Deutschland: Gartenträume mit Wunderfelsen

Schloss und Park Oranienbaum

Natur und Kunst im Gartenreich Dessau-Wörlitz

„Hier ist‘s jetzt unendlich schön“, schwärmte Goethe nach einem Besuch der Wörlitzer Anlagen im Mai 1778 in einem Brief an Charlotte von Stein. Auch heute kann sich niemand dem Reiz dieser einzigartigen Parklandschaft entziehen.

Gothisches Haus in Wörlitz

Am frühen Morgen, wenn die Vögel ihr Morgenkonzert beendet haben, ist es noch ganz still. Mild strahlt die Sonne von einem zartblauen Himmel, auf dem grünen Rasen vor dem schneeweißen Schloss stolzieren ein paar Pfauen herum. Der See scheint noch zu schlafen, doch an der Gondelstation warten schon die Gondoliere auf die ersten Gäste. Um den vierarmigen Wörlitzer See ordnen sich fünf Gartenteile, die durch Seen und Kanäle getrennt und über Brücken und Fähren wieder zu einem Gesamtkunstwerk verbunden sind. Verschlungene Parkwege führen durch das grüne und blühende Kleinod – vorbei am Labyrinth und der Roseninsel, dem Gothischen Haus mit seiner vieltürmigen Fassade, dem Pantheon und den Floratempel. In stiller Eintracht stehen Synagoge, Kirche und Schloss beieinander. Überall regen Inschriften, Statuen und Pflanzungen zur Auseinandersetzung mit Natur, Kunst, Geschichte, Mythologie und Philosophie an.

„Wanderer, achte der Natur und Kunst und schone ihrer Werke“, diese Widmung ließ Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau am Altar in Schochs Garten einmeißeln. Nach ausgedehnten Bildungsreisen durch England, Italien, Frankreich, der Schweiz und Holland in Begleitung seines Architekten und Beraters Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff wollte der junge Fürst seinem kleinen Fürstentum ein parkähnliches Aussehen geben. Geprägt auch durch die Ideen Rousseaus sollte es ein „Schauplatz des Lichts, der Ordnung, der Freude und des Genusses“ für alle Einwohner und Besucher werden. So entstand ab 1764 in Wörlitz die erste im Stil eines englischen Landschaftsgartens angelegte Anlage auf europäischem Festland.

Schon Goethe war begeistert

Weit geht der Blick über Wiesen und Wälder, in denen rund fünfhundert verschiedene in- und ausländische Gehölze wachsen. Immer wieder laden Bänke zum Verweilen ein, überraschen neue Sichtachsen, warten versteckte Winkel darauf, entdeckt zu werden. Aus dichtem Grün leuchtet am Ende eines Kanals der weiße Venustempel und am Nymphäum kann man lesen, was Goethe an Charlotte von Stein geschrieben hat: „Hier ist’s jetzt unendlich schön, mich hat’s gestern Abend, wie wir durch die Seen, Kanäle und Wälder schlichen, sehr gerührt, wie die Götter dem Fürsten erlaubt haben, einen Traum um sich herum zu schaffen“. Sechs Mal soll der Dichterfürst in Wörlitz gewesen sein, weiß die Chronik zu berichten. Romantisch und wundersam entspannend ist eine Gondelfahrt durch die schmalen Kanäle, in denen sich das Grün der Bäume und blühenden Pflanzen spiegelt, unter weißen Brücken hindurch und auf den See hinaus. Dabei weiß der Gondoliere auch viel Interessantes und Erstaunliches zu erzählen. Besonders idyllisch und beliebt sind die abendlichen Gondelfahrten, wenn auf Brücken und an den Ufern Musik erklingt.

Ein künstlicher Vulkan

Zu Fuß oder per Gondel kann man den „Wunderfelsen“, die Insel Stein mit der Villa Hamilton am östlichen Ufer des Sees erreichen. Dort ist der einzige künstliche Vulkan Europas ein vielbestauntes Highlight. Nach einem Besuch des Fürsten am Golf von Neapel und in Sizilien, bei dem er gemeinsam mit dem britischen Diplomaten Sir William Hamilton den Vesuv bestiegen hatte, ließ er von 1788-1794 die Felseninsel errichten – eine Nachbildung des Vesuvs mit Kratersee, Höhlen, Grotten, Römischen Bädern und einem Amphitheater. Rundherum vermitteln Agaven, Feigen, Pappeln und pinienförmig geschnittene Kiefern den Eindruck einer italienischen Landschaft. Nach einer 7,5 Millionen teuren Restaurierung ist die Felseninsel seit 2005 wieder zu besichtigen. Ein spektakuläres Ereignis dürfte am 24. August zahlreiche Besucher anlocken, wenn anlässlich des 800-jährigen Jubiläums von Sachsen-Anhalt der künstliche Vulkan wieder Feuer spuckt.

