Österreich: Skifahren lernen in zwei Tagen

Wie ein Käfer im Schnee

Edelweissalm, Obertauern

Skifahren, das ist Freiheit, Geschwindigkeit und die Gewaltigkeit  der Natur – das wussten schon die „Beatles“, als sie 1965 das Skigebiet Obertauern als Drehort für ihren Film „Help“ wählten. Bei einem Skikurs durfte unsere Autorin Christina Hollstein jedoch auch feststellen: Nach einem Sturz fühlt sich der Skischützling oft ebenfalls wie einKrabbeltier – eines, das sich hilflos im weißen Puder windet, um wieder zurück auf die Beine zu kommen.

Der Oarsch schaut schon mal gut aus“, brüllt Bernhard, der Skilehrer, durch den grieselig fallenden Schnee. Mit schönem Po und schmerzenden Schienbeinen quält sich Ski-Schützling Julia nach gelungener Schritttempo-Abfahrt im sogenannten „Entengang“, also mit vorn verkreuzten Skiern, wieder die Anhöhe hinauf. Es war ein verlockendes Angebot, das uns – allesamt gebürtige Flachländer – hier auf 1.750 Meter Seehöhe zog: „Skifahren lernen in nur zwei Tagen“. Nun stehen wir, eine bunte Truppe zwischen zwanzig und sechzig Jahren, inmitten des Obertauerner Tals. Um uns herum: Bergmassive samt ihren Pisten, die bedrohlich auf uns herab blicken – das Weißeck (2.711 Meter), der Hochfeind (2.687 Meter) und der Mosermandl (2.680 Meter).

„I hoab a ordentliches Sixpack unterm Schigwand“

„Und jetzt den Helikopter“, ordnet Bernhard an. Sechs erwachsene Menschen drehen sich wie stotternde Zahnräder um die eigene Achse, treten sich dabei selbst auf die sperrigen Skier und taumeln. Erst links herum, dann rechts. Eine etwas groteske Situation, die durch pinke, babyblaue und schweinchenrosafarbene Tchibo-Skihosen und -Jacken – in der Heimat fix zusammengeborgt – nicht unbedingt entschärft wird. „Können wir jetzt endlich Ski fahren?“, nöle ich in ziemlich mädchenmäßiger Manier. Teamkollegin Ulrike, die der Skilehrer von nun an nur noch schelmisch „Ursula“ nennt, stimmt ungeduldig in mein Wehklagen ein. Wenigstens den Übungshügel wollen wir hinunterstolpern. Aber der eingeborene Alpenländer hat kein Erbarmen mit uns – am ersten Tag zu gefährlich! Einziger Wermutstropfen: Mittags bei einer ordentlichen „Gulaschsuppen“ auf der Lürzer Alm verrät uns Bernhard genauso ungefragt wie unverhofft ein Geheimnis. „I hoab a ordentliches Sixpack unterm Schigewand“, schmeißt er in die stumme Runde. Na, wenigstens das.

Obertauern

Eine Limousine, die nun ein Cabrio ist

Statt in eine rustikale Skihütte kehren wir am Abend ins exklusive „Superior Hotel Kesselspitze“ zurück. Und anstelle einer zünftigen Jause erwartet uns – natürlich – ein feines Drei-Gänge-Dinner. Das Interieur des Restaurants: Eine im wahrsten Sinne des Wortes bunte Mischung. Alpenländische Accessoires treffen auf postmoderne Designelemente. Roter Tartan-Teppich, grüne, goldene oder geblümte Mustergardinen, glitzernde Strassstein-Leuchter, weiße Stuckelemente, naturfarbene Holzverkleidungen, verspielte Tischdekorationen, unzählige Hirschgeweihe und – last but not least: Kruzifixe in jedem Saal. Während wir dinieren, kann ich mich fast sekündlich über die Entdeckung eines neuen Details freuen. Hoteldirektor Heribert Lürzer und seine amüsanten Geschichten aus dem Alpen-Alltag tun dann nur noch ihr Übriges. Meine Lieblingsanekdote: Einmal – und das ist hierzulande ja nicht gerade selten – gab es in Obertauern ein gewaltiges Schneechaos. Herr Lürzer, gar nicht dumm, beschließt sodann, sich den Weg einfach mit seiner Schneeraupe in den nächsten Ort zu bahnen, um für seine Gäste wenigstens frisches Brot zu besorgen. Plötzlich jedoch verliert Lürzer im Schneetreiben die Orientierung. Er setzt zurück, fährt wieder vor, weiß nicht wohin. Dann: Ein fürchterlicher Krach. Mit einem Mal sitzt der Hoteldirektor samt Raupe ein Stockwerk tiefer – auf einer Limousine, die nun so etwas wie ein Cabrio ist. Einer der wohl ungewöhnlichsten Schäden, den seine Versicherung je zu bearbeiten hatte.

