Malaysia: Lange Nasen, dicke Bäuche – Zu Besuch bei Borneos Nasenaffen

Morgennebel hängt über dem träge dahin fließenden Kinabatangan Fluss. Schemenhaft zeichnet sich die Silhouette des Regenwaldes vor der aufgehenden Sonne ab. Mitten auf dem breiten Fluss tuckert ein Fischerboot vorbei und scheucht einen weißen Reiher auf. In das morgendliche Vogelkonzert mischt sich vom anderen Ufer das weit hallende, melancholische Duett eines Gibbonpaares. Mit rauschenden Schwingen fliegt ein großer Nashornvogel vorüber, dessen namensgebendes Horn auf dem Schnabel im ersten Licht kräftig rot aufleuchtet.

Mit mehr als 500 Kilometern Länge ist der Sungai Kinabatangan der längste Fluss im Norden Borneos. Der zu Malaysia gehörende Bundesstaat Sabah lebt heute vor allem vom Handel mit Tropenholzprodukten, von der Palmenöl-Produktion, und natürlich auch vom Tourismus. Umgeben von riesigen Ölpalmplantagen sind nahe der Ostküste einige Regenwaldflecken erhalten geblieben, die wegen ihrer exotischen Bewohner eine Reise wert sind.

Wildnis direkt vor der Haustür

Die ersten Urlauber stehen verschlafen am Fluss und suchen mit Ferngläsern das gegenüber liegende Ufer nach Affen ab. Einsamkeit sucht man hier vergebens. Doch wer in die „River View Lodge“ nahe dem kleinen Fischerdorf Sukau kommt, möchte das Abenteuer Borneo in seiner Lightvariante erleben. Denn nirgendwo anders ist es so einfach die Tierwelt Borneos hautnah zu erleben, exotische Vögel zu beobachten, wilden Orang Utans beim Fressen zuzuschauen oder Auge in Auge mit einer gelbschwarzen Mangrovenschlange zu spüren, wie sich die eigenen Nackenhaare aufstellen. Täglich lassen sich hier dutzende naturhungrige Touristen aus aller Welt für ein paar Stunden in die geheimnisvolle Welt der tropischen Regenwälder entführen.

Die Zehnschrittschlange

Jackpat, mein Bootsführer, reißt mich aus meinen Träumen, wir müssen los. Wir wollen zu so früher Stunde einen Nebenfluss des Kinabatangan, den Menangul-Fluss, hinauffahren um einen der ungewöhnlichsten Bewohner der Wälder Borneos, den Nasenaffen zu suchen. Schon nach wenigen Minuten erreichen wir den Zusammenfluss und biegen in den Menangul ab. Violette Wasserhyazinthen treiben uns entgegen. Die dicht bewaldeten Ufer rücken zusammen und bilden eine grüne, enge Schlucht, durch die wir in unserem kleinen Boot flussaufwärts gleiten.

Geschickt umfährt Jackpat die aus dem Wasser ragenden toten Zweige. Plötzlich steuert er aufgeregt das Boot zurück, er hat direkt in Augenhöhe eine Pit-Viper entdeckt. Zusammengerollt ruht die grüne Schlange auf einem belaubten Ast. Regungslos starrt sie uns mit ihren roten Augen an. Dicke Beulen zu beiden Seiten des Kopfes zeigen, dass ihre Giftkammern prall gefüllt sind. Die Pit-Viper ist eine dieser Zehnschrittschlangen, raunt er mir scherzend zu. Nach einem Biss bleiben dir noch zehn Schritte bis …, doch nach einer kurzen Kunstpause beruhigt er mich grinsend: „Sie ist sehr giftig, aber gutmütig, sie beißt sehr selten!“ Er muss es wissen, hat er doch monatelang britische Schlangenforscher im Dschungel begleitet.

Lange Nasen, dicke Bäuche…

Gespannt die Baumkronen absuchend folgen wir weiter dem Fluss, bis verräterisch aus dem Laub hängende, weiße Schwänze zeigen, dass wir gefunden haben, wonach wir suchten. Hoch oben döst eine Gruppe Nasenaffen träge in den Morgen hinein. Die rotbraun gefärbten Nasenaffen leben ausschließlich in den küstennahen Wäldern Borneos. Wie ihr Name vermuten lässt, besitzen sie eine auffallende herabhängende Nase. Die ersten Naturforscher waren sich nicht einig ob die Tiere nun besonders schön oder eher besonders grotesk aussehen.

Der britische Kolonialoffizier Charles Hose schrieb: „Er sieht höchst lächerlich aus. Er erfreut sich einer herabhängenden, fleischigen Nase, die mit ihrer Spitze beinahe über seinen ganzen Mund fällt. Doch nicht nur die Nase ist auffälliges Kennzeichen der Tiere. Männchen wie Weibchen wirken mit ihren dicken, kugeligen Bäuchen, als seien sie permanent schwanger. In Anpassung an ihre schwer verdauliche Kost aus Blättern und bitteren Früchten haben die Nasenaffen einen enorm langen Verdauungstrakt entwickelt. Er enthält, ähnlich der Kuh, eine gewaltige Menge Bakterien, die helfen die Nahrung zu verarbeiten.

…und ein ganzer Harem

Ein beeindruckendes, großes Männchen, sitzt breitbeinig in einer Astgabel und schaut argwöhnisch zu uns herab. Ein roter steifer Penis bohrt sich in sein weiches Bauchfell, in aller Klarheit will er uns sagen: „Hier bin ich der Boss!“. Lustlos schiebt er seine schwabbelige Nase zur Seite um sich ein paar Blätter ins Maul zu stopfen. Unvermittelt erschallt Gezänk und Gekreische, seine halb so großen Haremsdamen haben sich in die Wolle bekommen und streiten um einen besonders beliebten Platz. Mit tiefem, sonorem Brummen versucht er seine Gruppe zu beruhigen – erfolglos. Da hilft nur eines: Mit einigen kraftvollen Sprüngen tobt er lärmend durchs Gehölz und – quasi als kontrastierender Höhepunkt seiner Kraftmeierei – reißt er lautlos drohend sein Maul in Richtung der erschrockenen Damen auf. Innerhalb von Sekunden ist der Gruppenfriede wieder hergestellt!

Nasenaffen verbringen nur die Nächte entlang der Flussufer. Tagsüber ziehen sie auf der Suche nach Futter tief in den Dschungel, ruhen während der heißen Mittagsstunden verdauend aus, um am Abend wieder an die Flüsse zurückzukehren. Es ist Zeit, die Sonne steht bereits hoch, es wird heiß. Unsere Gruppe wird aktiv und schickt sich an, den Fluss zu überqueren. Hoch oben in 20 Meter Höhe holen die Tiere wippend Schwung, visieren ihr Ziel an und katapultieren sich wild mit den Armen rudernd auf die andere Seite. Groß und Klein wagen diesen nicht ganz ungefährlichen Stunt. Selbst das über 20 Kilogramm schwere Männchen landet mit einem riesigen Satz sicher und verschwindet einem für uns nicht sichtbaren Weg folgend im Grün des Waldes.

Bernd Leideritz

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