Hongkong: Inseln vor der Großstadt II

Lantau Island

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Ähnlich beliebt wie Lamma Island ist Cheung Chau. Die hantelförmige Insel ist eines der Lieblingsausflugsziele sowohl der Hongkong-Chinesen als auch der Touristen aus aller Welt. Während in den abgelegenen Teilen noch das althergebrachte Dorfleben beobachtet werden kann, herrscht im Sommer besonders in der Nähe des Hafens geschäftiges Treiben. Hier tummeln sich Einwohner, die ihre Erzeugnisse anbieten, Fischer, die auf dem Weg zu ihren Booten sind, und die zahlreichen Touristen. Viele Besucher leihen sich an der Hafenpromenade, der Praya, Fahrräder aus, um die Insel mit ihren Bergen und Aussichtspunkten zu erkunden – das ist besonders reizend, weil es auf der ganzen Insel kein einziges Auto gibt. Die einsamen Buchten, die sie dabei entdecken, sehen von den Hügeln aus wie aus dem Bilderbuch, bieten aber nach dem Abstieg aus der Nähe zum Teil ein anderes Bild: streunende Hunde durchstreifen das Treibgut, das von Hongkong City angespült wurde und mit dem die Strände gepflastert sind – ein Abbild der Abfälle einer modernen Gesellschaft. Obstreste, Plastikflaschen, Handschuhe und Glühbirnen, es gibt nichts, was hier nicht herumliegt.

Als Ergebnis der fortschreitenden Entwicklung Hongkongs verschlechtert sich die Wasserqualität des Meeres in einigen Gegenden stetig, so dass in einigen Buchten, besonders in den Northern Territories, das Schwimmen bereits verboten ist. Die beiden Hauptstrände Cheung Chaus, Cheung Chau Tung Wan und Kwun Yam Wan, werden jedoch sauber gehalten und wurden mit der Bestnote auf der vierstufigen Skala für Wasserqualität eingeteilt.

alte Damen in Hongkong

Hier trainierte die Windsurferin Lee Kin Wo, die erste und letzte Athletin, die eine olympische Goldmedaille für Hongkong gewann, bevor es 1997 wieder ein Teil von China wurde. Noch heute betreiben Windsurfer und Kanupaddler hier Sport, und auf den strandnahen Bänken sitzen Verliebte und beobachten, wie Ausflügler Frisbee spielen oder Drachen steigen lassen. Dabei sind sie stets darauf bedacht, ihre Haut so wenig wie möglich der direkten Sonne auszusetzen. Während in Deutschland eine gebräunte Haut gemeinhin auf einen gewissen Wohlstand hindeutet, der sonnige Urlaube ermöglicht, bringen die Chinesen dunkle Haut mit niederen sozialen Schichten in Verbindung, die körperliche Arbeit verrichten müssen, etwa auf den Feldern.

Cheung Chau BUnfestivalBerühmt ist die Insel neben den vorzüglichen Fischrestaurants für das farbenfrohe Cheung Chau Brötchen Festival. Jedes Jahr schminken und kostümieren sich die Menschen eine Woche lang; Kinder „schweben“ durch die Luft, befestigt an Seilen und auf Stelzen laufend; es gibt Löwentänze und Paraden. Beim Höhepunkt, dem Brötchenturm-Wettbewerb, klettern Wagemutige mit Brötchen gespickte Bambusgerüste hinauf und sammeln möglichst viele der glückbringenden Gebäcke. Der Wettkampf findet auf dem Platz vor dem Pak Tei Temple statt, der 1783 gebaut wurde und damit der älteste Tempel der Insel ist.

Eine Besichtigung dreitausend Jahre alter Steinschnitzereien unweit des Warwick Hotels und der Cheung Po Tsai Höhle schließen den Besuch dieser Insel ab.

Ihren Namen verdankt die Höhle einem Piraten aus Guangzhou, der während der Qing-Dynastie die umliegenden Gemeinden terrorisierte und sich in der Höhle versteckte. Dieser Pirat versuchte den Überlieferungen zufolge auch, die winzige Insel Peng Chau zu plündern, wurde aber durch das Erscheinen der Meeresgöttin Tin Hau abgehalten, der Beschützerin von Seefahrern und Fischern. Ihr zu Ehren wurde 1798, im dritten Jahr der Herrschaft des Qing-Kaisers Jiaqing, auf Peng Chau der Tin Hau Tempel errichtet – einer von mehr als zwei Dutzend in ganz Hongkong. Er beherbergt nicht nur ein Gedicht, das dem rechtzeitigen Erscheinen der Tin Hau gedenkt, sondern auch eine Walrippe von der Größe zweier Menschen.

Wie im extrovertierteren Cheung Chau befindet sich das Dorf in der Mitte der Insel, mit Bergen im Norden und Süden. Auf diesen Bergen ruhen zwischen Bananenplantagen in typischen Grabstätten aus geschwungenen Betonformen die Dahingeschiedenen, meist chinesische Fischer früherer Generationen. Schmetterlinge tanzen zwischen Bambusdickichten, Kakteen und Farnen, Grillen zirpen und Vögel singen, und Hähne krähen in der Ferne. Die Luftfeuchtigkeit ist in dem kleinen tropischen Dschungel um ein Mehrfaches höher als in der Siedlung.