Ein entschlossener Klaps auf den Allerwertesten

Der zweite Tag. Was gestern noch ein grieseliger Schneewind war, ist heute ein alles frostender Eissturm. Mein Gesicht schmerzt, das Hirn gefriert. Plötzlich erkenne ich den erweiterten Sinn dieser klobigen Helme, die die anderen tragen: Kälteschutz. Schade eigentlich, dass ich dafür zu eitel war. Später, während der Gesichtsbehandlung im Wellnessbereich „der Kesselspitze“, wird die Kosmetikerin einiges zu tun haben, um meine Haut wiederzubeleben. Doch auch der erste Ski-Tag hat bereits seine Opfer gefordert. Die Anzahl der Ski-Neulinge, die heute das erste Mal den Übungshügel hinuntergleiten werden, ist von sechs auf drei geschrumpft. Wir anderen lernen pflügen, kurven, bremsen. Nach der ersten Schleppliftfahrt lässt es sich der Skilehrer nicht nehmen, höchstpersönlich Hilfestellung beim Aussteigen zu leisten – in Form eines entschlossenen Klapses auf den Allerwertesten. „Das ist aber nicht sexuell gemeint“, versichert er fast überzeugend.

Obertauern. Edelweissalm

„Aufgepasst, Crischtie!“

Mittags fahren wir mit der lürzerschen Schneeraupe hinauf auf die Edelweiß Alm. Solide kehren wir in der beschaulichen Gaststube ein. Aus dem Nebenzelt dagegen schallt uns bereits der wohlbekannte „Anton aus Tirol“ entgegen. Dazu tanzend hat das ein oder andere „Skihaserl“ schon das ein oder andere „Skiwasser“ getrunken. Die Party beginnt. Doch auf uns muss die Feuchtfröhlichkeit noch warten. Wir nämlich wollen die erste blaue Piste fahren. Und unter der Aufsicht von inzwischen sogar zwei Skilehrern, nach einigen leichten Stürzen und, na ja, relativ schnell überwundenen Angstmomenten, stellen wir bei der dritten Abfahrt fest: „Wir können Skifahren.“ Ein großartiger Moment. Sogar Bernhard ist zufrieden. Nur beim Sesselliftfahren legt er die gebräunte Stirn in Falten. „Aufgepasst, Crischtie! Beim Ausstieg passieren oft schlimme Unfälle!“, warnt er und legt soviel Dramatik in die dahinschleichende Stimme, wie es einem tiefenentspannten Skilehrer eben möglich ist. Ich lächle in mich hinein – immerhin ist dies die einzige Stelle am Berg, die ebenerdig ist.

