Griechenland: Wandern auf Korfu

Korfu: Zum Faulenzen zu schade

So verlockend die Strände auch sind – das Landesinnere mit seinen sanften Hügeln, grünen Wäldern und Tälern, mit schattigen Wegen und urwüchsigen Dörfern ist ein reizvolles Wanderparadies

„Habt ihr an genügend Wasser, Sonnenschutz und Kopfbedeckung gedacht“, fragt Reiseleiterin Petra Kiel. Heute wollen wir den Norden erkunden. Ziel unserer Wanderung ist das kleine Bergdorf Giannades. Schon die Busfahrt von Daccia, das an einer halbkreisförmigen Bucht im Osten liegt, ist ein Erlebnis. Kurve für Kurve windet sich die schmale Bergstraße in die Höhe, vorbei an weißen Häusern, versteckt im dichten Grün, aus dem Zypressen wie spitze Nadeln herausragen. Am Dorfplatz in Giannades – mit weitem Blick auf die Ropa-Ebene – werden die Stiefel geschnürt. Auf sanft ansteigendem Hügelland wandern wir an vorbei  blühenden Sommerwiesen und durch Olivenhaine. Es sind keine Plantagen, auf denen die Bäume in Reih und Glied stehen, die oft uralten knorrigen Stämme haben in einer ursprünglichen Landschaft Wurzeln geschlagen. Und  jeder Olivenhain ist anders, der eine durchflutet von Licht, der andere erinnert an einen dunklen, verwunschenen Wald. Unter den Bäumen sind schwarze Netze auf dem Boden ausgelegt, die bei der Ernte von November bis März die Oliven auffangen sollen. Nahezu sechs Millionen Olivenbäume prägen seit Jahrhunderten die Landschaft der Insel, weiß unsere Reiseleiterin.Bergdorf Giannades

Unterdessen hat sich der Himmel bewölkt. Als die ersten Tropfen fallen und der Himmel plötzlich alle Schleusen öffnet, erreichen wir gerade noch die kleine Taverna am Kirchplatz eines Dörfchens. In wahren Sturzbächen strömt das Wasser durch die engen Gassen bergab. Wir sitzen fest, mehr als eine Stunde. Trinken griechischen Kaffe und anderes, warten. Wandern ins Bergdorf Liapades, wo wir erwartet werden, ist jetzt nicht möglich. Doch dann lernen wir griechische Gastfreundschaft kennen. Spyros, Chef der Taverna The Cricketer, kommt mit seinem Minivan und bringt uns trocken nach Liapades, wo wir uns mit korfiotischen Spezialitäten verwöhnen lassen. Ein kurzer Spaziergang führt zu dem kleinen Badestrand. Selbst der grau verhangene Himmel kann den Reiz dieser von Felsen umgebenen Bucht nicht mindern. Doch die Liegen und Boote sind verwaist. Die kleine Beachbar ist geöffnet, aber Gäste sind nicht in Sicht. Liegt es am Wetter oder an den fehlenden Urlaubern?

Zurück im Hotel ist auf der von Weinlaub umrankten Außenterrasse die Tafel gedeckt und der stets zu Scherzen aufgelegte Costas serviert uns das leckere Vier-Gänge-Abendessen. Und wieder einmal genießen wir die bevorzugte Lage dieses Hauses unmittelbar am Meer. Als Michalis Kantarou Anfang der 70ger Jahre sein Hotel erbaute, gab es noch kein Gesetz, das für Hotelbauten einen Mindestabstand von fünfzig Metern zum Wasser vorschreibt. Und so ist das kleine Daccia Beach wahrscheinlich das einzige Hotel, das nur zehn Meter vom Strand entfernt steht. Noch heute sorgen Michalis und seine Frau Margarita für das Wohl der Gäste, Tochter Xanthi erfüllt an der Rezeption alle Wünsche und Sohn Alexander mixt an der Bar auch verführerische Cocktails. Komplett ist die freundliche Familie jedoch erst mit Bruna, den jungen Mischlingshund, der gern mit den Gästen „anbandelt“. Korfu

Strand mit Liegen und Sonnenschirmen

Am nächsten Tag sind die Badesachen im Rucksack verstaut, denn bei unserer Wanderung an der felsigen Nordost-Küste werden wir uns öfter mal erfrischen können. Von Nisaki wandern wir direkt am Meer entlang, auf einem Kies-Steinstrand, der nur von wenigen Sonnenanbetern bevölkert ist. Dann führt der Weg vom Strand auf einem kaum sichtbaren Trampelpfad durchs Gebüsch hinauf und wieder hinunter zur nächsten Bucht. Immer wieder begeistert uns der Blick aufs Meer, das am Ufer  in herrlichstem Türkis leuchtet. Nur ein weißes Segelboot ankert in der kleinen Bucht, als wir uns ins feuchte Nass stürzen. Eine der schönsten Buchten ist die von Kalami. Der nur 250 Meter lange Strand mit Liegen und Sonnenschirmen ist schmal aber idyllisch. Das einstige Fischerdorf Kalami hat eine gewisse Berühmtheit erlangt durch die Familie Durell, die in den 1930ger Jahren hier gelebt hat. In seinem Buch „Meine Familie und anderes Getier“ schildert Gerald Durel, der bekannte Tierfilmer, seine Kindheitserlebnisse auf Korfu, sein noch berühmterer Bruder Lawrenz schrieb über diese Zeit  den Korfu-Klassiker „Schwarze Oliven“. Das weiße Haus am Ufer mit Erinnerungstafeln an die Durells kann heute als Ferienhaus gemietet werden. Nach einer Mittagspause in der Beach Taverna erwandern wir noch einige romantische, winzige oder stille Buchten, bevor am lang gestreckten menschenleeren Strand von Agios Stefanos noch einmal Zeit zum Baden ist.

Italiengefühl in Korfu-Stadt

Von Daccia aus fährt der Linienbus in gut einer halben Stunde nach Korfu-Stadt. Dort hat man das Gefühl, ein bisschen in Italien zu sein. In dem verwirrenden Labyrinth der schmalen Gassen mit ihren italienischen Häusern, schmiedeeisernen Balkonen und schattigen Plätzen streunen Hunde und Katzen herum. Zwischen den Häusern ist Wäsche zum Trocknen aufgehängt, über bröckelnden Fassaden ranken blühende Sträucher.

Korfu Die kleine Hauptstadt ist eine charmante Melange aus griechischer und italienischer Lebensart – denn 400 Jahre lang hatten die Venezianer hier ihre Spuren hinterlassen. Die Altstadt – seit 2007 UNESCO-Weltkulturerbe – gilt als eine der schönsten Griechenlands. Unverzichtbar ist ein Besuch der Alten Festung, dem Wahrzeichen der Stadt. Innerhalb ihrer mächtigen Mauern habe bis zum 16. Jahrhundert ganz Kerkyra gelegen, erzählt unsere Reiseleiterin. Steigt man auf den 60 Meter hohen Hügel hinauf, liegt einem die ganze Stadt zu Füssen. Schönster Platz ist die weitläufige Esplanade, an der sich ein Cafe an das andere reiht. Vollgestopft mit Souvenirgeschäften sind die engen Gassen. Es macht Spaß, dort zu schlendern, in einem der zahlreichen Restaurants zu sitzen und die lebendige Atmosphäre der Stadt auf sich wirken zu lassen.

Heute geht es Richtung Süden, verkündet Petra. Während sich im Norden ein Gebirgszug mit dem fast tausend Meter hohen Pantokrator quer über die ganze Insel zieht, sei der Süden insgesamt flacher. Aber eine Gipfelbesteigung werde es dennoch geben, verrät sie. Im Bergdorf Strongili beginnt unsere Wanderung. Neben ausreichendem Wasser hat jeder auch einen Imbiss im Rucksack, denn heute werden wir ein Picknick machen. Von der Hochebene geht der Blick weit über dicht bewaldete Hügel, aus denen kleine und größere Dörfer wie helle Flecken hervor leuchten. Dann ist der höchste Berg des Südens, der Pantokratoras erreicht. Der „kleine Bruder“ des großen im Norden ist nur 464 Meter hoch. Aus unserer Sicht wirkt er eher wie ein großer Hügel, aber der Weg hinauf muss durch stachliges Gestrüpp erkämpft werden. Auf schmalen Eselspfaden wandern wir bergab, bergauf, ohne einen Menschen zu begegnen. Nur in dem winzigen Dorf Dafnata treffen wir einen alten Mann, der uns überrascht und freundlich begrüßt. Die Sonne brennt von einem wolkenlosen Himmel, der Weg ist meist schattenlos. Unser Ziel, die kleine weiße Kapelle hoch oben auf einem steil abfallenden Felsen scheint noch weit. Doch dann ist es geschafft. Wir sehen in dem winzigen Inneren liebevoll geschmückte Heiligenbilder und Ikonen. Wer mag sie in dieser Einsamkeit aufgestellt haben? Darauf weiß unsere sonst so kundige Reiseleiterin keine Antwort. Gestärkt nach dem Picknick machen wir uns auf den langen Rückweg bergab nach Benitses, einem Ferienort direkt am Meer. Doch noch ist der erlebnisreiche Tag nicht zu Ende. Auf unserem Programm steht nun Korfus wohl bekannteste Sehenswürdigkeit, das Achillion. Hoch über der Ostküste hat die österreichische Kaiserin Elisabeth ihr weißes Schloss in einem herrlichen Park errichten lassen. Gemeinsam mit Besuchern aus vielen Ländern pilgern wir durch die kleinen Räume im Erdgeschoss, durchs prächtig ausgestattete Treppenhaus und genießen von der Terrasse den Blick aufs Meer, der einst Sisi und später auch Kaiser Wilhelm II. bezaubert haben mag.

Ostküste von Korfu

Das Beste kommt zum Schluss

Es heißt ja, das Beste kommt zum Schluss. Und so werden wir nun den Ort sehen, der für viele Korfioten als der schönste auf Erden gilt. Auf uraltem Steinpfad wandern wir bergab nach Lakones an der Nordwest-Küste. Das Bergdorf wird auch als „Balkon des Ionischen Meeres“ bezeichnet, denn von den Terrassen der Cafes und Restaurants blickt man auf Paleokastritsa. Und das Panorama ist tatsächlich überwältigend. Über das grün der Oliven, Zypressen und den gelbblühendem Ginster blickt man hinunter auf das Blau des Meeres mit seinen türkisfarbenen Buchten, die von weißen Steilküsten umrahmt sind. Kein Maler könnte dieses Bild schöner komponieren. Über einen schmalen Fußweg gelangen wir hinunter in den beliebten Urlaubsort an der großen, stark zergliederten Bucht mit ihren kleinen goldgelben Stränden. Einen grandiosen Ausblick bietet auch das hoch über dem Meer thronende kleine Kloster Theotoku mit seiner schönen Kirche und dem blumengeschmückten Innenhof. Wenige Kilometer nordwärts stehen auf einem steil zum Meer abfallenden Bergkegel die Burgruinen von Angelokastro. Die sogenannte „Engelsburg“, die nie erobert werden konnte, war bis ins 18. Jahrhundert immer wieder Zufluchtsort für die Bevölkerung. Unsere letze Wanderung führt wieder durch unendlich scheinende Olivenwälder – teilweise auf dem Corfu-Trail, dem einzigen Fernwanderweg, der 220 Kilometer lang kreuz und quer über die Insel führt. „Die Idee dazu hatte die auf Korfu lebende Britin Hilary Whitton“, erzählt Petra. Seit 2002 gäbe es den durch ein gelbes Symbol an Bäumen und Felsen markierten Weg. Dass er nicht immer leicht zu finden ist, habe sie selbst feststellen müssen, bekennt unsere versierte Wanderleiterin. Aber meist sei das nächste Dorf ja nicht weit. Für uns ist es nun nicht mehr weit bis zum langen Sandstrand von Agios Georgios, an dem wir ein letztes Mal im Ionischen Meer baden können.

Christel Seiffert

Infos: Wikinger Reisen GmbH, Kölner Str. 20, 58125 Hagen, hat eine 8- und 15-tägige Gruppenreise sowie eine 8-Tage-Individualreise auf Korfu im Programm. www.wikinger.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *