Niederlande: Ein Rundgang durch Amsterdam (1. Teil)

Vom Hauptbahnhof zur Schuttersgallerij

Wer Amsterdam durch seinen Hauptbahnhof betritt, wird von einem Chaos aus Baumaschinen, Absperrwänden und Umleitungsschildern empfangen und steht gleich mit beiden Beinen im größten Problem der Stadt – der Bau der neuen U-Bahn beschäftigt sie schon seit Jahren. Seit 2003 ist der Platz vor dem Bahnhof eine Großbaustelle und, wie es aussieht, wird es noch bis 2017 dauern, bis die neuen Linien in Betrieb genommen werden können. 2,3 Milliarden Euro wird das Projekt nach aktuellen Schätzungen bis dahin verschlungen haben. Der Hauptbahnhof ist eine zentrale Schnittstelle für die neue Metrolinie, die unterirdisch Nord und Süd verbinden soll. Problematisch ist dabei, dass der U-Bahn-Tunnel mitten unter der Altstadt durchführt. Und die Häuser, Kirchen und Paläste der Altstadt stehen nun mal auf Hunderte Jahre alten Holzpflöcken in einer weichen Sandschicht.

Auch das prunkvolle Gebäude des Hauptbahnhofs, der Centraal Station, einst von P. J. Cuypers, dem Stararchitekten des 19. Jahrhunderts, entworfen, steht auf drei künstlichen Inseln; Tausende von Baumstämmen bilden im sumpfigen Boden das Fundament für den Neorenaissance-Klotz. Natürlich haben sich die Amsterdamer Ingenieure von heute ausgiebig und weltweit mit Kollegen beraten, unter anderem auch mit denen in London, die kürzlich ihre Tunnel der dortigen »Jubelee Line« mit Erfolg direkt am Big Ben und der Themse vorbei bauten, doch jeder Ort hat seinen eigenen Boden und der Amsterdamer Sand ist viel weicher als der Londoner Lehm.

Das zeigt sich auch abseits der Baustelle auf der anderen Straßenseite. Wir gehen Richtung Zeedijk (Seedeich) und orientieren uns am Hotel Victoria aus dem Jahr 1890. Wer sich die Fassade des Vier-Sterne-Hotels genauer ansieht, entdeckt – rechts von der Eingangstür – darin eingemauert ein kleines Haus. Dessen einstiger Besitzer wollte sein Domizil nicht verkaufen und pokerte um den Preis. Statt Unsummen zu zahlen, ließ man ihm seinen Willen und baute das palastartige Gebäude drumherum. Heute steht die historische Fassade unter Denkmalschutz. Dahinter verbergen sich 306 Zimmer auf sieben Etagen, dazu ein Fitnesscenter mit Innenpool und türkischem Dampfbad.

Vor dem Hotel geht es links zum Zeedijk, und wenn wir in den Sint Olofssteeg einbiegen, befinden wir uns schon in einem der ältesten Gevierte der Stadt, heute ein Teil von Chinatown. Hier standen im 15. Jahrhundert Holzhäuser, die mit Stroh gedeckt waren, doch weil Brände immer wieder ganze Stadtteile zerstörten, wurden per Bauordnung nur noch Steinhäuser erlaubt. Die waren allerdings oft zu schwer für die Pfähle im Untergrund, die an dieser Stelle 15 Meter in den Boden reichen.

Die Einheimischen vergleichen die instabile Welt unter ihren Füßen gern mit einer Lasagne – einige Schichten Sand unddazwischen jede Menge Sauce. Knicken einige Pfähle unter dem Gewicht ein, gerät das Haus in Schräglage. Manche Schieflage ist allerdings auch vom Bauherrn ausdrücklich gewünscht. So sind die Giebel der schmalen Häuser mit Absicht nach vorne geneigt, weil man Möbel, Klavier und andere große Lasten nicht durch die handtuchschmalen Treppenhäuser nach oben balancieren kann, sondern per Flaschenzug am Hebebalken durch die Fenster hievt.

Wir gehen vorbei am historischen Café »Int Aepjen« (Zeedijk 1), dem Kleinen Affen, wo früher  die Seeleute einkehrten, und über die Brücke mit der Schleuse, die das Süßwasser der Amstel (die der Stadt ihren Namen gab) vom Meerwasser trennt. Die Schmucksteine in den Fassaden erzählen vom Goldenen Zeitalter, als Amsterdams Hafen der größte der Welt war und die holländischen Handelsschiffe nicht nur Gewürze und Spezereien, sondern auch Kuriositäten wie Kamele an Bord hatten, wenn sie nach Amsterdam zurückkehrten. Die Fassadensteine mit den prächtigen Reliefs gaben Auskunft über das Haus und seine wohlhabenden Bewohner.

Im 16. Jahrhundert befand sich Amsterdam mitten in einem blutigen Glaubenskrieg: Die Spanier beanspruchten Holland und zwangen die Menschen zum Katholizismus. Erst nach dem Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien wurde in Amsterdam wieder die Glaubensfreiheit eingeführt und der Handel erreichte eine neue Blütezeit. Während der Reformation kehrten sich die Verhältnisse um und die Katholiken standen auf dem Index. Damals entstanden in Amsterdam die versteckten Dachboden- oder »Schlupfkirchen«, wie sie die Einheimischen nennen. Mehr als 25 solche geheimen Kirchen gab es in der Stadt, aber nur eine ist in fast unverändertem Zustand erhalten: Verborgen hinter der Fassade eines gewöhnlichen Wohnhauses aus dem 17. Jahrhundert lässt sie sich im heutigen Museum Ons’ Lieve Heer op Solder (etwa: Unser lieber Herrgott auf dem Dachboden), dem zweitältesten Museum der Stadt, besichtigen.

Der Kaufmann Jan Hartman ließ die Kirche zwischen 1661 und 1663 in der obersten Etage seines Wohnhauses erbauen, denn als überzeugter Katholik wollte er sich dem Diktat der Calvinisten nicht beugen. Die Seeleute durften glauben, was sie wollten, aber für Jobs beispielsweise in der Stadtverwaltung musste man protestantisch sein. Übrigens war es erst Napoleon, der Staat und Kirche trennte, als er 1806 die Niederlande besetzte. Davor waren katholische Messen offiziell verboten, wurden aber mehr oder weniger geduldet, solange man öffentlich nichts davon mitbekam. In keinem Fall durfte man die Privatkirchen von außen als solche erkennen. Also schoben die Inhaber der Stadtverwaltung Geld zu und dafür wurde ihr religiöses Treiben toleriert.

Wer heute im Oudezijds Voorburgwal 40 die schmalen Treppen nach oben steigt, findet immer noch die Gardinen zur Straßenseite geschlossen, an den Wänden hängen im Dämmerlicht die echten Gemälde von damals, ein Jacob Ruisdael, ein Jan van Goyen, beides renommierte Vertreter der klassischen holländischen Landschaftsmalerei. Ein paar Treppen höher entdeckt man im Zwischenstock einen Verschlag mit Wandbett und Kruzifix, den Schlafraum des Priesters. Umso größer erscheint Jan Hartmans Hauskirche im vierten Stock. Rund um den Altar ist Platz für eine Galerie und die Orgel. Die marmornen Säulen neben dem Altar sind ein Fake: Weil echter Marmor zu viel Gewicht gehabt hätte, behalf man sich mit aufgemalter Marmorstruktur. Die Kanzel ist aus Platzgründen linker Hand in den Altar eingebaut und kann bei Bedarf ausgeklappt werden. Der Blick aus dem Fenster geht über die Dächer direkt auf die Türme der St. Nikolauskirche.

Bevor man das erstaunliche Haus wieder verlässt, sieht man im Erdgeschoss, wie eng und gedrängt die Familie hauste, die Gott so viel Platz überließ. Auch die weißblau gekachelten Wände der Spülküche sind noch im Originalzustand, genau wie das kleine Plumpsklo hinter der Tür. Das wird übrigens zur Freude aller Kinder »Pupsdose« genannt. Im Hausflur hängt ein Plan, der die hufeisenförmige Anlage der historischen Altstadt zeigt – ein Geviert, in dem heute 80 000 Menschen leben.

Wenige Schritte weiter stehen wir vor der Oude Kerk, der ältesten Kirche der Stadt, die 1306 geweiht wurde, und sind damit auch schon mitten im umstrittenen Rotlichtviertel. Die Kirche wird heute nur noch als Ausstellungsraum genutzt. In ihrem malerischen Innenraum verbirgt sich ein originelles Suchspiel: Unter der großen, auf Marmorsäulen ruhenden Orgel aus dem Jahr 1742 findet man eine Wandmalerei, wobei die Holzvertäfelung zwischen den Säulen mit einer Marmorimitation versehen wurde – das bedeutet weniger Gewicht für das Fundament, das im weichen Moorboden verankert ist. Als das Ganze 1978 restauriert werden musste, malte der Marmormaler Henk Dogger auf einfallsreiche Weise sein Selbstportrait in das Bild hinein – das Ergebnis findet man links unter der Orgel, nahe dem Fußboden. Prächtig sind die drei Glasmalereifenster aus dem Jahr 1955.

