USA: Westwärts nach Arizona

Arizona: Auf Mountainbike und Pferderücken

Hier schießt  der Wilde Westen noch um sich – zumindest fast. Denn wer glaubt, im Wüstenstaat Arizona gäbe es nicht mehr zu entdecken als Sand und Hitze, der täuscht sich. Unser Autorin Christina Hollstein traf Rockstar-Winzer, Erdfrucht-Köchinnen und Waffennarren auf sehnsuchtsvoller
Suche nach authentischer Western-Romantik. 

Manche Menschen machen Camping in der Wüste. Flimmernde Hitze, Berglöwen, Koyoten, Klapperschlangen, schier endlose, karge und wasserlose Sandlandschaften – alles inkludiert. Arizona polarisiert. Man liebt oder hasst sie, die trockene Sonora-Steppe, die stechende Sonne, die sparsame Vegetation. Die Camper, die hier mitten in der Einöde ihre einfamilienhausgroßen Caravans unter überdimensionalen Carports parken, lieben sie offenbar. Und sie sind nicht die Einzigen. Denn das abenteuerliche Mysterium „Wilder Westen“ scheint noch ganz andere Persönlichkeiten anzulocken.

Ein Golfer im Kaktus

„Das war nicht ganz ungefährlich“, ruft der alte Mann auf dem Mountainbike. Seine Stimme klingt unerschütterlich. Was erstaunlich ist, denn gerade sind wir einen rutschigen Sandpass auf dem Rad hinuntergeprescht. Links und rechts kleine und große, runde und höckerige Kakteen, deren Stacheln irgendwie unfreundlich in alle Himmelsrichtungen ragen. Gary Heald, 75 Jahre, erstaunlich sportliche Statur, braun gebrannt, volles, silbernes Haar, wirbelt hier täglich durch Staub, Wind und Sonne.

Trotz seines Alters ist er wohl einer der virilsten Wüstenführer der „Arizona Outback Adventures“, dem Wüstenabenteuer-Unternehmen, das seinem Sohn gehört. „Vor kurzem fiel hier in der Nähe ein Golfspieler beim Abschlag rücklings in solch einen Kaktus“, erzählt Gary und zeigt auf ein Exemplar, das aus hunderten eiergroßen Stachelbällchen besteht, die sich hin und wieder von der Stammpflanze lösen und für den Wanderer gefährlich allein durch die Wüste treiben. „Die Stacheln wurden drei Stunden lang aus seinem Körper operiert“, lacht er. Doch natürlich kann der Wüsten-Weise noch viel mehr als bloße Schauermärchen erzählen. So unterrichtet er uns auch in Wüsten-Vegetation: „Je kleiner das Blatt am Baum, desto geringer der Wasserverlust“. Aber auch in Wüsten-Geschichte: „Die Weißen wollten die Indianer liquidieren? Was Arizona betrifft: Ein Gerücht!“
Na ja … Zumindest ist in dieser sandigen Endlosigkeit gerade weit und breit kein Indianer zum Einsprucheinlegen vorhanden. Vielleicht ein schlechtes Zeichen?

