Niederlande: Ein Rundgang durch Amsterdam (2. Teil)

Von der Kalverstraat zur Nieuwendijk

Ein Touristenmagnet ist das Rembrandthuis am Anfang der Jodenbreestraat, das dem Künstler von 1639 bis 1658 als Wohnung und Atelier diente. Seine Werke sind zwar über die ganze Welt verteilt, doch in seinem Wohnhaus in der Jodenbreestraat hängt kein einziges von Weltrang. Immerhin sind viele kleine Arbeiten zu sehen, über 250 Radierungen, Kupferstiche und Zeichnungen. Manche sind nur bierdeckelgroß, aber alle zeigen Rembrandts Kunst, Szenen und Porträts mit nur wenigen Strichen meisterlich zu skizzieren. In den rekonstruierten Wohnräumen bekommt man einen Eindruck vom damaligen Alltag. Trotz der vielen Verkäufe lebte Rembrandt finanziell weit über seine Verhältnisse, Schulden zwangen ihn, das Haus und sein ganzes Inventar zu verkaufen. Später zog er in die Rozengracht 84 im Jordaanviertel.

Eine Dokumentation zu Beginn der Ausstellung illustriert, wie mühsam es 1908 war, Rembrandts Wohnung zu rekonstruieren. Seitdem ist das Haus im ehemaligen Judenviertel ein kleines Museum. Die engen, knarrenden Treppen führen bis ganz oben zum Atelier unterm Dach und in die Werkstatt mit der Materialsammlung des Meisters. Dort fertigt ein Museumsmitarbeiter noch Drucke auf einer alten Presse an und man kann zuschauen, wie Radierungen entstehen.

Auf dem nahen Flohmarkt am Waterlooplein gibt es außer Krempel und Klamotten auch giftgrüne Cannabis-Lutscher, die sich prima als Souvenir für Freunde und Kollegen eignen – der herbe Geschmack hält den Rausch in Grenzen.

Der mächtige Komplex der Stopera genannten Kombination aus Stadhuis (Rathaus) und Muziektheater (Oper), der linker Hand alles beherrscht, war bei der Bevölkerung lange Zeit sehr umstritten, und das nicht nur weil das Werk des Architekten Cees Dam mehr als 136 Millionen Euro kostete, sondern auch weil der moderne Klotz in starkem Gegensatz zum beschaulichen Grachtenidyll ringsumher steht und den Waterlooplein beherrscht. Das Muziektheater wurde 1986 eröffnet und beherbergt neben der Niederländischen Oper auch das berühmte Nationalballett und die Niederländischen Sinfoniker.

In der Passage zwischen Stadhuis und Muziektheater ist NN zu Hause: NN steht für Normalnull und ist europaweit die Basis für die Höhenmessung. Der Eichpunkt ist als Bronzeknopf zu sehen, knapp daneben ragen drei Glassäulen aus dem Boden, zwei zeigen den aktuellen Meeresspiegel an, in der dritten sprudelt es in fünf Metern Höhe – so hoch war der Wasserstand bei der letzten Flutkatastrophe im Jahr 1953.

Auf der anderen Seite des Wassers geht es durch den Zwanenburgwal in die Staalstraat, wo im Café mit der Hausnummer 59 der beste Schokoladenkuchen von Amsterdam serviert wird. Nicht weit entfernt, Hausnummer 7b, bietet ein Designstore wohl die verrücktesten Geschenke, die man finden kann. Wer seine Wohnaccessoires im Droog Flagship kauft, der muss sich um Langeweile bei seinen Gästen jedenfalls keine Gedanken mehr machen: Stühle aus gepressten Klamotten, Weingläser als Haustürklingel, Lampen aus Milchflaschen oder hundert Glühbirnen, Tassen mit dem Griff in der Innenseite, ein Reißverschluss als Halskette – selbst wer hier nichts kauft, hat sich prächtig amüsiert. Für Freunde mit einem süßen Zahn empfehlen sich die Delikatessen von Puccini (Hausnummer 17), darunter die feinsten Pralinen nördlich von Brüssel.

Nach dem Besuch des Droog folgen wir der Straße am Groenburgwal entlang und gehen linker Hand über die Brücke. Vorbei an der prachtvollen Fassade des Doelen Hotels, für das Rembrandt einst die »Nachtwache« gemalt hat, führt der Weg Richtung Rembrandtplein. Auf dem Platz des Genies der Malerei steht sein berühmtestes Werk, die »Nachtwache«, lebensgroß und zum Anfassen in 3D, sogar samt kläffendem Hund. Speziell am Abend wird die Piazza zum rummeligen Treffpunkt und die Cafés und Kneipen ringsherum sind gut besetzt. Wenn dann noch Ajax Amsterdam spielt, ist auf dem Rembrandtplein die Hölle los. Wer nicht gerade mittendrin sitzen will, besieht sich den Trubel von der Terrasse des berühmten Café l’Opera.

Selbst wer jetzt keine Lust auf einen Kinobesuch hat: Das Tuschinski in der Reguliersbreestraat 26 muss man gesehen haben – es ist das schönste Kino der Niederlande und das Vermächtnis eines außergewöhnlichen Lebens. Der gelernte Schneider und Filmliebhaber Abraham Tuschinski, der zu diesem Zeitpunkt in Rotterdam schon mehrere Kinos besaß, brachte im Juni 1919 die ersten der 1200 benötigten Pfähle für den Bau seines Lebenstraumes mit einem Frachtschiff über den Rhein nach Amsterdam. Der prachtvolle Bau kostete etwa vier Millionen Gulden und war im Oktober 1921 abgeschlossen.

Das Gebäude ist derart ungewöhnlich, dass ein eigener Baustil nach ihm benannt wurde – es ist eine Mischung aus Art déco, Neugotik und Amsterdamer Schule. Die Fassade ist mit glasierten Ziegeln, Keramik-Skulpturen und schmiedeeisernen Gittern sowie Lampen verziert. Die Heizungs- und Klimaanlage des Gebäudes galt als revolutionär, weil es damit erstmals eine gleichbleibende Temperatur auf allen Zuschauerplätzen gab. Die Kinoorgel des großen Saals mit damals 1600 Plätzen wurde von der legendären amerikanischen Wurlitzer Company geliefert. Ein kleinerer Saal mit 250 Plätzen, ein »japanisches Teezimmer«, eine »maurische Suite« und elegante Foyers machten den Komplex endgültig zur Sensation.

Während der Besetzung Amsterdams durch die Nationalsozialisten wurde der Bau 1940 geschlossen und Tuschinskis Reich ging in die Brüche. Seine Kinos in Rotterdam wurden von deutschen Bomben zerstört. Tuschinski selbst wurde mit seiner Frau und seinen Mitarbeitern deportiert und 1942 in Auschwitz ermordet, ebenso wie der Architekt Hijman Louis de Jong. Die deutschen Besatzer nutzten das Amsterdamer Kino ab 1944 hauptsächlich als Varietétheater. Nach der Befreiung Amsterdams wurde es in Tuschinski-Theater zurückbenannt und wieder als Kino genutzt. Neben Film- und Varietévorführungen traten Weltstars wie Maurice Chevalier, Judy Garland, Marlene Dietrich, Édith Piaf, Dizzy Gillespie, Fats Domino und Dionne Warwick auf. 1969 wurde das hauseigene Orchester aufgelöst, 1974 wurde das Orgelspiel vor den Filmvorführungen aufgegeben. Zur Jahrtausendwende wurde das Kino umfassend renoviert, durch einen neuen Flügel erweitert und schließlich als Pathé Tuschinski (als Teil der Pathé Kinokette) neu eröffnet, im großen Saal finden heute niederländische Filmpremieren statt.

»Aus der Mauer essen« nennen die Amsterdamer den schnellen Imbiss aus dem Automaten. Und die besten Kroketten der Stadt gibt es eindeutig in den Glasvitrinen bei Febo in der Reguliersbreestraat 38. Mittags beschränken sich die meisten Einheimischen auf einen Imbiss, auf Hapjes und Broodjes, Kroketten, Frühlingsrollen, Bitterballen (die runde Spielart der Kroketten) und Frikandel, denn die Hauptmahlzeit ist das Abendessen. Die knackfrisch zubereiteten und preiswerten Köstlichkeiten aus der Wand sind eine kulinarische Spezialität und gehören genauso zu Amsterdam wie der Äppelwoi zu Frankfurt und die Weißwurst zu München.

Frisch gestärkt geht es Richtung Singelgracht und ins Getümmel auf dem Bloemenmarkt. Einst kamen die Gärtner per Boot hierher, um die Pflanzen und Zwiebeln aus ihren Gärtnereien zu verkaufen, heute bieten die Händler ihre Waren längst in massiven, fest vertäuten Ständen an. Das letzte echte schwimmende Blumenboot liegt gegen Ende des Blumenmarktes, gegenüber vom Weihnachtsladen.

Nach dem Blumenmarkt geht es rechter Hand in den Begijnhof, der versteckt vor dem Trubel wie ein stiller Dorfanger inmitten der Stadt liegt – eine Wiese mit hohen Bäumen, umsäumt von jahrhundertealten Häusern, vielen Blumen und einem mittelalterlichen Kirchlein. Im Mittelalter hatte jede Stadt in Holland solche Wohnhöfe, die von reichen Bürgern gestiftet wurden. Amsterdams Begijnhof wurde 1346 gegründet und lag damals am äußersten Rand der mittelalterlichen Stadt. Hier wohnten alleinstehende Frauen, die in einer religiösen Gemeinschaft leben, aber keine Nonnen werden wollten. Sie widmeten sich vor allem der Altenpflege. Zwei Feuer zerstörten den Hof im 15. Jahrhundert fast komplett; die heutige Bebauung stammt größtenteils aus dem 17. Jahrhundert. Das Het Houten Huis mit der Nummer 34 wurde dagegen bereits um 1470 errichtet und soll das älteste Holzhaus der Niederlande sein. Gegenüber der englisch-presbyterianischen Kapelle versteckt sich in zwei Wohnhäusern eine weitere katholische Geheimkirche aus dem 17. Jahrhundert.

Der Name Begijnhof leitet sich wahrscheinlich von der Schutzheiligen der frommen Frauen, der Heiligen Begga, ab. Die letzte Begijne starb 1976. Die hübschen Häuser mit den grünen Vorgärten werden auch heute noch vorwiegend an katholische Frauen, meist Witwen, aber auch immer häufiger an Studentinnen vermietet. Das Mindestalter für eine Bewerbung ist 25 Jahre, und die Frauen dürfen hier nur ohne Freund leben oder sie müssen sich gemäß der jahrhundertealten Hausordnung eine neue Bleibe suchen.

Zwischen dem Beginenhof und der Kalverstraat versteckt sich die Schuttersgallerij, die Schützengalerie. In dieser überdachten, öffentlichen Gasse, die faktisch zum Historischen Museum gehört, kann man 15 riesige Gemälde bewundern, allesamt Porträts der Amsterdamer Schützengilden aus dem 17. Jahrhundert. Vermutlich ist dies der einzige Ort auf der Welt, an dem Kunstwerke von solchem Rang in einer öffentlichen Gasse an der Wand hängen. Das berühmteste Schützenporträt ist natürlich Rembrandts »Nachtwache« – die hängt allerdings nicht auf der Straße, sie kann man auch weiterhin nur im Rijksmuseum sehen. Wer die Schuttersgallerij des Historischen Museums verlässt, sollte sich unbedingt umdrehen: Die kleine Pforte an der Kalverstraat ist ein Prachtstück.

Zum Komplex des Amsterdams Historisch Museum, das ehemals ein Waisenhaus war, gehören auch die beiden großen, hellen Innenhöfe, Oasen der Stille und die ideale Location für eine Lunchpause. Sollte es regnen, ist der Eingang zum Restaurant »David & Goliath« nur wenige Schritte entfernt. Früher waren dies die Stallungen des Waisenhauses, seinen heutigen Namen verdankt das Restaurant den beiden Holzfiguren, die aus der Zeit der erfolgreichen Befreiung von der spanischen Besatzung stammen.

In der Kalverstraat empfängt uns wieder der städtische Rummel, der uns bis zum Ende unseres Rundgangs begleitet. Der Dam gehört zu den belebtesten und beliebtesten Plätzen Europas; das Monument in der Mitte erinnert an die Befreiung von der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg. Am Dam befindet sich auch die Amsterdamer Dependance des berühmten Londoner Wachsfigurenkabinetts Madame Tussauds mit typisch holländischen Ergänzungen wie dem Nikolaus, der sich hier in Lebensgröße bewundern lässt.

Nach der holländischen Legende reist »Sinterklaas« jedes Jahr Mitte November aus Spanien mit einem Dampfschiff an. Der Mann mit rotem Talar, Mitra und langem weißen Bart wird in Amsterdam als Nationalheiliger empfangen: Vom Hafen zieht eine große Prozession zum Königspalast, wo der Nikolaus von Königin Beatrix begrüßt wird. Überhaupt ist in kaum einem anderen Land die Tradition um den heiligen Nikolaus so fest verankert wie in den Niederlanden. Im 13. Jahrhundert soll in Utrecht bereits ein Fest um St. Nikolaus gefeiert worden sein, und auch als sich die Reformation im Norden des Landes durchsetzte, wurde die katholische Tradition weitergeführt.

Die Legenden um den Heiligen gehen auf historische Begebenheiten zurück. Ihm wird nachgesagt, dass er Stürme bändigte, wenn verzweifelte Seeleute ihn um Hilfe anriefen, und Gefängnismauern einstürzen ließ, sobald zu Unrecht Verfolgte zu ihm flehten. Seine Verehrung findet in vielen Kirchenbauten ihren Ausdruck, allein im 12. und 13. Jahrhundert entstanden in Holland über 20 Sankt-Nikolaus-Kirchen; Amsterdam machte Nikolaus zu seinem Schutzheiligen. Heute wird das Fest über mehrere Wochen inszeniert: Von der Ankunft des Sinterklaas bis zum 5. Dezember berichtet das Sinterklaas Journaal jeden Tag, was der Nikolaus und seine Helfer, die »Zwarten Pieten«, im Land erleben. Dann dürfen die Kinder abends ihre Schuhe vor den Kamin stellen, in die sie ihre Wunschzettel stecken und dazu eine Möhre oder ein Büschel Heu für den Schimmel »Amerigo«, mit dem Sinterklaas über die Dächer reitet. In der Nacht klettern die Zwarten Pieten durch die Kamine, holen Wunschzettel und Heu ab und hinterlassen ein paar Süßigkeiten, um das Warten auf den Pakjes­avond (Geschenkabend) zu erleichtern.

Die Niederländer feiern ihr Nikolausfest schon am 5. Dezember, am Vorabend zum Geburtstag des Heiligen. Je nach Familientradition bringt Sinterklaas die Geschenke persönlich oder er stellt den Sack vor die Tür und klopft an, bevor er verschwindet. Für Kinder ist das Sinterklaas-Fest ein spannendes Spektakel, für Erwachsene eine nostalgische Erinnerung an die eigene Kindheit und auf jeden Fall ist es ein Stück niederländische Identität. Weihnachten spielt im Vergleich nur eine untergeordnete Rolle.

Optisch wird der Dam vom klassizistischen Koninklijk Paleis (Königlicher Palast) beherrscht, ein prunkvolles Symbol der Macht und des Reichtums der Handelsherren, die es im 17. Jahrhundert als Rathaus erbauen ließen. Im 19. Jahrhundert ging es in den Besitz des Königs über, denn den Ratsherren wurde der Unterhalt des prächtigen Bauwerks zu teuer.

Ein weiteres schönes Exemplar der Baukunst dieser Epoche finden wir auf dem Weg vom Dam über die Raadhuisstraat zur Herengracht: das Bartolottihuis. Die ulmenbestandene Gracht führt zum Herenmarkt. Wen jetzt noch die Kauflust überkommt, der kann sich in der Einkaufszone Nieuwendijk austoben, die im großen Bogen zum Dam zurückführt – die meisten Läden sind auch am Sonntag geöffnet.

Den ersten Teil des Stadtrundgangs durch Amsterdam lesen Sie hier

Infos

Amsterdam
Hannah Glaser
Vista Point Verlag
ISBN 978-3-86871-575-0
www.vistapoint.de

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