Deutschland: Konkurrenz für die Bahn – BerlinLinienBus

Die Liberalisierung des Bus-Linienverkehrs bringt der Bahn auf mancher Strecke ungeliebte Konkurrenz durch Fernreisebusse. In Berlin sind solche LInienverbindungen seit Jahrzehnten Normalität. Und die Bahn mischt bei diesem Geschäft tüchtig mit.

„Heute muss ich die Augen ja überall haben“, ruft Antonia Markovic aus. Die gebürtige Kroatin fertigt gerade im Berliner Zentralen Omnibusbahnhof am Funkturm, kurz ZOB, einen Linienbus vor seiner Fahrt nach München ab. Die Stewardess ist überhaupt nicht genervt, ihr macht die Arbeit sichtlich Spaß. Jetzt zur Ferienzeit sind alle 78 Plätze des Doppeldeckerbusses besetzt. „So geht es auch zur Weihnachtszeit zu und wenn in München Oktoberfest ist“, sagt Antonia Marovic.

Seit 13 Jahren ist die Stewardess in Diensten der BerlinLinienBus GmbH, entsprechend geschickt sortiert sie  ihre Gäste. Der Herr mit dem großen Hund: „Bitte nach oben und ganz hinten Platz nehmen“. Die Mutter mit zwei kleinen, wilden Kerlen: „Vorne ist ein Vierertisch, der ist ideal für Sie.“ Und die zwei alleinreisenden Kinder? „Ihr setzt euch bitte hierhin, damit ich euch immer sehen kann.“ Vorher hatte sie sich von den Eltern und Großeltern, die ihre Kinder und Enkel zum Bus brachten, eine „Einverständniserklärung“ geben lassen, um sie alleine auf die Reise schicken zu können. Dafür gibt es bei den Buchungsstellen vorgedruckte Formulare. Es reicht aber auch, wenn die Erziehungsberechtigten selbst eine Vollmacht schreiben.

Das Gepäck der Passagiere nimmt der Fahrer entgegen. Für jedes Gepäckstück  kassiert er einen Euro. Pünktlich auf die Minute startet der Bus. „Guten Tag, liebe Kinder, meine Damen und Herren“, begrüßt Antonia Markovic gutgelaunt alle Gäste über das Bordmikrofon. Dann erklärt sie noch die Bordtoilette („Bitte nur auf der Autobahn benutzen!“ und: M“Auch deie Herren sollten sich beim kleinen Geschäft hinsetzen!“), kündigt an, dass sie gleich kostenlose Tageszeitungen verteilen wird und macht auf kleine Snacks und Getränke aufmerksam, die sie an den Sitz bringt: „Eine Speisekarte mit den Preisen finden Sie vor sich in der Sitztasche.“

60 Busse rollen für den Berlin-Linienverkehr jeden Tag durch Deutschland. Auf 30 Linien bedienen sie ein gigantisches Netz von Zielorten – buchstäblich von A bis Z, von Ahlbeck bis Zwiesel. Einige Destinationen werden von Berlin aus mehrfach am Tag angefahren, Hannover beispielsweise sechsmal pro Tag, Dresden achtmal. Die stärkste Linie ist Berlin-Hamburg mit bis zu 14 täglichen Fahrten. Nur auf dieser Verbindung ist der Linienbus ein Expressbus. Alle anderen Verbindungen legen  unterwegs geplante Zwischenstopps ein. Diese fressen Zeit. So dauert die Fahrt von Berlin nach München – wenn es keine Staus auf der Strecke gibt – achteinhalb Stunden. Der Bus hält zum ersten Mal am Flughafen Leipzig und stoppt dann unterwegs noch achtmal, unter anderem in Hof, Bayreuth und Nürnberg.

Die Buslinien betreibt die Berlin Linienbus GmbH. Größter Teilhaber mit einem Anteil von 65 Prozent ist das Unternehmen Bayern Express & P. Kühn Berlin GmbH (BEX), ein hundertprozentiges Unternehmen der Deutschen Bahn AG. Als Geschäftsführer beider Firmen arbeitet Jörg Schaube. Bis vor drei Jahren leitete er auch den Busreiseveranstalter Touristica. Er gehörte ebenfalls zum Bahn-Imperium und erlebte in der Vorwendezeit seine Blütezeit. „Der Busreisemarkt ist ein Nischenmarkt für Veranstalter, die sich intensiv nur um diesen Bereich kümmern“, begründet Jörg Schaube die Aufgabe des Veranstaltergeschäftszweigs.

Ende der 40-er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde das Linienbus-Gesetz erlassen. Noch heute ist es Basis des Berlin-Linienverkehrs.  Auslöser waren  die schlechten Reichsbahnverbindungen von und nach Berlin nach dem Krieg. Den Anfang machten Linien nach München, Düsseldorf und Hamburg, die „von ganz normalen Busunternehmen“ (Schaube) betrieben wurden. Zu jener Zeit unterhielt die Bahn noch eigene Fernbuslinien, z.B. von Berlin nach Hamburg und Hannover.

Heute führen neun Buslinien über Deutschland hinaus. Sie können von Urlaubern zu Städtetripps genutzt werden. Zusätzlich zu den 30 innerdeutschen Zielen steuern Linienbusse auch Aarhus und Kopenhagen an, Amsterdam, London und Brüssel, Paris, Prag, Budapest und Wien. Diese Linienwerden von der BerlinLinienBus GmbH in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Eurolines-Gesellschaften der Zielländer bedient. Eurolines nennt sich ein Zusammenschluss von 32 europäischen Busunternehmen, die gemeinsam ein europäisches Netz an Fernbuslinien unterhalten.

Ungebrochen bleibt die Nachfrage nach dem innerdeutschen Berlin-Linienverkehr: Rund eine Million Passagiere kaufen pro Jahr Buslinien-Tickets, die auch über Reisebüros vertrieben werden. Viele Passagiere zählen zum Stammpublikum. Ältere Gäste, preissensible Leute und Familien mit Kindern genießen die Vorteile des Linienverkehrs. Dafür  nehmen sie längere Fahrzeiten in Kauf: günstige Tarife mit zahlreichen Preisnachlässen z.B. für Kinder und Senioren, einen garantierten Sitzplatz, Komfortbusse mit Toilette, Gepäcktransport, Stewardessen und ein Angebot von preiswerten Getränken und Snacks. Ist ein Linienbus ausgebucht, wird ein zweiter eingesetzt. Jörg Schaube: „Normalerweise gibt es keinen Verkaufsstopp – gebremst wird nur im Notfall.“

Den hat Antonia Markovic auf ihrer Stammstrecke von Berlin nach München noch nie erlebt. Sie findet das Reisepublikum „einfach wunderbar“. Die Atmosphäre auf den Reisen sei stets gut, versichert sie. Auf der Reise würden viele Gespräche zwischen wildfremden Menschen geführt. Bei Staus verhielten sich die Reisenden erstaunlich geduldig. In all den Jahren hat die Stewardess „noch nie einen Fahrgast erlebt, mit dem ich nicht zurechtgekommen bin“.

Horst Schwartz

 

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