Kanada: Auf der Suche nach dem König der Arktis

Jedes Jahr im Oktober wird der kleine Ort Churchill zur Touristenattraktion wenn die Eisbären vor der Stadt auf das Zufrieren der Bay warten. Für ein paar Wochen müssen Menschen und Bären dann miteinander auskommen, ohne sich gegenseitig umzubringen.

Langsam setzt sich der Zug in Bewegung und der Bahnhof von Winnipeg bleibt zurück. Für die nächsten 35 Stunden wird der Zug gemächlich über die auf dem Permafrostboden verlegten Gleise holpern. So lange dauert die Fahrt gen Norden bis zur Endstation Churchill an der Hudson Bay. Stunde um Stunde geht die Reise durch endlose Weizenfelder, die, dünn mit erstem Oktoberschnee überzogen, nicht von riesigen zugefrorenen Seen zu unterscheiden sind. Auf dem Weg nach Norden werden die Bahnhöfe immer seltener, sie sind die letzten Anzeichen einer spärlichen Besiedlung.

Polar Bear Alert

Churchill ist ein kleiner Außenposten der menschlichen Zivilisation in der kanadischen Tundra. Schon im Oktober ist es hier bitterkalt, die Hudson Bay wirkt wie ein riesiger Kühlschrank, bei dem jemand die Tür offen gelassen hat. Auch zu dieser Jahreszeit sind Schneestürme, die einem den Atem gefrieren lassen, keine Seltenheit. Aber wer hier lebt, hat sich mit dem extremen Klima arrangiert. Dick vermummt laufen die Menschen durch die Straßen, machen ihre Einkäufe oder besuchen Freunde. Ein paar Autos und Schneemobile sorgen für Leben auf den Straßen. Nichts deutet auf den ersten Blick darauf hin, dass hinter den letzten Häusern das Reich der Polarbären beginnt. Nur die giftgrünen Schilder mit der Aufschrift Polar Bear Alert warnen überall eindringlich davor, die Umgebung der Stadt zu Fuß zu erkunden. Und dann sind da noch die Bärenfallen hinter dem Gemeindezentrum, die vermuten lassen, dass ab und an mal ein Bär vorbeischaut.

Im Bärenland

Auf einer der wenigen Straßen gehr es einige Kilometer aus Churchill heraus bis zur Forschungsstation, wo einer der ortskundigen Bärenführer bereits wartet. Er soll uns mit seinem Tundra-Buggy sicher ins Bärenland bringen. Sein Buggy ist ein sonderbares Gefährt Marke Eigenbau. Über riesigen, grobstolligen Reifen thront ein Kleinbus mit Platz für ungefähr zehn Touristen. Die Konstruktion hat sich seit vielen Jahren bewährt, denn sie ist äußerst geländegängig und so robust, dass sich selbst ein ausgewachsener Eisbär daran die Zähne ausbeißt.

Nach einigen Kilometern querfeldein durch die menschenleere Tundra, bricht im Bus plötzlich Nervosität aus: Der erste Bär ist gesichtet worden. Langsam nähert sich ein ausgewachsener männlicher Eisbär mit gelblichweißem Fell dem Tundra-Buggy. Das imposante Tier nimmt keine Notiz von uns und trottet mit hängendem Kopf weiter, seine mächtigen Vorderpranken bei jedem Schritt nach innen drehend. Dann taucht ein Muttertier mit zwei Jungen im Schlepptau auf. Auch sie ziehen ganz gemächlich durch die Winterlandschaft. Wir halten an und hoffen auf die Neugier der Tiere.

Wie erwartet zieht das seltsame Gefährt die kleine Bärenkarawane magisch an. Den Kopf erhoben, die Nase im Wind, kommen sie langsam näher. Erst werden die Reifen inspiziert, dann beschließt die Bärenmutter einen Blick auf die Insassen zu werfen. Sie richtet sich auf und schaut uns direkt in die Augen. Die Bärin hat wahrscheinlich mit ihrer feinen Nase schon von weitem unsere Brote gerochen, aber sie macht keine Anstalten, sich eine Extraration zu sichern. Statt dessen rollt sie sich am Vorderreifen zusammen und bildet mit ihren Jungen ein weißes Fellknäuel.

Kampf der Giganten

Ein ganz besonderes Schauspiel sind kämpfende Eisbären. Immer wieder ziehen einzelne Bären gemächlich durch die weiße Tundra, andere liegen im Schnee und verschlafen den Tag. Plötzlich nähert sich ein Bär und fordert einen der Faulenzer heraus. Zunächst gibt es nur ein Tatzengeplänkel und eine spielerische Beißerei. Aber dann folgt der eigentliche Ringkampf. Beide Eisbären richten sich zu voller Größe auf, stehen einige Sekunden regungslos auf den Hinterbeinen und verhaken sich dann wie schwergewichtige Ringer mit den Vorderpfoten ineinander. Jeder drückt, schiebt und stößt aus Leibeskräften und versucht dabei, den Kontrahenten auch noch zu beißen.

Zwar laufen die Bewegungen wie in Zeitlupe ab, trotzdem keuchen die schweren Tiere vor Anstrengung. Bei diesem Zweikampf der aufgerichtet fast drei Meter großen Eisbären geht es nicht um Schnelligkeit, sondern Kraft ist gefragt. Nach einigen Sekunden lassen sie sich, noch immer ineinander verkeilt, in den Schnee sinken. Zum Finale beißen sie sich noch in Ohren und Nacken, wobei die Vorderpranken ineinander verschlungen bleiben. Dann ist die Auseinandersetzung plötzlich zu Ende. Die Kontrahenten gehen jetzt entweder wieder getrennte Wege, oder sie legen sich erschöpft nebeneinander in den Schnee und sammeln Kräfte für die nächste Runde. Zu dieser Jahreszeit tragen die Bären nur spielerische Gefechte aus, ernsthafte Verletzungen kommen dabei so gut wie nie vor. Wahrscheinlich sind es nur Trainingseinheiten für die Auseinandersetzungen während der Paarungszeit, während der die Männchen hemmungslos übereinander herfallen und sich dabei regelmäßig schwere Verletzungen zufügen.

Auf Nahrungssuche

Schon seit Jahrhunderten wandern die Bären im Herbst an der Küste der Hudson Bay nach Norden. Wenn es nach den Eisbären ginge, würden sie das ganze Jahr über auf dem Eis der Bay verbringen. Aber im Juli wird die Eisdecke dünn und zerbricht in große Schollen. Auf diesen Eisinseln treiben die Tiere dann in Richtung Süden. Irgendwann schließlich schmilzt ihnen auch noch das letzte Stückchen Eis unter den Füßen weg, und Ursus maritimus, der Meeresbär, wird auf Landurlaub geschickt.

Einige Tiere überrascht der arktische Sommer noch weit draußen auf der Bay, aber dann schwimmen sie mal eben die letzten 100 Kilometer bis zur Küste. Abgeschnitten von ihrer Lieblingsspeise, den Bart- und Ringelrobben, verbringen sie einen faulen Sommer und zehren von ihren Speckpolstern. Erst wenn es im September kälter wird, machen sich die Eisbären wieder auf den Marsch in Richtung Norden. Mitte Oktober sind dann einige hundert Tiere zielstrebig in Richtung Churchill unterwegs. Eigentlich scheren sie sich wenig um den Ort oder die Menschen, ihr Instinkt treibt sie dorthin, wo die Bay am ehesten zufriert. Sie haben genug von der sommerlichen Nulldiät und wollen so schnell wie möglich zurück aufs Eis, um den Robben an deren Atemlöchern aufzulauern.

Als Churchill noch aus einer Handvoll Hütten bestand, gab es kaum Probleme mit den Bären. Während der sechs gefährlichen Wochen im Herbst arrangierten sich die Menschen mit den Tieren, gefährliche Begegnungen waren selten. Erst als Churchill immer größer wurde, immer mehr Stadtmenschen in die Wildnis zogen und obendrein der Eisbärentourismus in Schwung kam, nahmen die Probleme zu. Besonders die wachsenden Müllberge, die vor den Toren der Stadt entstanden, waren eine unwiderstehliche Attraktion für die ausgehungerten Tiere. Für sie war das Wühlen in den Abfällen nach der langen Fastenzeit wie eine Stippvisite im Schlaraffenland. Der Duft lockte immer mehr Hungrige Bären an und im November 1968 wurden an einem Tag 40 ungebetene Gäste auf der Müllkippe gezählt.

Von Bären und Menschen

Die majestätischen Tiere mit dem seidig glänzenden Fell waren zu völlig verdreckten Stadtneurotikern verkommen, die in brennenden Abfallhaufen herumstöberten. Der König der Arktis bot ein jämmerliches Bild. Aber sie waren die Sensation für Sonntagsausflügler in ihren Autos, wurden provoziert und gefüttert. Die Zwischenfälle häuften sich. Die Bären gewöhnten sich an die Menschen, blieben aber weiterhin gefährlich. Selbst verschlossene Gebäude waren vor ihnen nicht sicher, und Polarbären, die seelenruhig durch die Straßen von Churchill trotteten, waren nichts Außergewöhnliches. Immer wieder wurden Menschen angegriffen, was manchmal sogar tödlich endete.

Da die Bewohner nicht auf den zunehmenden Eisbärentourismus verzichten wollten, der eine einträgliche Einnahmequelle war, musste das Zusammenleben von Bären und Menschen organisiert werden. Also wurden Spielregeln festgelegt, zu deren Einhaltung man die Bären allerdings zwingen musste. Dafür sorgt die Eisbärenpolizei. Sie hat die Aufgabe, die Bären von der Stadt fernzuhalten. Andererseits darf im Oktober und November niemand das Stadtgebiet zu Fuß verlassen.

Mit Allradfahrzeugen kontrollieren die Gesetzeshüter die neuralgischen Punkte. Mittlerweile gibt es eine 20 Kilometer breite Sicherheitszone um das Stadtgebiet. Sie besteht aus einem engmaschigen Netz von Bärenfallen, Fußschlingen oder großen Wellblechröhren, in denen Seehundköder liegen. Mehrmals täglich kontrolliert eine Patrouille die Fallen um gefangenen Tieren allzu großen Stress zu ersparen. Hat sich ein Eisbär vom Seehundköder anlocken lassen, und sitzt in der Falle, wird er betäubt und landet im Eisbärengefängnis.

Im Eisbärengefängnis

Der Arrest für uneinsichtige Eisbären ist eine fensterlose Wellblechröhre und ähnelt einem alten Flugzeughangar. Nur das kleine Schild Polar Bear Jail am Tor gibt Aufschluss über die Insassen. In dem Schuppen haben bis zu 20 Tiere Platz. Jeder Kandidat kommt in Einzelhaft, damit sie nicht übereinander herfallen, sich verletzen oder sogar zerfleischen.

Heute sollen Bären ausgeflogen werden. Wir warten vor dem Eisbärengefängnis auf den Hubschrauber, der schließlich in einem gewaltigen Schneegestöber auf dem Platz vor der Wellblechröhre landet. Die Beamten der Eisbärenpolizei mögen es überhaupt nicht, wenn man ihnen bei der Arbeit zuschaut. Mit mürrischen Gesichtern versuchen sie immer wieder Schaulustige fernzuhalten. So ist auch kein Blick in das dunkle Innere des Polar Bear Jail zu erhaschen.

Die offizielle Begründung lautet: Die Tiere sollen so wenig wie möglich gestört werden. Bei den Einheimischen aber hält sich hartnäckig das Gerücht, dass einige Könige der Arktis in einem schlechten Zustand und nicht vorzeigbar sind. Die mächtigen Tiere sind während der ganzen Prozedur bei vollem Bewusstsein und schauen die Beobachter mit großen Augen an. Nur ihre Muskeln sind nach einem Schuss aus dem Betäubungsgewehr zu keiner Bewegung mehr fähig. Vor dem Abflug nimmt man ihnen noch Blut ab, und sie bekommen auf die Innenseite der Oberlippe eine grüne Markierung. Anhand dieser Tätowierung lassen sich Wiederholungstäter leicht identifizieren, zum anderen kann man so mehr über ihre Wanderungen im Laufe der Jahre erfahren.

Die ausgewachsenen Eisbären werden auf einem Wagen heraus gefahren und vor dem Gefängnis auf ein Netz gelegt. Die Jungen werden unter den Vorderpfoten gefasst und wie große, weiße Kuscheltiere getragen. Jeweils zwei bis drei Bären kommen in ein Netz, das dann unter den Hubschrauber gehängt wird. Der Pilot bringt sie dann 50 bis 100 Kilometer nach Norden über den noch nicht zugefrorenen Churchill River, um ihnen den Rückweg zu erschweren.

Nach dem kurzen Flug setzt er die Tiere an der Hudson Bay aus. Anfangs torkeln sie noch benommen über das Eis, aber in der Regel erholen sie sich schnell von der Verbannung. Vielleicht ist der Aufenthalt in einem dunklen Wellblechschuppen nicht gerade angenehm für den König der Arktis, der gewohnt ist, in unendlicher Weite und Freiheit umherzustreifen, aber früher bezahlte er die Begegnung mit Menschen oft mit dem Leben. Denn in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle zieht der Bär bei solchen Zwischenfällen den Kürzeren.

Friedliche Koexistenz

In Churchill leben heute Eisbären und Menschen relativ friedlich nebeneinander. Die Zeiten der vor Schmutz starrenden Bären, die in brennenden Abfällen stöbern sind vorbei. Heute wird kein Bär mehr in der Nähe der Deponie geduldet. Selbst die Wissenschaftler haben bei ihrem Studium der Lebens- und Wandergewohnheiten der Polarbären ihre Eingriffe auf ein Minimum reduziert.

Früher wurden den Bären regelmäßig Plastikknöpfe in die Ohren gedrückt, oder sie bekamen eine große Nummer auf den Rücken gemalt, damit man sie schon vom Hubschrauber aus identifizieren konnte. Viele liefen im Dienste der Wissenschaft auch jahrelang mit einem Radiosender um den Hals herum. Für die Wissenschaft waren die gewonnenen Erkenntnisse sicher wichtig, für ein ungestörtes Bärenleben sicher nicht.

Vielleicht haben auch die vielen Naturfotografen, die jeden Herbst nach Churchill kommen, diese Einsicht beschleunigt, denn wer bringt schon gerne Eisbärenfotos mit nach Hause, auf denen der König der Arktis eine große Nummer auf dem Rücken und um den Hals einen Radiosender trägt. Auch nach mehreren Wochen im Eisbärenland und viel Zutrauen zur Eisbärenpolizei ist es immer noch ein komisches Gefühl nachts durch die Straßen des Ortes zu gehen. Man geht unwillkürlich in der Mitte der Straße, macht einen großen Bogen um die Eisbärenfalle hinter dem Gemeindezentrum und achtet auf jeden Schatten.

Christian Nowak

 

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