Italien: Dolce Vita in der Toskana

Pisa

In Pisa fällt der Turm um

*Pisa, das Tor zur Toskana, durch das sicher auch schon viele deutscheBesucher kamen und gingen. Oder besser: flogen. Vom Flughafen „Galileo Galilei” erreicht man in kürzester Zeit alle interessanten Ziele der Region. Florenz in einer Auto- oder Zugstunde, Siena in zwei, Lucca und Livorno in weniger als einer halben. Pisa-Sehenswürdigkeit Nr. 1, klar: der schiefe Turm. Der 1173 erbaute Koloss erstaunt durch seine 3,97 Grad Schräglage, die ihm beigestellte Kathedrale, das Baptisterium, imponiert durch gewaltige Architektur. Zwischen den Gebäuden grinsen die Touristen in zahlreiche Nikons, Leicas oder Sonys. Absolutes Must-Have: Das obligatorische „Ich-stütze-mich-gegen-den-Turm-damit-er-nicht-umfällt-Foto“.Pisa, Schiefer Turm

An einem solchen Touristen-Hot-Spot exklusives, ursprüngliches Toskana-Flair zu genießen, fällt schwer, klar.

Cappuccino für fünf Euro

Florenz ist da schon ein besserer Tipp. Exklusiv jedoch sind hier besonders die Preise. So sitzen wir auf dem Piazza della Signoria im Caffé Rivoire, bewundern den Neptun Brunnen und trinken einen sehr guten Cappuccino – für stolze fünf Euro, je Tasse wohlgemerkt. Aber was haben wir anderes erwartet? Immerhin befinden wir uns inmitten der Hauptstadt der Toskana. Also suchen wir weiter fernab der Metropolen.
Funktionierte toskanische Politik heute immer noch wie im Mittelalter, würden Berlusconi & Co. wohl eingepfercht in sogenannten Geschlechtertürmen urlauben. Noch im 16. Jahrhundert nämlich maß man den Einfluss einer Familie an der Höhe des zum Haus gehörigen Turms. Frei nach dem Motto: Die Mächtigste hat den Längsten. Leider jedoch lebte man dort damals wie heute ohne jeglichen Luxus – denn der ist auf so wenig gestapelten Quadratmetern kaum unterzubringen. San Gimignano besitzt insgesamt noch 15 dieser rudimentären Statussymbole. Sehenswert ist in der 7700 Einwohner Stadt außerdem die pittoreske Architektur, die im 16 Jahrhundert stehen blieb.

Champelmo und Dolcemaro

Viel wichtiger jedoch scheinen den vielen Touristen, die selbst hierher in die Peripherie strömen, San Gimignanos kulinarische Highlights zu sein: Crema di Santa Fina (Creme mit Safran und Pinienkernen), Champelmo (rosa Pampelmuse und Spumante) und Dolceamaro (Kräutercreme) – allesamt kreiert von Sergio, Besitzer der inzwischen weltberühmten Gelateria di Piazza. Der Meister der Eisherstellung ist dank seiner Experimentierfreude inzwischen weltbekannt: Der englische Fernsehsender BBC, der schwedische SVT und der deutsche MDR haben ihn schon besucht. Das macht ihn zwar nicht mehr zu einem wirklichen Geheimtipp – schmälert jedoch keinesfalls den originären Geschmack seiner gefrorenen Gaumenfreuden.

Auf dem Heimweg in die verträumten Weinberge Riparbellas, in denen wir ein traditionell möbliertes „Castello“ bewohnen, setzen Weindurst und Magenknurren ein. Nur: Sollen wir jetzt wirklich noch einmal ganz zurück bis in die nächste Kleinstadt Cecina fahren? Immerhin müssen hier in der Gegend für jede kleine Erledigung einige Kilometer zurück gelegt werden. Doch welch ein Glück: An der Bundesstraße SR68 Richtung Volterra kurz vor Cassina die Terra – direkt an der Abzweigung zu unserer bescheidenen Residenz – liegt versteckt zwischen Bäumen auf einem Hügel ein kleines Restaurant: das La Melantina. Während auf der Terrasse die Vorbereitungen für einen durch und durch toskanischen Polterabend stattfinden, sitzen wir drinnen in rustikal-künstlerischer Atmosphäre. Zwar fehlt die Speisekarte, dafür steht schon eine bastumflochtene 2,5 l Weinkaraffe für uns bereit. Eine Katze umstreift unsere Beine und nach und nach füllt sich der Raum mit gut gelaunten Gästen, die den Patrone wie einen lieben Verwandten begrüßen. Natürlich ausschließlich auf italienisch. Etwas verdutzt sind wir schon, als uns schließlich ohne Ankündigung Unmengen an Antipasti serviert werden – fantastische Antipasti! Erst dann kommt der Patrone und erklärt, welche Primi und Secondi heute gereicht werden. Wir essen Ricotta-Ravioli (die auf der Zunge förmlich zerschmelzen) und Risotto (was für eine köstlich-sämige Konsistenz!). Während die Polterabend-Stimmung langsam von draußen nach drinnen überschlägt, gehen wir zum Dessert über: Tiramisu und Pannacotta, wie wir sie – trotz Globalisierungs-Gedöns – in Deutschland noch nie gegessen haben. Nach den Espressi (natürlich aufs Haus) nimmt der Patrone mit beiläufigem Gesichtsausdruck einen karierten Schulblock, setzt sich an seinen Bürotisch, der erstaunlicherweise mitten im Restaurant steht, und addiert alles wie willkürlich zusammen. „Cincin!”, schallt es aus dem Nebenraum. Familie in Toskana

Die Toskana-Fraktion – ein Club der Hedonisten und Luxus-Fans? Ein absolutes Missverständnis, wie Liebhaber der italienischen Provinz wissen. Denn: Der Reiz des Lebens dort besteht in der Einfachheit, vor allem auch der Authentizität der Alltagsküche, der exczellenten „cucina povera“ – wie im La Melantina.

Christina Hollstein

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *