Italien: Gustav Mahler in Südtirol

30 Jahre Gustav Mahler Musikwochen

Zwei Gustav-Mahler-Jubiläen, zwei Gustav-Mahler-Orte – so begeht Toblach im Hochpustertal das Mahler-Festjahr 2011. Und es passt ganz zu diesem großen österreichischen Komponisten, dass sowohl die beiden Jubiläen als auch die beiden Orte kaum gegensätzlicher sein könnten: „30 Jahre Gustav Mahler Musikwochen“ fallen im Pustertal mit Mahlers hundertstem Todestag zusammen. Ein Grund zum Feiern und ein Grund zum Trauern, ein prunkvolles Festspielhaus und ein entlegenes Komponierhäuschen, ein großes Werk und eine große Krise. Willkommen in der zerrissenen Welt Gustav Mahlers. Willkommen in seinem Sommerferienort Toblach.

„Für mich ist Mahler unheimlich – er ist konträr und genau das macht ihn so spannend“, sagt der Toblacher Josef Lanz. „Man weiß bei ihm nie genau, woran er glaubt. An die Schönheit der Wiese oder an die krabbelnden Tiere darunter.“ Lanz, seit 1994 künstlerischer Leiter der Musikwochen, ist ein ruhiger und feingliedriger Mann mit grauem Bart und grauen Haaren. Manchmal wirkt er, als trüge er selbst ein Stück der Mahler’schen Zerrissenheit in sich. Wir treffen Josef Lanz vor dem Grandhotel in Toblach, das vor zwölf Jahren zum Kulturzentrum umgebaut wurde. Zusammen mit dem Gustav-Mahler-Konzertsaal – mit 460 Sitzplätzen und einer ausgezeichneten Akustik – ist er das Herzstück des k. u. k. Gebäudekomplexes, zu dem auch ein Spiegelsaal, Seminar- und Ausstellungsräume, eine Jugendherberge und ein Restaurant gehören. Die prunkvollen Fassaden bilden einen Kontrast zum dunklen Bergwald und gleich dahinter erheben sich die Dolomiten. „Mahlermusik muss man total in sich aufnehmen“, sagt Lanz bestimmt, „sonst hat man gar nichts davon.“

Wie so viele andere Wiener kam Mahler im frühen 20. Jahrhundert nach Südtirol, damals noch Teil des kaiserlichen Österreichs. Von 1908 bis 1910 hatte er dreimal die Sommermonate in Toblach verbracht – sicherlich auch, weil das Reisen mit der Südbahn für die Wiener Gesellschaft schon damals ganz komfortabel war. Aber Gustav Mahler hat in Toblach eben nicht nur die schöne Landschaft genossen. „Hier durchlebte er ja auch seine große Krise“, so Lanz. Der plötzliche Tod der ältesten Tochter 1907, die Diagnose seiner Herzkrankheit, die Liebesaffäre seiner Frau Alma mit Walter Gropius. All das schlug sich natürlich auch auf sein Werk nieder: Er hat nach der 8. Sinfonie das „Lied von der Erde“ geschrieben. „Da hat sich alles für ihn geändert“, sagt Lanz. „Alles ist nur noch ein Abschied nehmen.“

Lanz blickt nach Westen ins Hochpustertal, wo grüne Hänge und kleine Ortschaften liegen, von der Bergwelt eingerahmt. Dann sagt er: „Es ist unglaublich, wie man sich in dieser Gegend seelisch so zerfleischen kann. Mahler hätte sich doch auch in den Liegestuhl legen und ein paar Gläschen Wein trinken können. Ich glaube, er hat das Leid schon auch genossen.“ Das Komponierhäuschen befindet sich etwas oberhalb von Toblach im Ortsteil Altschulderbach. Bis zur Gustav Mahler Stube im Trenkerhof kann man mit dem Auto fahren. Hier hat Mahler seinerzeit gewohnt, und um in Ruhe arbeiten zu können hat er sich dann das Komponierhäuschen bauen lassen. Das erreicht man heute absurderweise, indem man durch den Tierpark Altschulderbach geht, vorbei an einem Kinderspielplatz, an Ponys und Wildschweinen, Hühnern und Ziegen, Straußen und Lamas. Mittendrin steht das Komponierhäuschen – eine schlichte Fichtenholzhütte, etwa drei mal drei Meter groß. „Es ist schon beeindruckend, was er hier geschaffen hat: Die Neunte, die Zehnte und dann das Lied von der Erde“, sagt Josef Lanz, „das ist doch unglaublich.“

Aber so wie Gustav Mahler sich in Toblach quälte, so quälten sich die Toblacher lange auch mit ihm. „Meine Mutter hat ihn noch gesehen, als er von hier aus hinüber zur Kirche auf die andere Talseite ging“, erinnert sich Lanz. Mahler habe seine Mutter sehr beeindruckt, aber für viele Leute hier in Toblach war er einfach nur eigenartig, ein weiterer Exzentriker aus der Stadt. Das Bewusstsein dafür, was Mahler hier geschaffen hat, ist erst viel später gekommen. 1957 erinnerte man sich in Toblach zwar wieder an Mahler und enthüllte am Trenkerhof eine Gedenktafel, mehr aber auch nicht. „Mahlers Musik“, erklärt Lanz, „galt ja bis in die 1970er Jahre als trivial. Die höheren Zusammenhänge hat man damals noch nicht erkannt.“ Diese nahm man in Toblach dann erst 1981 unter die Lupe, als im Sommer die erste Musikwoche stattfand, nachdem sich der Direktor des Verkehrsamtes Toblach an die Internationale Gustav-Mahler-Gesellschaft in Wien wandte und man sich schließlich zu einer Musikwoche in Mahlers Sommerlandschaft durchringen konnte. Ein, wie Lanz heute sagt, „guter Kompromiss zwischen touristischem und künstlerischem Anspruch.“ Es wurde nicht nur Mahlers Musik gespielt, sondern auch Vorträge über ihn gehalten – ein Konzept, das sich 30 Jahre lang bewährt hat. Josef Lanz steht noch eine Weile am Komponierhäuschen und schaut ins Tal. Dann sagt er: „Ich glaube, sein Leben ist ihm erst hier bewusst geworden. Hier in Toblach hat Gustav Mahler die Vergangenheit eingeholt.“

Infos:

Weitere bekannte Festivals für klassische Musik in Südtirol sind die Meraner Musikwochen mit Schwerpunkt auf die sinfonischen Werke, das über den ganzen Sommer andauernde Bolzano Festival Bozen und die Festspiele Südtirol in Toblach.

Im Naturpark Fanes-Sennes-Prags, direkt am Pragser Wildsee in den Dolomiten gelegen, ist das Hotel Pragser Wildsee Ausgangspunkt für Bergwanderungen und Hochgebirgstouren.

Gustav Mahler Musikwochen
Dolomitenstr. 31
39034 Toblach
Tel. +39 0474 976 151
www.gustav-mahler.it

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