Deutschland: Thüringer Porzellan

Thüringer Porzellanstraße

Weißes Gold aus Thüringen

Vor 250 Jahren gelang es einem Thüringer, die Rezeptur des Porzellans noch einmal neu zu entdecken. Das war der Startschuss für die Gründung vieler Manufakturen, die Thüringen zu einem Zentrum der Porzellanproduktion in Europa gemacht hat – eine Erfolgsgeschichte, die bis heute andauert.

Die „fette Anette“ schert sich nicht um Etikette. Einen Kussmund andeutend, ist sie mit einem rosarot gepunkteten Badeanzug bekleidet und zeigt stolz ihre üppigen For­men. Ihr Gegenpart, die „schlanke Anke“, trägt rosarote Strümpfe. Porzellanfiguren von Kati Zorn fallen aus dem Rahmen, sie sind frech und sinnlich, witzig, eigenwillig und meistens modern. Ganze Serien hat sie schon erfunden. „Ich mag es, wenn meine Figuren nicht so schön und glatt sind. Ich will mit dem Porzellan Geschichten erzäh­len“, sagt die Künstlerin.

Wie die Bratwurst gehört auch das Porzel­lan zu Thüringen. Seit 250 Jahren wird es im Land produziert. Dem Thüringer Georg Heinrich Macheleid gelang es 1760, die Re­zeptur des weißen Goldes zu rekonstruieren, die Jahrzehnte zuvor in Meißen entdeckt worden war. Überall in der Region schössen danach Manufakturen aus dem Boden. Werkstätten entstanden in Rauenstein, in Gotha, in Blankenhain bei Weimar, in Suhl und in Rudolstadt mit der Ältesten Volkstedter Porzellanmanufaktur. Gebrauchspor­zellan für Tisch und Haushalt war der Hit, hergestellt wurden aber auch figürliches Porzellan, Zierrat, Biskuitporzellan und Por­zellanköpfe für Puppen. „Ende des 19. Jahr­hunderts gab es 876 Betriebe“, berichtet Ve­ronika Buff, die Leiterin des Neuen Muse­ums Schloss Rauenstein, das die Geschichte der Rauensteiner Porzellanfabrik „Friedrich Christian Greiner und Söhne“ dokumentiert.

Rathaus Gotha

Alte Porzellanstadt Gotha – das Rathaus

Die Manufakturen arbeiten zum Teil auch heute noch an alter Wirkungsstätte, wie zum Beispiel die Firma Weimar Porzellan in Blankenhain. „Es ging aber bald nicht mehr nur um Teller und Tassen. Die Thüringer stellten sich schnell auf die Bedürfnisse der Kundschaft ein und produzierten auch Sa­nitär-, Hotel- und technische Keramik“, sagt Buff. Heutzutage existieren immerhin noch 41 Betriebe, die Porzellan herstellen. Einige thüringische Firmen haben sich erfolgreich auf Industriekeramik spezialisiert.

Thüringische Porzellanstraße

Die thüringische Porzellanstraße, die an die Blütezeiten der Zunft erinnert, verläuft auch durch Sitzendorf an der Schwarza. In der Manufaktur, die seit über 150 Jahren be­steht, können Kunden in Workshops Porzel­lan mit eigenen Händen formen und be­malen. Oder bei der Herstellung zusehen: Junge Frauen gestalten hier mit geschickten Fingern Blütenblätter für Zierporzellan, schieben fertige Stücke in den Brennofen, tragen Spitzen auf und bemalen die fertigen Figürchen: „Die Linien sind so fein, dass wir dafür Pinsel aus Marder- oder Eichhörn­chenhaar benutzen“, erklärt eine Porzellan­malerin. Die Grundmasse wird heutzutage als Granulat geliefert – welche Erleichterung im Vergleich zu den Pionierzeiten, als Por­zellanmasse und Glasur in einer Mühle er­zeugt und in Holzkübeln auf Pferdekarren in die Manufaktur transportiert wurden. Dort waren allein 30 Arbeiter für das Schla­gen und Spalten des Holzes für die Brenn­öfen beschäftigt. Erst die Verwendung von Kohle hat den Thüringer Wald vor weiterer Abholzung bewahrt.

Rauensteiner Porzellanfabrik

Katalog der Rauensteiner Porzellan-Manufactur

Auch heute noch ist es hohe Handwerks­kunst, bis aus einer gräulichen Masse aus Kaolin, Quarz und Feldspat weißes, glänzen­des Porzellan entsteht, das hell und leicht klingt, wenn man mit dem Fingernagel da­ran tippt. Schon für eine einfache Kaffee­kanne benötigt man etwa ein Dutzend For­menteile, es wird gebrannt und glasiert und dann wieder gebrannt und bemalt. Dabei kann einiges schief gehen. „Es gibt eine hohe Bruchrate bei der Herstellung“, bestä­tigt Monika Rausche von der Sitzendorfer Porzellanmanufaktur.

Ihre große Erfahrung hilft der Künstlerin Kati Zorn, wenn sie ihre Werke bemalt. Denn die Malerin muss genau wissen, wie sie die Farben mischt und aufträgt und wie diese auf das Brennen reagieren. Ansonsten kommt eine blässliche Farbe aus dem Ofen anstatt des gewünschten leuchtenden Rosa­rots. Mittlerweile hat sie eine richtige Fange­meinde und Kunden, die jedes Jahr eine Fi­gur kaufen. In Cursdorf bei Oberweißbach, mitten in der Einsamkeit des Thüringer Waldes, liegt ihre Werkstatt. Hier treffen sich die Jahrhunderte. Denn in dem kleinen Dorf wurde auch Georg Heinrich Macheleid geboren, der das weiße Gold für Thüringen nacherfunden hat.

Angelika Friedl

INFO

Sitzendorfer Porzellanmanufaktur, Ostern-Okt. Mo.-Fr. 10.00-18.00, Sa./So./Fei bis 17.00, sonst tgl. 11.00-16.00 Uhr, außerdem regelmäßig Lehrgänge, Hauptstraße 26, Sitzendorf, Tel. 036730/3660, www.sitzendorf-porzellan.de

Aelteste Volkstedter Porzellanmanufaktur, Führungen Mo.-Do. 10.00 und 13.00, Fr. und Sa. n. Vereinbarung, Breitscheidstraße 7, Rudolstadt, Tel. 03672/4802www.porzellanmanufaktur-volkstedt.com

Weimarer Porzellanmanufaktur Betriebs-CmbH, Führungen nachAnm.: Tel. 036459/60194, Christian-Speck-Straße 5, Blankenhain, www.weimar-porzellan.de

Kati Zorn, Mo-Sa. 9.00-18.00 Uhr, Kreisstr. 15 b, Cursdorf, Tel. 036705/61150, www.katizornporzellan.de

KAHLA – Porzellan für die Sinne, Christian-Eckardt-Str. 38, 07768 Kahla, Mo.-Sa. 9.30-18.00, Führungen Fr. 10.30 Uhr

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