Rumänien: Reiterurlaub in den Karpaten, Teil 3

Pferdewagen in den Karpaten

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Wie in alten Zeiten…

Rumänien ist seit dem 1. Januar 2007 EU-Mitglied, aber viele Szenen in dieser Gegend erinnern an längst vergangene Zeiten: Die Menschen leben vom Ackerbau, der Viehzucht und den Wäldern. Täglich sehen wir ältere Frauen mit Kopftüchern und langen Röcken, die auf den Wiesen das Heu wenden. Wir besuchen ein freundliches Paar auf ihrer Sommeralm, sie versorgen hier abwechselnd mit drei anderen Familien mehrere Kühe und machen jeden Tag einen runden Käse. Die Dörfer, durch die wir reiten, ziehen sich entlang fast endloser Straßen, die Hausnummern bewegen sich in den Tausendern. Ein kunstvoll geschnitztes Tor reiht sich an das nächste, die Arbeit mit Holz hat hier lange Tradition. Nur die Satellitenschüsseln an den Häusern beweisen, dass moderne Zeiten Einzug gehalten haben.

Nach zwei Nächten im Zelt haben wir am dritten Tag die Wahl, im Heu zu schlafen. Das klingt romantisch, aber viel Schlaf bekommen wir nicht. Im Untergeschoss rumoren zwei Kühe, deren Glocken unaufhörlich bimmeln. Und mitten in der Nacht erklingt plötzlich lautes Hundegebell und dramatisches Jaulen. Am nächsten Tag ist unser gelber Hund, Kalima, verschwunden. Einer der Hütehunde unserer Gastgeber sei freigekommen und habe sich auf den fremden Kalima gestürzt, so das Gerücht, das beim Morgenkaffee die Runde macht. Die zotteligen, verfilzten Hütehunde sind wirklich furchterregend, wann immer wir an einer menschlichen Ansiedlung vorbeireiten, nähern sie sich knurrend und bellend im Pulk. Zu Pferd fühlt man sich noch einigermaßen sicher, aber als Wanderer möchte ich ihnen nicht begegnen.

Als wir mittags losreiten, ist die Stimmung gedrückt, denn Kalima bleibt verschwunden. Brigitta gibt ihm keine Chance, alleine nachhause zu kommen: „Entweder die anderen Hunde zerreißen ihn, oder ein Bär. Es ist zu weit.“ Während wir in Gedanken noch bei Kalima sind, hat auch „Fekete“ ein unglückliches Zusammentreffen mit einem unfreundlichen Artgenossen. Auf der Flucht gerät er zwischen die Pferdebeine und wird gleich zweimal getreten. Für eine Weile nimmt Csaba ihn vor sich in den Sattel, aber später muss Fekete selber klar kommen. So reiten wir den Rest des Tages nur im Schritt, damit er – nur auf drei Beinen laufend – nicht den Anschluss verliert. Karpaten

An einem anderen Tag kommen wir an zugewachsenen Gräben aus dem Zweiten Weltkrieg vorbei. „Hier wurde schwer gekämpft“, erzählt Csaba. Sein Wissen um die Geschichte und Geographie der Gegend ist unerschöpflich. Mit dem 86-jährigen Großvater einer Bauernfamilie, bei der wir Quartier finden, treffen wir sogar auf einen Zeitzeugen. Der alte Herr freut sich über die Besucher und erzählt gerne Geschichten aus seiner Jugend. Leider verstehe ich nicht alles. Am Morgen verabschiedet er sich von mir mit einem eleganten Handkuss – so war es üblich in der Monarchie!

Mehrmals täglich überqueren wir private Weiden – wie im Cowboyfilm. Csaba an der Spitze öffnet das Gatter, dann erklingt sein Ruf „Der Letzte schließt das Tor“, der bis ans Ende der Reihe weitergegeben wird. Der „Letzte“ hat noch eine verantwortungsvolle Aufgabe: Er muss aufpassen, dass keines der Fohlen zurückbleibt. Einmal bewegen wir uns im Gänsemarsch gerade auf eine Wiese, als sich aus der Gruppe friedlich grasender Kühe ein mächtiger Stier löst. Langsam nähert er sich unserer Gruppe, schwenkt dabei nervös den schweren Kopf und den Schweif. Ich halte unwillkürlich den Atem an, aber Csaba hat auch diese Situation im Griff. Er greift zur Peitsche und lässt sie mehrmals durch die Luft zucken. Das Knallen wirkt, der Stier zieht sich zurück und wir verlassen die Wiese im Schritt und schließen erleichtert das Tor hinter uns.

Maja Linnemann

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