Charleen kocht hässliches Gemüse

Für alle die, die kein Hitze-Camping mögen, bietet Arizona allerdings auch Alternativen: Sonora-Oasen, kleine Wüstenstädte, aber auch riesige Stadtwüsten. Und selbst wer saftigen, grünen Rasen sucht, der muss erstaunlicherweise nicht ins für uns Europäer nahe England reisen, sondern kann ebenfalls in die Wüste fahren, klar. Ins Städtchen Scottsdale zum Beispiel – ein Paradies für alle Freunde des liquiden Wüstenflairs, für Gourmet-Golfer, für Pool-Party-Fans. Doch während wir hier in den schicken Golf-Resorts eher auf teure, in geschmacksfreiem Käse ertränkte Küche treffen, entdecken wir in Old Scottsdale, dem Downtown-District der Stadt, moderne, leichte und wie der arrogante Europäer sagen würde „irgendwie unamerikanische“ Küche. „Charleen kocht sogar hässliches Gemüse“, sagt die hübsche Laura McMurchie, PR-Sprecherin der Region Scottsdale. Hässliches Gemüse? Im Gastropub FnB sind das Steckrüben und Blumenkohl, Kohlrabi und Pastinaken, Kartoffeln und Knollen-Zieste. Seit 2009 schon bereitet die Küchenchefin hier all diese Erd-Köstlichkeiten in offener Küche zu. „Charleen hat früher vierzig Kilo mehr gewogen“, verrät Laura und lacht, „dass heute so viel Gemüse auf der Karte steht, hat sicher auch etwas mit ihrem Diät-Konzept zu tun.“ Wie bei einem italienischen Großfamilien-Abendessen wird unser Tisch also mit verschiedenen Beilagen und Hauptspeisen gefüllt. Jeder probiert alles. In gemütlicher Dimmlicht-Atmosphäre prosten wir uns zu. Und zwar nicht etwa mit kalifornischem Wein, sondern mit dem aus dem kargen Arizona. Und dieser ist im FnB sogar prominent.

Der Winzer muss ein Rockstar sein

Nein, nicht etwa die Prominenz des Weins, sondern die des Winzers ist hier gemeint. Noch zumindest. Maynard James Keenan, Sänger der Hardcore-Band „Tool“, steht im FnB mit seinen aus den „Caduceus Cellars“ stammenden Weinen auf der Karte. Und auch der Rebsaft des neuseeländischen Regisseurs Sam Pillsbury ist hier gleich fünfmal auf der Weinliste vertreten. Zumindest in Amerika ist der Arizona-Wein dank dieser prominenten Unterstützung schon ein wenig populärer geworden. Und diese Missionarsarbeit war dringend nötig: Die ältesten Reben Arizonas sind gerade einmal zwanzig Jahre alt. Der Anbau in kargen Wüstenlandschaften spricht auch nicht gerade für die Region. Es gibt Frostperioden im Winter, monsunartige Regenfälle im Sommer und hartnäckige Schädlinge wie Waschbären und Nabelschweine im ganzen Jahr – ein hartes Geschäft. Wer hier Spaß am Weinbau hat, muss wohl tatsächlich Rock-Star sein. Oder einfach nur ein bisschen verrückt.

Ohne Espresso kann Flavio nicht schlafen

Doch was ein echter Cowboy ist, zieht weiter, immer weiter hinaus in die Wüste. Dorthin, wo die wilden Pferde wohnen, die weißen Hengste, Namensgeber der „White Stallion Ranch“ im Irgendwo Tucsons. Wir steigen aus dem klimatisierten Wagen und blinzeln durch die staubige Hitze in die tief stehende Sonne. Alles scheint so ruhig, fast verlassen. „Welcome to the White Stallion Ranch“, aus dem blendenden Licht schält sich der Umriss eines schlaksigen Cowboys. Betont o-beinig und in weißen Leder-Chaps kommt er auf uns zu. „Ist das der Ranchbesitzer?“, fragen wir uns. Nein, Flavio ist vielmehr Dorfsheriff. Ein Schweizer Mittvierziger, ein Dauergast-Cowboy erfahren wir später. Im echten Leben wohnt er alleine am schönen Lugano See, tüftelt an Computern und wartet auf das Frühjahr und den Herbst. Denn dann verbringt er hier auf der Ranch jeweils sechs bis acht Wochen als Teilzeit-Wild-Westler. Nur eine Regel gilt für ihn hier wie dort immer gleich: OHNE Espresso kann Flavio nicht schlafen. Deshalb fährt er allabendlich in die nächste Stadt, um einen zu trinken.

Im Schnauze-an-Schweif-Marsch über ausgetretene Pfade

Doch Flavio ist nicht der einzige „Lonesome-Cowboy“, der sich hierher verirrt hat. Beim Abendessen treffen wir auf eine recht originelle Truppe deutschsprachiger Pferdefans. Belinda, 19 und noch etwas kindlich, hat die teure Reise, ganz Kronprinzessin, die sie in jeder Geste ist, von Mami und Papi zum Abitur geschenkt bekommen. Rene, 45, Schweizer Sportlehrer, hat zumindest die freie Zeit für die Reise zum zwanzigjährigen Dienstjubiläum von den lieben Kollegen geschenkt bekommen. Und zu guter Letzt Gunda, geschätzte, aber nicht verratene um die 40, die die Reise hoffentlich von niemandem geschenkt bekommen hat – denn sie wirkt nicht sehr glücklich: „Das ist hier ja wie auf einem albernen Ponyhof!“. Nun gut. Das Reiten am nächsten Morgen hat tatsächlich nicht sehr viel mit wildem Westen zu tun. In geführten Gruppen geht es zum „Breakfast Ride“, dem täglichen Frühstücksritt. Vor mir im Sattel sitzt Senior-Cowboy H. C., etwas rostig, aber rüstig, und gibt, mehr kauend als sprechend etwas sehr Breit-Amerikanisches von sich. Er ist offenbar beeindruckt. Und ich auch. Denn das morgendliche Wüstenpanorama ist tatsächlich auf eine ganz eigentümliche und ziemlich aride Art und Weise imposant. Und so zotteln wir im Schnauze-an-Schweif-Marsch über ausgetretene Pfade durch die flirrende Hitze. Mein Pferd scheint irgendwann im einhundert Mal absolvierten Gang einzuschlafen. Obwohl – es scheint eigentlich nicht nur so: Es schläft tatsächlich.

Im Gegensatz zur größtenteils eher betagten Pferd-und-Reiter-Assemblage sind die betreuenden Wrangler, so heißen Cowboys, die keine Kühe, sondern Touristen durch die Wüste treiben, wie aus einem Teenager-Traum geschnitten. Jeremy, weißblond, braun gebrannt, blauäugig, blendendes Zahnpasta-Lächeln, und David, dunkel gelockt, dunkel-blauäugig, ebenfalls braun gebrannt und ein fast ebenso strahlendes Lächeln, betreuen die Reiter. Leider nicht nur zu Pferde. „Noch jemand Kaffee“, fragt Jeremy uns in betulicher Haushälterinnen-Manier. Er serviert das zum „Ride“ gehörige „Breakfast“ auf rot-weiß karierten Decken. „Nein, danke“, denken wir und wünschten, wir würden hier gerade nicht zwei junge, wilde Cowboys ein Senioren-Kränzchen ausrichten sehen.

Pump-Guns im Hobbymarkt

„In der Schweiz besitze ich eine elfteilige Waffensammlung“, unterbricht Flavio das Gespräch. Blicke kreuzen sich. Einen Schreckmoment lang wünscht sich wohl jeder von uns mindestens den Grand Canyon zwischen sich und den Pistolenfan. Arizona hat die liberalsten Waffengesetze Amerikas. Flavio fühlt sich hier wie „zu Hause“, wie er sagt. Pump-Guns kauft man im Hobbymarkt – neben Angel-Equipment und Campingausrüstung. „Man muss sein Hab und Gut verteidigen dürfen“, findet Flavio, „zu Hause würde ich jeden erschießen, der ungefragt mein Grundstück betritt.“ Es ist Nacht geworden auf der „White Stallion Ranch“. Die Sterne funkeln am dunklen Wüstenhimmel, fernab der großen, illuminierten Städte, besonders hell. Wir sitzen zwischen Kakteen und umherflitzenden Geckos auf unserer friedlichen, kleinen Bungalow-Terrasse. Es gibt Dosenbier. Nur Flavio trinkt Wasser. Es muss also sein Ernst gewesen sein.

Ein abenteuerliches Mysterium

Manche Menschen machen Camping in der Wüste. Manche fahren in ihr bei über 40 Grad Mountainbike oder lassen sich beim Golfspielen von Kakteen aufspießen. Manche kochen hier hässliches Gemüse, bauen in der Dürre Wein an oder frönen ihrer unstillbaren Waffenlust. Für all diese Menschen ist der „Wilde Westen“ genau das, wonach sie sich sehnen und was sie suchen. Und für alle anderen bleibt er genau deshalb, was er ist: Ein abenteuerliches Mysterium.

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