Hongkong: Inseln vor der Großstadt I

Central

Hongkongs Innenstadt wirkt auf viele wie ein Strudel. Wer aber aus dem Gewusel zurücktritt und die umliegenden Inseln erkundet, kann die Vielseitigkeit der Metropole entdecken.

Die Skyline entlang des Victoria Harbour bei Nacht. Märkte, auf denen von geschnitzten Namensstempeln bis zu tanzenden Coladosen alles feilgeboten wird. Geschäftsleute in Anzügen, die von ihren Luxushotels zum nächsten Meeting flitzen. Tempel, umzingelt von Wolkenkratzern. Vollgestopfte Fußwege, auf denen die Leute ihrem nächsten Restaurantbesuch entgegeneilen und sich dabei zwischen McDonalds und Hühnerfüßen entscheiden.

Das sind Bilder, die der Begriff Hongkong hervorruft. Doch Hongkong ist keineswegs ein reiner Großstadtdschungel voller Betonbauten, glitzernder Glaspaläste und überfüllter Straßen – im Gegenteil: In den Randgebieten übersteigen die Geburtenraten wildlebender Affen jene ihrer menschlichen Verwandten um ein Vielfaches. Mehrere tausend Makaken bevölkern die Gegend um das Shek Lei Pui Reservoir und Golden Hill, der mittlerweile auch „Monkey Hill“ genannt wird, und vermehren sich nahezu unkontrolliert.

Wandern in HongkongLediglich ein Viertel der Metropole ist bebaut. Der Rest: wogende Hügellandschaften, Berge und Wälder, Küsten mit ihren Buchten und Stränden, und 236 Inseln. Viele von ihnen sind unbewohnt. Manche sind karg und felsig, andere bedecken Graslandschaften, auf wieder anderen sind tropische Wälder entstanden. Auf einigen liegen  Dörfer und kleine Städte, in denen das Leben meist traditionell und ländlich ist. Die Bewohner leben seit mehreren tausend Jahren vom Fischfang, von der Landwirtschaft und vom Verkauf ihrer Waren in bescheidenen Läden.

Hinaus auf die Inseln

Im Fünfminutentakt tuckert die Star Ferry über Victoria Harbour. Seit 1888 setzen die historischen, grünweißen Schiffe an dieser Stelle über – heute befördern sie täglich 70.000 Menschen. Sie bringen Reisende aus den nördlichen Bezirken nach Hongkong Island. Die quirlige Insel bietet all das, was sich viele Besucher unter Hongkong vorstellen: den Victoria Peak am Hafen, Bürotürme in Central, Märkte in Stanley – und noch mehr. Auch auf dieser Insel, die heute neben den New Territories, der Kowloon-Halbinsel und den vorgelagerten Inseln eines der vier Hauptgebiete Hongkongs ist, gibt es grüne Flecken und interessante Wanderrouten. Der Dragon’s Back Trail wurde 2004 von der asiatischen Ausgabe der Time als der „beste städtische Wanderweg Asiens“ ausgezeichnet.

Hongkong IslandAuf Hongkong Island befinden sich die Anlegestellen der Fähren, die die vorgelagerten Inseln ansteuern. Die Sitze auf der linken Seite bieten die beste Sicht, denn hier ziehen Central und der Western District mit ihren Hochhäusern und Einkaufszentren vorüber, hinter denen die Berge in die Höhe ragen. Die Fähre teilt sich das Wasser mit haushohen Containerschiffen sowie nussschalenartigen Fischerbooten und passiert winzige Inseln.

Lamma Island Nach einer guten halben Stunde erreicht die Fähre Sok Kwu Wan, die kleinere und südlicher gelegene der zwei erwähnenswerten Ortschaften auf Lamma Island. Das 300-Seelennest lockt mit seinen Open-Air Fischrestaurants mit Blick auf schwimmende Fischfarmen, wo die Malzeiten frisch gefangen werden. Die Farmen sind Hongkongs größte Ansammlung traditioneller Flöße zur Fisch- und Garnelenaufzucht und eines der letzten Überbleibsel der hiesigen Fischindustrie vergangener Tage.

Yung Shue Wan, der größte Ort der Insel, quillt von Cafés, Handwerkshops und Besuchermassen beinahe über. Der Weg dorthin führt durch Old Village Mo Tat. Diese Siedlung ist beinahe ausgestorben, die 1932 eröffnete Schule zerfallen.

Fischfarm auf Lamma Island „Damals war das Leben noch einfach“, sagt Huang Shuo, einer der wenigen verbliebenen Einwohner im Dorf, und deutet auf das zweistöckige Gebäude.

„Aber die Dorfschulen genügen den Ansprüchen schon lange nicht mehr. Klassenräume müssen jetzt klimatisiert sein und über Computer verfügen und all das.“

Heute kümmert sich der ehemalige Lehrer um seine kleinen Reisfelder und eine Bananenplantage.

Kurz vor Yung Shue Wan, nachdem mehrere Berge überwunden sind, passiert der Wanderer den Hung Shing Yeh Strand mit seinen BBQ-Plätzen. Er ist der beliebteste Strand der Insel, obwohl er auf bizarre Weise von drei riesigen Schornsteinen eines Kraftwerks überschattet wird, das auf der angrenzenden Landzunge Kohle in Energie umwandelt und neben dem Zementwerk einer der landschaftlichen Wermuttropfen auf Lamma Island ist.

Die mittlerweile stillgelegte Zementfabrik hat ihrerseits Spuren hinterlassen. Nicht nur die Hänge wurden – wie überall in Hongkong – auf wenig ansehnliche Weise einbetoniert. Nein, auf Lamma Island bestehen auch sämtliche Wander- und Spazierwege aus Betonplatten. Der Wanderer kann stundenlang an Buchten entlang schlendern, Wälder erkunden und Berge bezwingen, ohne den Fuß ein einziges Mal auf ein Stück Erde gesetzt zu haben. Aber die abwechslungsreiche Natur beiderseits der Wege entschädigt allemal für diese Eigentümlichkeit.

Erik Lorenz (www.Erik-Lorenz-Autor.de)

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