Dort reihen sich Geschäfte links und rechts der schmalen Gassen auf: Textilien stapeln sich in winzigen Einbuchtungen, Fleischer zerhacken am Rand des Gehwegs das nächste Abendessen der Anwohner, Gemischtwarenhändler bieten von Räucherstäbchen über Fahrradschläuche bis hin zum neuen Haarschnitt alles an.

Auf der Südseite der Insel, zwischen Finger Hill und der Choi Yuen Schule, betreibt eine Gemeinschaft von Einwohnern eine organische Farm. Eine von ihnen ist Xu Zhang, eine 75-jährige Frau, die mit ihrem Hund in einem einfachen Haus unweit der Farm lebt. Sie bewirtschaftet nur noch ein kleines Feld. Ein paar Zeilen mit Salaten, einige Tomatenstauden, das ist alles, was sie noch bewältigt.

„Vor einigen Jahrzehnten haben wir noch unseren eigenen Bedarf an Gemüse gedeckt“, erinnert sie sich. „Die ganze Insel hat von dem gelebt, was ihre Bewohner angepflanzt haben. Aber den jungen Leuten ist die Landwirtschaft zu anstrengend geworden.“

Sie lächelt milde und erklärt, dass zur Bewässerung das Bergwasser verwendet wird. Strom wird durch die Energie der Sonne und des Windes gewonnen. Xu Zhang ist stolz auf die Fortschrittlichkeit in der Tradition.

Peng Chau ist nicht einmal einen Quadratkilometer groß; trotzdem produzierten hier während der 60er und 70er Jahre hunderte Fabriken Güter. Eine von ihnen war die größte Streichholzfabrik Südostasiens. Mittlerweile sind die Fabriken lange verschwunden: Die Streichholzfabrik ist nur noch eine Ruine ohne Fenster und Dächer. Aus den Betonwänden wachsen Sträucher und kleine Bäume.

Vor der Promenade tänzeln einige Fischkutter und Dschunken in den sanften Wellen. Fischer flicken alte Netze, Frauen zerlegen den frischen Fang oder trocknen ihn in der Sonne, runzlige Damen sitzen auf Plastikstühlen am Ufer und beobachten das Geschehen. Es sind die alltäglichen Szenen eines Dorfes, in dem das Leben ruhiger und geordneter ist als in den Teilen Hongkongs, die die meisten Touristen kennenlernen.

Wandern auf lantauIn krassem Gegensatz zum Mikrokosmos von Peng Chau steht Hongkongs größte Insel Lantau Island. Infolge der Gründung moderner Siedlungen, Hongkongs neuem Flughafen und dem 2006 eröffneten Disneyland haben sich Teile der Insel in den vergangenen Jahren stark verändert. Dennoch bleibt die Insel anziehend: Parkanlagen, einsame Strände, Tempel und kleine Dörfer wollen besichtigt werden. In Tai O leben Angehörige des Tanka-Fischervolkes in einem Wirrwarr aus Häusern, die auf Pfählen über dem Wasser gebaut wurden.

Über die Insel schlängelt sich der Lantau Trail, ein siebzig Kilometer langer Wanderweg mit zwölf Abschnitten, der ungerechtfertigter Weise ein Schattendasein hinter dem deutlich bekannteren MacLehose Trail fristet, obgleich besonders die ersten drei Sektionen durch einige der spektakulärsten Landschaften führen, die Hongkong zu bieten hat. Der Pfad windet sich an eindrucksvollen Felsformationen vorbei und über schroffe Berge hinweg, die sich beinahe eintausend Meter über die an ihren Füßen liegenden Strände erheben. Big Buddha, Lantau

Abschnitt drei endet am Po Lin Kloster und dem Großen Buddha, der mit über dreißig Metern Höhe weltgrößten sitzenden Buddhastatue und einer der größten touristischen Attraktionen Hongkongs. Das umliegende Dorf Ngong Ping ist nach der Naturbelassenheit des Lantau Trails ein kleiner Schock: Heerscharen von Besuchern werden von einer Seilbahn den Berg hoch gebracht. Asphaltierte Wege, Imbissbuden, Souvenirgeschäfte mit Buddhas aus Holz, Jade und Plastik in allen Größen und Farben, ein Animationstheater und ein Museum – ein kleiner Freizeitpark.

Die Inseln Hongkongs verändern sich. Nachkommen von Familien, in denen der Fischfang und die Landwirtschaft über Jahrhunderte Brauch waren, suchen ihr Glück auf dem Festland. Und Menschen, die dem Trubel der Großstadt entfliehen wollen, ziehen auf die Inseln. Schulen schließen, Restaurants eröffnen. Neue Siedlungen werden gebaut, während alte Felder brach liegen. Die Veränderungen sind an vielen Orten sichtbar. Eines wird sich aber so schnell nicht ändern: Wer Hongkong kennenlernen möchte, sollte Hongkongs Inselwelten nicht verpassen. Wie die pulsierende Innenstadt sind sie ein wesentlicher Bestandteil der Identität der Metropole.

Erik Lorenz

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