Sechs Parks mit Schlössern

Die 112 Hektar große Wörlitzer Anlage ist das Herzstück im Gartenreich Dessau-Wörlitz, einer einzigartigen, in sich geschlossenen Garten- und

Wörlitzer Anlage, Park mit See

Schlösserlandschaft, die seit 2000 zum UNESCO-Welterbe gehört. Auf 142 Quadratkilometern liegen sechs Parkanlagen mit Schlössern und vielen Kleinarchitekturen. Als „Perle des Rokoko“ gilt Schloss Mosigkau, das in der Mitte des 18. Jahrhunderts als Sommersitz für Prinzessin Anna Wilhelmine, die Lieblingstochter von Fürst Franz, erbaut wurde. Das als kleines Sanssouci bezeichnete Haus zählt zu den letzten weitgehend erhaltenen Rokokoensembles Mitteldeutschlands. Neben siebzehn Räumen mit prachtvollem Interieur beeindruckt besonders der mit reicher Stuckzier ausgestattete Galeriesaal, dessen Wände dicht bei dicht mit bedeutenden Gemälden flämischer und holländischer Meister, u.a. von Rubens, Van Dyck und Jan Brueghel bestückt sind. Durch die raumhohen Fenster geht der Blick auf den schönen Rokokogarten, dessen Wege von seltenen, jahrhundertealten Orangenpflanzen gesäumt sind.

Schloss Luisium

Die wohl idyllischste Anlage ist Schloss und Park Luisium am Rand von Dessau. Das Landhaus ließ Fürst Franz für seine Gemahlin Louise als privaten Wohnsitz errichten. Die kleinen Räume sind mit anmutigen klassizistischen Wand- und Deckenmalereien verziert und zaubern dem Besucher ein Lächeln auf die Lippen. Außergewöhnlich auch das Ankleidezimmer der Fürstin in Form eines laubenartigen Spiegelkabinetts. Anders als die heiter wirkenden privaten Räume ist der Festsaal prächtiger und kühler ausgestattet. Umgeben ist das Schlösschen von einem weitläufigen Landschaftsgarten mit zahlreichen Skulpturen, Brunner, Grotten und künstlichen Ruinen, in dem es sich herrlich lustwandeln läßt.

Schlosspark Luisium bei Dessau

Schloss Oranienbaum

Ein kleines Stück Holland ist das Stadt-, Schloss- und Parkensemble Oranienbaum. Auch wenn noch viel Zeit vergehen wird, bis der ehemalige Glanz des Hauses wieder hergestellt ist, können die meisten Räume besichtigt werden. Umfassend restauriert und in seiner ganzen Pracht erlebbar ist der Saal mit den kostbaren Goldledertapeten. Auch ein Teil der bedeutenden Fayence-Sammlung und der ganz in Blau mit Delfter Fliesen ausgestattete Sommerspeisesaal kann bewundert werden. Schirmherrin der Restaurierung ist die Königin der Niederlande Beatrix. Ein gärtnerisches Schmuckstück ist der 28 Hektar große Schlossgarten mit den unzähligen Orangenbäumchen und dem historischen Brunnen, von dem eine zwölf Kilometer lange Alle direkt nach Dessau führt. Der Barockgarten ist offen zugänglich und mit seinen gepflegten Anlagen und Bänken beliebt nicht nur bei Besuchern sondern auch bei den Bewohnern Oranienbaums. Restauriert wird zurzeit auch der englisch-chinesische Garten mit dem chinesischen Haus und der fünfgeschossigen Pagode. Ein Anziehungspunkt dürfte auch die große Sommerausstellung im Schloss sein, die vom 28. April bis 30. September erstklassige niederländische Design- und Modeobjekte präsentiert und durch historische Exponate aus dem Königlichen Hausarchiv in Den Haag bereichert wird.

Christel Seiffert

Infos: www.woerlitz-information.de; www.gartenreich.com

 

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