Kuba: Auf leeren Straßen durch den Westen der Zuckerinsel

Fidel Castro war ein Mann der Visionen. Die breiten Autobahnen, die Havanna mit den großen Städten im Osten und Westen der langgestreckten Insel verbinden, könnten täglich problemlos einige Hunderttausend Autos verkraften. Davon hat er zumindest mal geträumt. Aber durch Embargo und Benzinmangel bleiben die sechs- und achtspurigen Betonpisten gespenstisch leer.

So tummeln sich mehr Radfahrer und Pferdefuhrwerke auf den Schnellstraßen als Autos, Lastwagen und Busse. Der private und öffentliche Verkehr ist auf der Zuckerrohrinsel schon lange zusammengebrochen. Im Schatten der Brücken warten die Kubaner geduldig auf eine Mitfahrgelegenheit. Sie hoffen auf einen altersschwachen Bus, einen rostigen Lastwagen mit offener Ladefläche oder einen der wenigen Mietwagen. Niemand weiß, wann eine dieser wackligen Stützen des öffentlichen Transports vorbeikommt. Kubanischer Alltag mehr ein halbes Jahrhundert nach der Revolution. „Die Massen müssen spüren, dass die Grundlage für Wunder existiert“, hat der Comandante einmal gesagt. Die Kubaner warten immer noch auf das ein oder andere Wunder, auch wenn der große Fidel schon seit einiger Zeit nicht mehr an der Macht ist.

Ein grünes Paradies

Auf dem Weg in den Westen Kubas, wird es jenseits der Drei-Millionen-Stadt Havanna schnell ländlich. Am Horizont erstreckt sich eine sanft gerundete Bergkette, davor liegen endlose Zuckerrohr- und Tabakplantagen. Kuba ist eine von der Natur verwöhnte, üppig grüne und fruchtbare Insel. Nahe der Straße zwischen Havanna und Pinar del Rio liegt das kleine Städtchen Soroa an den Ausläufern der Sierra del Rosario. Hier hat der Spanier Tomas Felipe Camacho in den 1950er Jahren einen riesigen Orchideengarten angelegt. An dem steilen Berghang wachsen tropische Bäume, Bromelien und Begonien und ungefähr 700 verschiedene Orchideenarten. Etwa 200 dieser Orchideen kommen nur auf Kuba vor.

Besonders lohnend ist der Besuch des Orquideario zwischen November und April, wenn die meisten Pflanzen in voller Blüte stehen. Nicht weit vom Orchideengarten führt ein kurzer, aber schweißtreibender Pfad zum Wasserfall El Salto. Aus der dichten, tropischen Vegetation schießen die Wassermassen hervor, stürzen ungefähr 20 Meter in die Tiefe und sammeln sich in einem felsigen Becken. Das kühle und kristallklare Wasser am Fuße des Wasserfalls ist bei den Kubanern ein beliebter Badeplatz.

Biosphärenreservat Soroa

Einst gehörte fast die gesamte Gegend Don Ignacio Soroa, der hier eine florierende Kaffeeplantage betrieb. Nach Ende des Kaffeebooms wurde Soroa vor 15 Jahren von der UNESCO wegen der einmaligen Flora und Fauna zum Biosphärenreservat erklärt. Seit einigen Jahren versuchen die Kubaner in dem Biosphärenreservat und der Sierra del Rosario den ökologischen Tourismus zu fördern. Zentrum dieser Bemühungen ist der Komplex Las Terrazas mit dem Moka Hotel. Das Hotel liegt inmitten der tropischen Vegetation und wirkt mit den Schatten spendenden Arkaden und den geschnitzten Geländern und Fenstergittern wie eine luxuriöse Dschungel Lodge. Die nach allen Seiten offene Bar ist um einen alten Baum gebaut und eine angenehm luftige Oase in dem feuchtheißen Klima. Vom Hotel kann man auf verschiedenen Wanderwegen wie dem Buenavista Coffee Plantation Trail die Umgebung erkunden.

Ein verschlafenes Nest

Die Provinzhauptstadt Pinar del Rio liegt ungefähr 200 Kilometer von Havanna entfernt und ist das Zentrum von Kubas Westen. Trotz seiner gut 130.000 Einwohner wirkt die Stadt wie ein verschlafenes Nest. Da sie keine spektakulären Sehenswürdigkeiten zu bieten hat, kann man gemütlich über die Hauptstraße schlendern und ein wenig am Alltag der Einheimischen Teil nehmen. Eine ganze Schulklasse tobt in dem kleinen Park vor der strahlend weißen Kirche herum und freut sich über die Abwechslung, die jeder Fremde bringt. Albern, aber auch stolz, versuchen sie, mit ihren paar Brocken Englisch den Kontakt herzustellen. Ansonsten verströmt die Stadt Ruhe und Gelassenheit. Ein paar Fußgänger und Radfahrer teilen sich friedlich die Straße mit den wenigen uralten Autos. Rush-Hour wird in Pinar del Rio wohl noch für lange Zeit ein Fremdwort bleiben. Bemerkenswert ist die Architektur der Stadt. Fast jedes Haus hat ein weit heruntergezogenes Vordach, das von mehreren Säulen gestützt wird. Als ob alle eine stille Übereinkunft getroffen haben, ist Blau die vorherrschende Farbe. Oft sind es kleine, ärmliche Häuser mit verwitterten Dachziegeln, die zu dieser fast lückenlosen Arkadenreihe beitragen. Dazwischen gibt es aber immer wieder stattliche Gebäude, die sich mit einer klassisch-griechischen Säulenreihe schmücken. Neben dem obligatorischen Blau fallen die goldenen Kapitelle sofort ins Auge.

Die Mural de la Prehistoria

Von Pinar del Rio geht es in Richtung Norden zum Valle de Vinales. Schon von Ferne fallen seltsame Bergrücken ins Auge, die Mogotes. Zwischen den beiden Bergmassiven, der Sierra de los Organos im Westen und der Sierra del Rosario im Osten erinnern sie an riesige, grüne Elefantenrücken. Diese stark verwitterten und dicht bewachsenen Kalksteinfelsen prägen eine der eindrucksvollsten Landschaften Kubas. Zuvor staunen wir aber noch über ein seltsames Kunstwerk: Die Mural de la Prehistoria. In den 1960er Jahren hat der Künstler Leovigildo Gonzales Morillo eine ganze Felswand von Pflanzen gesäubert und ein 120 Meter hohes und 180 Meter breites Monumentalgemälde geschaffen. Mit seinen plakativ bunten Figuren wollte er die Evolutionsgeschichte des Menschen darstellen. Biologisch ist seine Geschichte nicht ganz korrekt, denn sonst müssten unsere direkten Vorfahren riesige Schnecken und Dinosauriern sein. Die Erkenntnisse Darwins sind wohl der künstlerischen Freiheit zum Opfer gefallen.

Die Mogotes im Valle de Vinales

Das Hotel Los Jazmines liegt auf einer kleinen Anhöhe mit einem atemberaubenden Blick auf die Mogotes und das Valle de Vinales. Stundenlang kann man auf der Terrasse sitzen, den rosafarbenen Kolonialbau und den Pool im Rücken, und beobachten, wie sich die Landschaft mit dem Sonnenstand verändert. Schon für diesen Ausblick hätte das Hotel mindestens fünf Sterne verdient. Frühaufsteher werden mit den schönsten Lichtstimmungen belohnt. Dann wirken das Tal und die Mogotes wie eine chinesische Tuschezeichnung, die alle paar Minuten neu gemalt wird. Im fahlen Morgenlicht kriecht Nebel über den Talboden und hüllt alles ein. Nur die Spitzen der Palmen ragen aus der weißen Watte heraus. Dann wird der Nebel lichter und enthüllt immer mehr vom Tal. Tabakpflanzungen, rote Erde und ein paar Schuppen tauchen auf. Lautlos ziehen die Truthahngeier ihre Kreise, lassen sich von den Aufwinden am Hang tragen und kommen dabei so dicht heran, dass man ihnen in die Augen schauen kann. Dann gewinnt die Sonne immer mehr Kraft und zerstört das monochrome Bild. Das Grün der Vegetation wird kräftiger, die tief stehende Sonne steuert jetzt kräftige Gelbtöne bei. Ewig könnte man hier sitzen und die vielleicht schönste Landschaft Kubas genießen.

Christian Nowak

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