Schweiz: Und ewig singt Sabine den Snowli-Song

Das Kind soll Skifahren lernen. Nichts für Eltern, die sportliche Aktivitäten rund ums Wasser im gefrorenen Zustand ebenso gering schätzen wie Käse-Fondue. Sei’s drum: Aufi geht’s in die Schweiz zur Bettmeralp am Aletschgletscher!

Ostern: Die Frühlingssonne brennt, alles blüht. Die Familienstimmung ist auf dem Tiefstand. Jeder quält sich schwitzend auf dem Parkplatz an der Talstation der Luftseilbahn in die Skisachen. Dann heißt es Auto Ade, kostenfreier Anruf beim Hotel, Gepäckberge in die Kabinenbahn und rauf auf fast 2000 Meter.

Szenenwechsel: Zwei Meter unberührter Schnee und eine Bergkulisse, die bereits während der Gondeltour von Höhenangst ablenkt: unten das Rhonetal, frontal Schweizer Postkartenpanorama auf 4000er Berggipfel, darunter der berühmte mit dem Knick– das Matterhorn; Herzstück der Walliser Alpen. Irritierend nur – ja was eigentlich? Dann hört man es: Stille, die nur von Schlurfen, Schleifen und Knirschen von Menschen und Hunden auf Skiern, Stiefeln, und Pfoten unterbrochen wird. Motorgeräusche macht allein das Snowmobil für den Umzug von der Station zur Unterkunft. Die Bettmeralp ist einer von neun autofreien Orten in der Schweiz, davon allein vier im Wallis.

Auf dem Weg zum Hotel dann doch noch ein Geräusch. Eine rauchige Stimme schallt durch den ganzen Ort „Ja der Snowli lernt Skifahrn auf den schönen Bettmeralp…holdrijoh“ Sie tönt aus einem Haufen von Zipfelmützen und streichholzgleichen Stecken, die im Vorbeifahren als Mini-Ski des Bambinikurses identifiziert werden können.

Der Ort ist klein. Alles liegt zentral. Wer nachmittags ankommt, hat schnell alles unter Dach und Fach und kennt sich aus: Geldtausch, Skiausrüstung und –kurs, Arzt direkt bei Apotheke, Verpflegung im nächstgelegenen Supermarkt. Dort gibt’s die erste Begegnung mit einer der leckeren „Hüswurschtjini“, nämlich der Sasser, einer Salami mit roter Beete. Dann ab ins Cafe, Jacke aus und Sonnenbrille an und mit Aussicht auf die eigenen Kinder, die sich beim Rodeln mit anderen vergnügen, fängt beim Jägertee der Urlaub an: Da tauen sogar Schneemuffel langsam auf.

Anderntags sind keine Berge in Sicht. Nur ein verhangener Himmel und dicke Schneeflocken, die beständig herunter rieseln: Da schickt man keinen Hund vor die Tür. aber das eigene Kind. Das hat mit kalter Nase und klammen Fingern keinen Sinn  für den sportiven Ehrgeiz der Eltern. Aber da gibt’s ja die Unerschütterliche mit dem Snowli-Song, die X-kleine Nasen putzt, strahlt und im schönsten Schwitzerdütsch sagt: “Ich freu mir, wenn man mir Sabine nennt“. Sabine Haldemann schmettert in Spitzenzeiten so an die 170 mal pro Saison das Skilernlied und schleust ca. 90 Kinder pro Tag mit ansteckender Begeisterung durch den Skikurs. Die ehemalige Arzthelferin hat ihren Traumjob gefunden. „Die Kinder von der Bettmeralp und mein Freund sind meine Familie“. Sie kennt sie alle – seit Geschwistergenerationen. Und die Kinder erinnern sich an sie. Wie der blinde Junge, der sie an der Stimme ortete und bei der Begrüßung festgestellte, dass die Ohrsteckerli andere sind als in der letzten Saison. Wer den Job macht, braucht ihre Einstellung: Sie darf hier arbeiten.

Eltern von Lernunwilligen werden freundlich, aber energisch fortgebeten. Skifahrer unter jenen sind mit Pisten verschiedenster Schwierigkeitsgrade an der Bettmar-, Fiescher-  und der Riederalp bestens bedient. Da ist sogar ein Tross von Tiroler Skilehrer begeistert, die hier das Ende ihrer Saison feiern.

Abseits der Pisten

Die, die Angst haben, dass der Abschuss vom Berg gleich der Abschluss vom Urlaub werden könnte, sollten eine Skischuh-Wanderung ausprobieren. Danach weiß man wieder ganz genau, dass man Lungen hat und wo welcher Muskel liegt. Nicht weniger eindrucksvoll, aber weniger anstrengend ist die Fahrt mit der Kristallgondel auf die Gipfelstation des Großen Aletschgletscher, der mit 23 Kilometern der größte der Alpen ist. Für bekennende Nichtsportler gibt es ein herrliches Alternativprogramm: Balkon, eine dicke Decke, reine Bergluft, heiße Schoki und ein Schläfchen nach jeder zehnten Seite eines dicken Schmökers. Einfach Faulenzen. Manchmal mit Blick auf die Snowboarder, die auf ihrem Brett nur in Badehose bekleidet vom Hallenbad direkt ins Hotel sausen. So kann sich auch der Anti-Wintersportler, für Urlaub im Schnee erwärmen.

Und auch mit dem Käsefondue klappt es noch: Im 5-Tische-Restaurant Gläcktricka. Da kann man beim Bestellen des gleichnamigen Fondue nicht nur den herrlichen Schweizer Dialekt üben, sondern sich den leckeren Käse auf der Zunge zergehen lassen. Die Besitzerin Lisa Engler sorgt für frische Zutaten aus der Gegend und damit für neue Anhänger des Käsegerichtes. Auf dem Weg zu Hotel, nach dem Verdauungsschnaps, summt so mancher selig den Snowlisong mit dem festen Vorsatz, sich beim nächsten Familienurlaub, selbst auf die Bretter zu wagen. Vielleicht gibt es ja unter den Skilehrern eine Sabine für Große!

Petra Meisel

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