nicht mehr viel zu spüren, dafür lockt das „Musée de l’impression sur etoffes“, das Stoffdruckmuseum, Besucher aus aller Welt an. Direktor Jean-Francois Keller ist vor allem stolz auf sein gewaltiges Archiv – mehrere Säle, in denen sich Regale voller Bücher mit Stoffmustern aneinanderreihen. Er schätze, dass es zwischen drei und sechs Millionen Stoffproben seien, so Keller, gezählt habe er sie freilich nicht. Vorsichtig zieht er eines der Bücher mit leicht zerschlissenem Einband hervor, ein ganzes Buch voller Muster für Herrenhemden des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Eine Überraschung, denn kleine Windhunde, Regenschirme und Kleeblätter geben eine Ahnung davon wie fantasievoll und mitunter recht farbenfroh sich die Herren damals kleideten. Und erst recht die Damen. Zwar herrscht bei den Stoffproben das Paisleymuster, das ursprünglich auf eine stilisierte Träne oder Dattel zurückgehen soll, in verschiedensten Variationen vor, doch verblüffen auch hier Muster und Farbstellungen durch ihre Modernität. Oder Zeitlosigkeit. Dass sie damit einen Schatz in ihrem Museum haben, das wissen Jean-Francois und seine Mitarbeiter ganz genau – und auch Besucher aus Europa, den USA und Japan, die zu Recherchen nach Mulhouse kommen, um hier das Archiv zu benutzen. Selbst Designer von IKEA holen sich hier mittlerweile Anregungen für die Gestaltung von Heimtextilien – von der Bettwäsche bis zum Geschirrhandtuch.Doch zurück zu Julie Lacour, die ihre Kollektionen bereits erfolgreich auf mehreren Modeschauen in der Region präsentiert hat, regelmäßig auf Messen unterwegs ist und bereits wieder die nächsten Projekte vorbereitet. So wird sie vermutlich auch in diesem Jahr wieder am „Designer-Weihnachtsmarkt“ in Wesserling eine Autostunde westlich von Mulhouse teilnehmen. Auf einem 17 Hektar großen Areal entstand 1762 eine der größten Fabriken Europas mit zeitweise bis zu 6000 Arbeitern. Vor allem wurden hier die damals so beliebten Baumwollstoffe, die „Indiennes“ hergestellt und bedruckt – um die langen Stoffbahnen zu färben und zu trocknen benötigte man riesige Hallen.

Museum, Ausflugsziel und Sozialprojekt

Heute ist der „Parc de Wesseling“ ein liebevoll gestaltetes „Ecomusée“, in dem man viel über Traditionen und Techniken der Textilherstellung erfährt. Dazu gibt es regelmäßige Vorführungen, bei denen gesponnen oder auch der Einsatz der alten Druckschablonen aus Holz vorgeführt wird. In den Parkanlagen wird das Thema Textil jedes Jahr auf andere, aber immer fantasievolle Weise umgesetzt – von jungen Leuten, die „auf dem ersten Arbeitsmarkt als schwer vermittelbar gelten“, so Eric Jacob, der Leiter des Parcs de Wesserling. Denn der alte Textilstandort versteht sich nicht nur als Museum und Ausflugsziel sondern auch als Sozialprojekt und neuerdings auch wieder als Produktionsstätte.

In einigen der alten Werkstätten sind moderne Ateliers eingerichtet worden, die Etagen darüber wurden zu Wohnungen ausgebaut. Durch die günstigen Mieten ist der Standort attraktiv für junge Kreative wie beispielsweise die Modedesigner Tania Dietrich und Stéphane Thomas, die das Label „Souen“ gegründet haben. Sie finden nicht nur in den Archiven der alten Manufaktur Inspiration für ihre Roben aus schillernden oder transparenten Stoffen, sondern auch im Netzwerk der hier tätigen Künstler. Rund 250 Jahre nach dem Bau von Wesserling wird damit nun wieder kreativ in den alten Hallen gearbeitet – neues Leben für einen traditionsreichen Ort.

Sabine Loeprick

Infos:

www.tourisme-mulhouse.com
www.musee-impression.com
www.parc-wesserling.fr

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