Die Beatles in Obertauern

„Das ist Paul McCartney? “, frage ich mich abends bei einem Treffen mit Herbert Lürzer, Heribert Lürzers Vater, Gründer des „Lürzer Ferien“-Imperium zu dem in Obertauern gleich zehn Hotellerie-, Gastronomie- und Sportbetriebe gehören. Doch Lürzer Senior, heute in Aussehen und Art viel eher vom Schlage Gunter Sachs, ist tatsächlich einer der bekanntesten Bürger Obertauerns. Und das nicht nur aufgrund seines unternehmerischen Erfolges. Denn der 68-Jährige war tatsächlich einmal Paul McCartney. Genauer: Sein Ski-Double. 1965 drehten die Beatles in Obertauern „Help!“, einen Film über Liebe und Musik – mit waghalsigen Skistunts. Nur: Keiner der Beatles hatte jemals zuvor auf Skibrettern gestanden. Also engagierte das Filmteam kurzerhand vier Skilehrer der Skischule „Krallinger“. Ausgestattet mit Pilzperücken und den Mänteln der echten Musiker jagten Lürzer und Co also 120 Tage lang die Obertauerner Pisten hinunter. 150 DM verdienten die Doubles je Drehtag – damals ein Vermögen. Ob die britischen Popsongs Herbert Lürzer gefielen? War er vielleicht sogar selbst Fan? „Nein, die Musik habe ich eigentlich nie so richtig verstanden“, sagt Lürzer, „und diesen ganzen Trubel um die Burschen auch nicht.“ Aber kein Grund, seinem neuen Freund Paul nicht einen eigentlich ganz schlichten Wunsch zu erfüllen: Einmal ungestört Ski-schwünge üben. Mit Skimaske und -brille verkleidet schleuste Lürzer Mc Cartney kurzerhand – vorbei an Journalisten und Management – erfolgreich hinauf auf den Berg.Die Beatles in Obertauern

Die Sexyness des Risikos

Der dritte Tag. Die Sonne scheint, der Himmel strahlt eisblau. Erst in dieser Klarheit wird einem die ganze Gewaltigkeit dieser Landschaft bewusst. Übermächtig und doch schützend dominieren die Berge das Bild. Beängstigend und gleichwohl betörend locken die steilen Hänge. Dies ist wohl das Geheimnis einer jeden Skisport-Liebe: Eine Mischung aus Anmut, Freiheit, Naturgewalt, rauschhafter Geschwindigkeit und der Sexyness des Risikos.

Vom Ski zur Anti-Rutsch-Socke

Der Skikurs ist vorbei, kein Bernhard weit und breit. Schade. Dafür treffe ich – typisches Kleine-Welt-Phänomen – meine hier ebenfalls urlaubende Freundin Natalia, was auch toll ist. Natürlich möchte sie meine neu erlernten Skikünste auf die Probe stellen. „Blaue Piste?“, fragt sie grinsend. „Klar!“, nehme ich übermütig ihr Angebot an. Mit dem Sessellift, der im Ernstfall mindestens 25 Meter freien Fall Richtung Piste verspricht, geht es hinauf. Unter uns sprüht eine Schneekanone Wasser auf die Piste, um sie zu festigen. Doch der Wind dreht. Statt der Piste festigt die Schneekanone also mich mit Eiswasser. Noch lache ich. Der Abstand zum Boden verringert sich, wir kommen dem Ausstieg immer näher. Schon das Heben des Haltebügels gestaltet sich umständlich und nicht ohne dass wir uns mit den Skiern in ihm verhaken. Natalia steigt aus, die weiterfahrende Gondel gibt ihr einen Schubs und sie gleitet davon. Ich steige aus, die weiterfahrende Gondel gibt mir einen Schubs – und schmeißt mich um. Noppenartig ist das versprühte Eiswasser unter meinen Skiern gefroren, hat sie so in eine Art Kinder-Anti-Rutsch-Socken verwandelt. Die Seilbahn wird gestoppt. Etwas verstört rette ich mich auf die Edelweiß Alm. Für mich heute nur noch „Skiwasser“, bitte. Was mir bleibt, ist ein leichtes Schleudertrauma und die Erkenntnis: Man darf seinen Skilehrer ruhig ernst nehmen. Denn der kennt nicht nur unsexuelle Hilfestellungen – sondern weiß auch, an welchen Stellen das Risiko am wenigsten sexy ist.

Unsere Autorin Christina HollsteinChristina Hollstein

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *