Marokko: Marrakesch – Wüste, Safran und Schlangenbeschwörer

Marrakesch – das Tor nach Afrika

Marrakesch, Perle des Südens, Tor nach Afrika, die afrikanischste der Königsstädte Marokkos. Umgeben von grünen Palmenhainen, geschützt durch eine aus rotem Lehm erbaute, mit Zinnen und Scharten versehene, trutzige Stadtmauer beherbergt die Stadt die verwinkelten Souks, die mit reichen Ornamenten verzierte Medersa Ben Youssouf und natürlich den Rummelplatz der Nation, die Jemaa el Fna.

Alles überragend ist das Minarett der Koutoubia-Moschee bereits von Weitem zu sehen. Einst die Moschee der Buchhändler, ist das viel gerühmte Wahrzeichen von Marrakesch mit seiner vollendeten Harmonie von Architektur und Bauornamentik Vorbild für die meisten Minarette des Landes. Nichtgläubigen ist der Zutritt in den 25.000 Gläubigen Platz bietenden Gebetsraum allerdings nicht gestattet.

Anders als die anderen drei Königsstädte Marokkos, besitzt Marrakesch einen riesigen öffentlichen Platz, die Jemaa el Fna. Auf der „Versammlung der Toten, der Gehenkten und der Geköpften“ wurden auf Geheiß der Herrscher früher die Schädel der Hingerichteten zur Schau gestellt. Heute, da Marrakesch jährlich unzählige Touristen anzieht, hat sich das Bild grundlegend gewandelt.

Wo einst die Hingerichteten präsentiert wurden, herrscht nun exotisches, lautstarkes und farbenfrohes Treiben. Allerdings hat die Jemaa el Fna zwei Gesichter. Während der heißen Mittagsstunden harren nur einige wackere Schlangenbeschwörer aus, sitzen unter ihren Sonnenschirmen und schwatzen träge. Sobald jedoch ein Bus mit Touristen aus dem nahen Küstenbadeort Agadir eintrifft, hallt der Klang ihrer Trommeln und Flöten über den Platz. Wehe denen, die vor dem Tanz der Kobras nicht den Preis ausgehandelt haben. Da werden mit Verweis auf die Zahl der anwesenden Künstler, deren Onkel, Tanten, Geschwister, Neffen und Nichten astronomische Summen verlangt. Egal, was Sie letztlich geben – Sie werden immer ein mürrisch unzufriedenes Gesicht ernten!

Erst in den späten Nachmittagsstunden, wenn die brennende Sonne Gnade mit den gepeinigten Menschen hat und es sich abkühlt, beginnt das Leben auf dem Platz zu pulsieren. Langsam füllt er sich mit Schaulustigen, Garküchen werden in Windeseile aufgebaut. Anders als vor zehn Jahren, als noch fröhliches Chaos herrschte, haben die Stadtoberen den Touristen zuliebe die Anarchie vergangener Tage verbannt.

So stehen die Stände heute durchnummeriert in Reih‘ und Glied. Doch wie damals trägt der Rauch Dutzender Feuerstellen den Duft von Gebratenem über den Platz, bevölkern noch immer Akrobaten, Musikanten, Wunderheiler, Märchenerzähler die riesige Bühne. Inmitten der Menge bilden sich enorme Menschentrauben. Hier ist es ein einzelner Erzähler, der gestikulierend die andächtig lauschenden Zuhörer in seinen Bann zieht, dort bringt ein Zauberer mit gekonnten Tricks das Volk zum Staunen.

Unweit des Königspalastes stehen die Ruinen des Palais de la Badia. Der von Sultan Ahmed el Mansour gegen Ende des 16. Jahrhunderts erbaute Palast hatte zu seiner Zeit den Ruf das schönste Bauwerk seiner Art zu sein. Auch nach seiner Zerstörung durch Moulay Ismail, der die Schätze der Anlage nach Meknes verschleppen ließ, ist die Pracht des Bauwerks noch zu erahnen. Einmal im Jahr, zumeist im Juni, erwacht die Anlage anlässlich des Nationalen Volkskunst-Festivals zu neuem Leben. Vor dem Hintergrund der Ruinen treten dann Folkloregruppen aus allen Teilen des Landes auf.

Fantasias – Jahrhunderte alte Reiterspiele

Sie reiten wie die Teufel! Unter den Hufen der galoppierenden Pferde bebt die Erde. Eingehüllt in eine Wolke rötlichen Staubs rasen sie mit wehender Mähne über das weite Feld, kommen mit atemberaubendem Tempo näher. Mensch und Tier scheinen zu einem Organismus verschmolzen. Wild schwingen und drehen die Reiter die alten, verzierten Vorderlader über ihren Köpfen.

Dann der Höhepunkt des Rennens: Hassan Bourass, deutlich zu erkennen an seinem Verband, der seit einem Sturz seinen Kopf ziert, brüllt ein Kommando und alle Reiter schießen gleichzeitig ihre altertümlichen Flinten ab. Ein ohrenbetäubender Knall lässt Brustkorb und Bauch der Zuschauer beben. Weiße Rauchwolken steigen aus den Gewehren auf.

Einige hundert Zuschauer haben sich vor der Stadtmauer Marrakeschs direkt am Bab el Jedid, dem Neuen Tor, zusammengefunden, um einer Fantasia, einem Reiterspiel, beizuwohnen. Stolz erhobenen Hauptes, die Gewehre in die Hüften gestemmt, reiten Hassan und seine Leute gemächlich am Publikum vorbei zurück zum Ausgangspunkt des Rennens. Fantasias werden heute überall in Marokko anlässlich von Festen oder religiösen Feierlichkeiten abgehalten. Es ist ein Spektakel der besonderen Art, das nicht nur Touristen, sondern auch viele Einheimische anzieht.

Nach der Fantasia treffe ich Hassan Bourass in seinem Zelt. Bei einem heißen Glas Thé à la menthe erzählt er, wie diese aufregenden Spiele entstanden. Trotz seiner Blessur strahlt sein verstaubtes, von den anstrengenden Ritten verschwitztes Gesicht. Es gibt Fantasias seit die Stämme Nordafrikas Kriegszüge auf Pferden durchführten.

In Friedenszeiten konnten sie im spielerischen Wettkampf ihre Kräfte messen und ihre Schlagkraft erhalten. In den Reiterspielen simulieren die festlich gekleideten Reiter den unerschrockenen Angriff auf ihre Gegner. Überall im Maghreb sind die Ausstattung und der Schmuck von Pferd und Reiter maßgeblich für die Beurteilung durch die Jury, die aus Dorfältesten und hohen Würdenträgern besteht.

Bernd Leideritz

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