Kanada: Angeln für Einsteiger

Angeln in Kanada

Fette Beute im hohen Norden

In den einsamen Seengebieten des kanadischen Nordwestens ist Angeln auch für Einsteiger ein ganz besonderes Erlebnis

Als ich das letzte Mal eine Angel in der Hand hielt, war ich acht Jahre alt und kannte lebende Fische nur aus dem Aquarium. Ich machte mit meinen Eltern Urlaub an einem Waldsee in Ostdeutschland. Mein Vater zeigte mir, wie man aufgeweichte Brotkrumen an einem Haken befestigt und den selbstgebastelten Köder ins Wasser wirft. Jetzt müssen wir nur noch warten, sagte er. Wirst schon sehen, macht Spaß, das Fischen.

Bestimmt zwei Stunden lang schaute ich nahezu regungslos aufs Wasser. Spaß machte das nicht gerade. Die Fische bissen einfach nicht an. Ich langweilte mich. Bis es plötzlich an der Strippe zuckte und ruckelte. Ich hatte eine Bachforelle an der Angel. Toll, dachte ich, als ich sie an Land zog. Und nun? Musst du sie töten, sagte mein Vater. Er reichte mir einen Holzknüppel, mit dem ich das zappelnde Ding erledigen sollte. Auf einmal tat mir der Fisch irrsinnig leid. Ich packte ihn an seinem glitschigen Körper – und warf ihn zurück in den See. Aus dem Jungen wird nie was, muss mein Vater in dem Moment gedacht haben.

Rund 20 Jahre ist das nun her, und doch fällt mir die Geschichte ein, als ich mit meinen drei Mitreisenden an einem verhangenen Nachmittag im August auf einen Angelkutter klettere. Wir befinden uns in Yellowknife, einer ehemaligen Goldgräberstadt, umgeben von den Wäldern und Seen der Nordwest-Territorien Kanadas. Der ostdeutsche Urlaubsort meiner Kindheit liegt über 6.500 Kilometer entfernt, die Erinnerung an mein erstes Angelerlebnis ist verblasst. Die Skepsis aber ist geblieben: Was um Himmels Willen soll am Fischen bloß so toll sein?

„Das ist fast wie Meditation“, erklärt Carlos Gonzalez, unser Steuermann und Guide, während er den Motor anlässt. „Beim Angeln kannst du alle Sorgen vergessen.“ Einfach abschalten, die Stille genießen, Vögel beobachten – seit er vor 32 Jahren mit seinen Eltern hierher gezogen ist, geht Carlos mehrmals die Woche aufs Wasser. Manchmal sieht der 52-jährige Spanier mit dem grauen Stoppelbart und den vom rauen Klima geröteten Wangen auch Adler über den See gleiten. „Ein tolles Schauspiel“, sagt er.

Carlo Gonzales

Carlo Gonzales zeigt wie es geht

Wir lassen Yellowknife hinter uns und fahren auf den Great Slave Lake, den fünftgrößten See Nordamerikas. Es weht ein frischer Wind, wir ziehen die Reisverschlüsse unserer olivegrünen Regenanzüge bis unters Kinn. Vereinzelt begegnen wir Cabins, fest verankerten Hausbooten mit begehbarer Veranda. Einige sind knallrot, andere in dunklen Blautönen gestrichen. In ihnen verbringen die Stadtbewohner ihre Wochenenden.

Je länger wir unterwegs sind, desto karger wird die Landschaft um uns herum. Unser Weg schlängelt sich an grünbewachsen Inseln vorbei, am Horizont reihen sich schmale Fichten und Kiefern wie aufgesteckte Streichhölzer aneinander. „Wegen der kurzen Sommer wachsen die Bäume hier nicht besonders üppig”, sagt Carlos. Die Weite des kanadischen Nordens übt eine ungewohnte Ruhe auf uns aus. Obwohl die Nordwest-Territorien etwa so groß sind wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien zusammen, leben hier gerade mal 40.000 Menschen. Hier draußen spielt die Zeit keine Rolle. Überfällige Termine und anstehende Telefonate sind wie vergessen.

Nach einer halben Stunde schaltet unser Guide den Motor aus, wir lassen uns treiben. „Lust auf eine Angelstunde?”, fragt Carlos. Klar, antworte ich. Jedes Hobby hat eine zweite Chance verdient – und einen Angelschein brauche ich hier ohnehin nicht. Er drückt mir einen der langen, spitz zulaufenden Bügel mit der metallikfarbenen Rolle in die Hand. Am Ende der gelben Angelschnur baumelt ein farbiger Blechköder, der in seiner Form an einen Schuhlöffel erinnert. Die Fische im Great Slave Lake müssen riesig sein – mit Brotkrumen kommt man hier offenbar nicht weit.

Ich schwinge den Haken erst über meine Schulter, dann mit einem Ruck in Richtung Wasser – und versuche, dabei weder meine Mitreisenden noch mich selbst zu verletzen. Der erste Versuch scheitert kläglich. Die Strippe verheddert sich, mein Köder trifft gefühlte fünf Meter vom Bootsrand entfernt ins Wasser. „Nein, nein, so nicht“, sagt Carlos und schüttelt den Kopf. Angeln sieht anders aus.

Dass Fischen aber keine schwarze Kunst, sondern durchaus schnell zu erlernen ist, erfahre ich schon nach einer halben Stunde Übung. Nach Carlos‘ Anleitung halte ich die Angel locker in der Hand, werfe den Köder in hohem Bogen über meinen Kopf. Anschließend ziehe ich ihn wieder ein, damit er unter Wasser für die bis zu 30 Kilogramm schweren Hechte und Forellen nach schwimmender Beute aussieht. Und beginne das Spiel von vorne. Gar nicht so schwer.

Über uns bricht plötzlich der Himmel auf, von Weite hören wir das Geschnatter eines Vogelschwarms. Tatsächlich, denke ich, während ich an meiner Kurbel drehe: Angeln hat etwas sehr beruhigendes.Erfolgreicher Fang

Gestört wird die Idylle, als bei einem meiner Kollegen der erste Fisch anbeißt. Ein Riesending ist das, ruft er schnaufend. Seine Angelspitze biegt sich, als würde sie gleich brechen. Carlos hilft, zieht einen riesigen Hecht ins Netz. Ein Prachtkerl. Und nun? Ich töte ihn nicht, murmle ich mit böser Vorahnung. Doch meine Befürchtungen sind ganz umsonst. Unser Motto lautet heute: „Catch and Release“. Was gefangen wird, wird kurz fotografiert – und kommt danach zurück ins Wasser.

Als wir zwei Stunden später an einer unbewohnten Insel anlegen, um über dem offenen Feuer ein Abendessen zu bereiten, ist meine Bilanz aus professioneller Sicht ernüchternd: Obwohl ich schnelle Fortschritte gemacht habe und zuletzt sogar mit dem Angeln gar nicht mehr aufhören wollte, habe ich nichts gefangen. Im Gegensatz zu meinen Mitreisenden: Mehr als fünf Fische haben sie am Haken gehabt.

Schlimm ist das für mich aber trotzdem nicht. Denn nach einem Tag auf dem Wasser fühle ich mich wie nach der Sauna: einfach rundum entspannt. Der frische Wind im Gesicht, vor einem das kräuselnde Wasser – das ist es wohl, was das Angeln ausmacht. Ein Gefühl, das besser schmeckt als jeder Fisch.

Philipp Eins  

Info:

British Airways fliegt für rund 600 Euro von Frankfurt nach Calgary und zurück. Von dort aus kann man die Nordwest-Territorien beispielsweise mit der Inlandsgesellschaft WestJet erreichen, ein Rundflug kostet rund 190 Euro.

Bei dem Anbieter Yellowknife Outdoor Adventures von Carlos Gonzalez lassen sich nicht nur Tagestouren, sondern zwischen Juni und Oktober auch dreitägige „Fishing Packages“ buchen. Darin enthalten sind neben geführten Angelrouten die Übernachtungen in einem Hotel und Verpflegung.

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