Die Kirche ist das Herz des Rotlichtviertels De Walletjes, das ebenso wie die Oude Kerk eine wichtige Rolle in John Irvings Roman »Bis ich dich finde« spielt. In den Augen der Amsterdamer Stadtväter ist die Gegend ein Ärgernis, auch wenn sie tagsüber harmlos und familienkompatibel scheint. In der Vergangenheit sind trotzdem alle städtischen Maßnahmen, mit denen gegen Menschenhändler, Drogendealer, Geldwäscher und Zuhälter vorgegangen wurde, halbherzig geblieben. Doch um den Ruf der Altstadt aufzubessern, verringern die Behörden jetzt die Zahl der Bordelle und Coffeeshops, in denen Haschkekse und andere Cannabisprodukte verkauft werden. Außerdem hat die Stadtverwaltung 100 Gebäude übel beleumundeter Besitzer zurückgekauft und zahlreiche Sex-Schaufenster, in denen sich Prostituierte zur Schau stellten, geschlossen. Ihre Zahl soll bis 2013 von knapp 500 auf etwa 200 sinken. Die derzeit 78 Coffeeshops im Rotlichtviertel sollen auf 38 reduziert werden.

Amsterdam wird also auch künftig keineswegs zur »City ohne Sex« werden, aber die Stadt ist fest entschlossen, ihr Schmuddelimage loszuwerden. Dafür lockt man avantgardistische Designer, Künstler und Modemacher ins Rotlichtviertel und stellt ihnen preiswerten Ausstellungsraum zur Verfügung; schon heute hat sich der Charakter der kleinen Gassen dadurch merklich verändert. Ebenfalls im Auftrag der Stadt entstanden diverse Kunstwerke, die das Image der Prostituierten verbessern sollen, zwei davon sind direkt neben der Oude Kerk zu sehen. Ins Kopfsteinpflaster des Kirchenvorplatzes ist eine schimmernde Bronzebüste eingelassen, und nicht weit entfernt steht eine stolze Frauenskulptur – sie soll Respekt und Anerkennung symbolisieren für diejenigen, die meist ohne diese Attribute behandelt werden.

40 bis 50 Millionen Euro wird es kosten, die Infrastruktur der Walletjes zu sanieren. Um aber aus dem heutigen Vergnügungsgeviert wieder ein urbanes Viertel mit Luxushotels, schicken Läden und großen Wohnungen zu machen, muss wohl das Doppelte investiert werden, das schätzt jedenfalls die Süddeutsche Zeitung und zitiert den Bürgermeister: »Seit 400 Jahren kämpft die Stadt mit den Walletjes, und das wird auch so bleiben.« Immerhin seit 30 Jahren streitet die Stadt übrigens auch mit der Regierung in Den Haag darum, dass die historische Innenstadt als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt wird. Auch das dürfte noch dauern.

Über den Oudekennissteeg, Oudezijds Achterburgwal und den Molensteeg kommen wir zum Nieuwmarkt, wo das Gebäude der Stadtwaage De Waag mit sieben spitzen Türmen zum Himmel zeigt. Im 15. Jahrhundert galt es als Stadttor, später wurde es das Zunfthaus der Maurer – über der Tür sieht man noch Zunftzeichen wie die Maurerkelle eingelassen. Zu Rembrandts Zeiten gab es hier Anatomieunterricht und eben hier entstanden auch einige seiner berühmtesten Gemälde wie die »Anatomische Vorlesung des Dr. Nicolaes Tulp«. Heute ist das Café im Erdgeschoss mit den Tischen im Freien ein beliebter Treffpunkt für Einheimische und Besucher.

In der Koningsstraat zeigen die Häuser auf hundert Metern Länge ganz ungewohnte Fassaden: Hier wurde in den 1970er-Jahren alles Alte niedergerissen – als man nämlich die Metro baute, die 1977 in Betrieb ging. Rechter Hand biegen wir ab in die Krom Boomssloot, folgen der Gracht und genießen Ausblicke in stille Gassen und verträumte kleine Idyllen aus Stockrosen wie in der Korte Dijkstraat.

Wer mag, schaut in der Zuiderkerk vorbei. Im ältesten protestantischen Gotteshaus Amsterdams von 1611 ist heute eine Ausstellung zu neuen Wohnungsprojekten der Stadt zu sehen. Die Dauerausstellung zeigt die Stadtentwicklung vom Mittelalter bis über die Gegenwart hinaus, Wanderausstellungen erläutern kommende Bauprojekte. Mit etwas Glück ertönt aus dem prächtigen Turm das Glockenspiel des berühmten Glockengießers Francois Hemony aus dem 17. Jahrhundert.

Den zweiten Teil des Stadtrundgangs durch Amsterdam lesen Sie hier

Infos

Amsterdam
Hannah Glaser
Vista Point Verlag
ISBN 978-3-86871-575-0
www.vistapoint.de
 



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