Australien: Ein Countrysong für die Prinzessin

Das fruchtbare Delta des Murray River, dem längsten Fluss Australiens, lässt sich am besten per Schiff erkunden.

Klammheimlich hat sich die Prinzessin nachts neben uns gelegt. Erst am Morgen bemerken wir sie. Und weil es noch in aller Frühe ist und bis auf einen einsamen Angler alle Welt noch schläft, haben wir ausgiebig Zeit, sie in ihrer edlen und majestätischen Schönheit zu betrachten. Ihre Würde zu bewundern, mit der sie tief im Wasser liegt. Nur ein Pelikan, der auf den riesigen Schaufelrädern sitzt, zeigt wenig Respekt – und verursacht immer dann ein leises Klack Klack, wenn er mit seinem Schnabel gegen das alte Eisen pickt.

Ein Sonnenaufgang am Murray River, Australiens längstem Fluss, ist an sich schon ein Erlebnis. Mit den ersten warmen Strahlen, die den steilen Sandsteinfelsen am Ufer der Schlucht und die fast im Wasser stehenden Trauerweiden berühren, erwacht auch eine ganz eigene Welt fernab jedes Stresses und Straßenlärms. Wer in diesem Augenblick des Tages dazu noch auf die Murray Princess stößt, einen alten Schaufelraddampfer, glaubt sich zudem in eine andere Zeit versetzt. Fast erwartet man, dass Huckleberry Finn jeden Augenblick die Reling betreten könnte – wäre da nicht das hypermoderne, von Glasfenstern umrahmte und mit mehreren Antennen bestückte Hausboot, das just in diesem Moment leise an der Prinzessin vorbeizieht.

Der Murray, ein launischer Fluss

Eine Cruise auf dem 2.670 Kilometer langen und kurvenreichen Murray River ist für viele Besucher Südaustraliens ein Höhepunkt der Reise – und ähnlich begehrt wie eine Fahrt auf dem Nil, dem Mississippi oder Amazonas. Zwar sind die meisten Orte am Ufer des weder besonders breiten noch reißend schnellen Stroms auch mit dem Auto zu erreichen. Doch nur über den Wasserweg – sei es auf einem Kreuzschiff oder einem privat gemieteten Hausboot – erschließt sich dem Besucher wirklich die grandiose Natur dieses vogelreichen und mit vielen Zuflüssen versehenen Wassersystems, das – gemeinsam mit dem angrenzenden Darling River – rund 15 Prozent des gesamten australischen Kontinents ausmacht. Der Murray River entspringt in den Snowy Mountains und mündet östlich von Adelaide ins Meer. Und er berührt auf seinem Weg drei Bundesstaaten: New South Wales, Victoria und South Australia. Von der Größe her würde die Bundesrepublik dreimal in dieses Gebiet passen.

Wer dann noch das Glück hat, von David Farron, Kaptain des Schiffes Murray Expedition, über den Fluss geschippert zu werden, erfährt die spannende Geschichte dieser Region. Farron lebt seit 25 Jahren auf dem Murray River, und hier, sagt er, „gleicht kein Tag dem anderen.“ Damit meint Farron nicht nur das Licht, das das Delta je nach Tages- und Jahreszeit in die unterschiedlichsten Farbschattierungen taucht. Er meint auch nicht nur die Natur, die sich während einer Reise auf dem Fluss täglich wandelt – von satten Weiden und dichten Eukalyptuswäldern über steile Klippen bis hin zu ausgetrockneten Böden abzweigender Flüsschen samt abgestorbener Baumstümpfe. Nein, wenn Farron davon spricht, dass hier, am Murray Delta, sich alles in stetem Wandel befindet, so meint er den Fluss selbst: Seinen launischen Wasserpegel, der fast täglich schwankt. Und das Extrem, in das der Murray River etwa alle fünf Jahre fällt, wenn er, wie während des verheerenden Hochwassers von 1956, entweder Häuser, Weiden und Straßen überflutet – oder nahezu austrocknet. In solchen Monaten der Dürre dringen Meerwasser samt Delphine bis in das Städtchen Morgan vor, 320 Kilometer vom Ozean entfernt – um dann in der Regenzeit wieder zurückgespült zu werden. Der Regen verhindert, dass die Böden nicht versalzen.

Früher Regen, heute (zu viel) Sonne

Lange Zeit waren diese natürlichen Wetterzyklen ein Segen für die Natur des Deltas. Doch seit ein paar Jahren überwiegen die Phasen der Trockenheit. Die zunehmende Dürre und die exzessive Bewässerung der Felder stören die natürliche Balance und Wasserversorgung der Region empfindlich. Doch noch wächst auf den fruchtbaren Böden der Wetlands Getreide, gedeihen Trauben, Orangen, Äpfel oder Zwiebeln und finden Kühe ausreichend Gras. Wie fruchtbar das Land hier im Delta ist, haben auch die Siedler – darunter viele deutsche Auswanderer und Ex-Häftlinge – sowie die Händler erkannt, die Mitte des 19. Jahrhunderts begannen, die Ufer des Murray River zu bevölkern und den Fluss als Handelsweg zu nutzen: Dank der Schifffahrt konnten sich Farmer nun immer tiefer im Delta niederlassen. Sie konnten ihre Möbel, Vieh, Bretter für den Hausbau, Landwirtschaftsgeräte oder Lebensmittel in die neuen Siedlungen bringen, mit dem Wasser des Stroms ihre Felder bewässern – und auf dem Murray River außerhalb der Trockenzeit und des Niedrigwassers ihre Erzeugnisse wie Fleisch, Wolle, Obst oder Getreide zu den Märkten und Häfen in Murray Bridge oder Adelaide transportieren. „Der Murray hat Australien aus der Abhängigkeit von England befreit“, ist Kaptain Farron überzeugt.

Doch der Fluss hat auch eine neue Abhängigkeit geschaffen, und zwar vom Tourismus. Anfangs des 20. Jahrhunderts wurden im ganzen Süden des Kontinents Schienen verlegt. Züge übernahmen nun die Getreide- oder Viehfracht. Der neue Konkurrent der Schiffe schaffte dies  nicht nur günstiger und schneller, sondern vor allem auch zwölf Monate im Jahr. Der Verkehr von Handelsschiffen auf dem Murray River brach zusammen – und im Gegenzug nahm der von Cruisern und Hausbooten zu. Heute ist der Murray River eine wunderschöne Ferienlandschaft – und der Besucher hat die Wahl, entweder einsam im Kanu oder in Gesellschaft auf einem der hochmodernen Cruiser oder Nostalgiedampfer wie die Murray Princess über den Fluss zu schippern. Er kann wahlweise in der Sonne dösen, am Ufer campen oder sich in einem der teils sehr exklusiven Holiday-Resorts oder auch einfachen Feriendomizile oder Stelzenbauten in den schnuckeligen, aber auch etwas langweiligen Städtchen entlang des Rivers einmieten – um von dort aus Wasserski zu fahren, sich auf´s Rad zu setzen, zu Wasserfällen zu wandern oder den Golfschläger zu schwingen.

Wir ziehen dem eine Kreuzfahrt auf der Murray Expedition vor. Drei Tage und zwei Nächte werden wir auf dem Schiff in recht engen Kabinen mit Fenster schlafen, in einer behaglichen Lounge essen, auf einer breiten Reling faulenzen oder von hier mit dem Fernglas Komerane oder Wombats beobachten. Oder mit Kaptain Farron – er hat sein weißes Kapitänsdress hierfür gegen ein khaki-grünes Ranger-Outfit und seinen Kahn gegen ein kleines Motorboot ausgetauscht – einen Ausflug zu den mächtigen Sandsteinkliffen unternehmen. Imposant ragen sie vor uns auf, und das Wissen, dass sie vor vielen Millionen Jahren alle einmal unter dem Wasser des Ozeans lagen, macht das Ganze noch eindringlicher. Den Abdruck von Muscheln und Krebsen und anderen Fossilien finden sich im Sandstein überall.

Die Cruise, ein Lebenstraum

Erstaunlich jung sind hingegen die meisten Gäste unserer Cruise: Wir sind verwundert, dass von den rund 30 Schiffspassagieren mindestens ein Drittel unter 40 ist. Dass wir eine ungewöhnlich junge Gruppe sind, bekräftigt auch Kapitain Farron. Selbst Eileen aus Sydney, mit 74 die älteste an Bord, versteht jede Menge Spaß, was das gängige Durchschittsalter auf den meisten Kreuzschiffen betrifft. Breit grinsend erzählt sie am Abendessentisch: „Vor vierzig Jahren hab ich immer über die alten Leutchen gegrinst, die so einen Trip unternehmen – und jetzt sitz ich selbst hier!“

Eileen ist dennoch eine der lebhaftesten Gäste an Bord – vielleicht, weil sie sich mit dieser Cruise „einen Lebenstraum“ erfüllt hat, wie sie sagt. Und so singt sie am Abend, beim romantischen Lagerfeuer am Ufer, mit einer unerwartet guten Stimme besonders laut, besonders glücklich australische Countrysongs. Diese haben die sieben Crewmitglieder kurz vor Mitternacht, nach einem leckeren Barbeque mit Steaks, Folien-Kartoffeln und Salaten, angestimmt. Danach wird es ruhiger in der kleinen Gruppe, die sich in dieser klaren, lauen Nacht unter Millionen von funkelnden Sternen zusammengefunden hat. Ein paar der Gäste sprechen leise miteinander. Doch die meisten halten es wie Kaptain Farron, der sich in einem der Regiestühle niedergelassen hat und mit geschlossen Augen dem Knistern des glutroten Holzes und dem Zirpen der Grillen lauscht – und den leisen Geräuschen, die der Wind vom Fluss zu ihm trägt. Als wolle der Kapitän keinesfalls die Ankunft der Prinzessin verpassen.

Martina Hahn

 

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