Türkei: Einsame Götterfiguren auf dem Gipfel des Nemrud

Vergessene Riesenköpfe in der Einsamkeit

Auf dem Gipfel des Nemrud, im südostanatolischen Taurus-Gebirge, kann man Zwiesprache mit den Göttern des alten Königreiches von Kommagene halten und von einem mysteriösen Grab träumen.

Vor 2000 Jahren, wuchsen noch mächtige Eichen und Platanen an den Berghängen des Taurus-Gebirges, in den Tälern reiften Feigen, Oliven, Walnüsse und Granatäpfel und die Felder und Weinstöcke gaben reiche Ernte. Selbst vor 100 Jahren war der Landstrich noch fruchtbar, doch heute sind alle Bäume gefällt und der Garten Eden besteht nur noch aus trockener, verkarsteter, rotbrauner Erde, von der die Ziegen die letzten grünen Flecken zupfen. Auf einer holprigen Serpentinenstrasse nähern wir uns dem Gipfel des 2150 Meter hohen, geheimnisvollen Nemrud-Berges. In dieser wilden Einsamkeit, an einem der unwirtlichsten Orte der Türkei, mitten im ostanatolischen Taurus-Gebirge, hat sich vor 2000 Jahren König Antiochos von Kommagene ein monumentales Grabmal bauen lassen. Dafür mussten der Gipfel des Berges gekappt und 200.000 Kubikmeter Gestein abgetragen werden. Auf der künstlichen Plattform wurde dann ein neuer, kegelförmiger Gipfel aus Schotter aufgeschüttet, 150 Meter im Durchmesser und 50 Meter hoch. Es war der Grundstein für das Zentrum einer neuen religiösen Kultur.

Einsame Götterfiguren

Die letzten 300 Höhenmeter zum türkischen Olymp muss man zu Fuß auf einem schmalen Weg durch Geröllfelder bewältigen und bekommt so einen unauslöschlichen Eindruck von der grandiosen Bergwelt. Dann steht man plötzlich vor den Riesenköpfen. Hundert Mal hat man sie schon gesehen, auf Postern und Plakaten, denn keine Türkei-Werbung kommt ohne sie aus. Doch die Originale übertreffen alle Erwartungen. Wohin soll man zuerst schauen? Den Riesen in die Augen oder in die Ferne, wo der riesige Atatürk-Stausee wie eine Fata Morgana in der kargen Landschaft wirkt. Auf zwei Terrassen ließ König Antiochos je fünf monumentale Götterfiguren aus Tonnen schweren Steinblöcken meißeln. Als man die Tempelanlage 1881 entdeckte, lagen die riesigen steinernen Köpfe verstreut auf den Terrassen, im Laufe der Zeit hatten Erdbeben sie zerstört. Mittlerweile sind die Köpfe wieder aufgerichtet, sodass Besucher den Göttern Auge in Auge gegenüber stehen. Die meisterhafte Arbeit der Steinmetze ist in den filigranen Gesichtszügen zu erahnen, aber 2000 Jahre in Wind und Wetter, bei glühender Hitze und eisiger Kälte lässt auch die Haut von Göttern faltig und rissig werden. Die Tempelanlage auf dem Berg Nemrud ist das beeindruckendste Relikt des Königreiches von Kommagene, das nur kurze Zeit, von 162 v. Chr. bis 72 n. Chr., als unabhängiger Staat an der Grenze zwischen dem römischen und persischen Reich existierte.

Das Grab des Königs

Bewacht von den steinernen Götterfiguren soll sich, irgendwo tief im Berg verborgen, die königliche Grabkammer befinden, doch die Suche nach diesem sagenhaften Grab dauert nun schon mehr als 100 Jahre. Maurice Crijns, ein niederländischer Architekt und Initiator der internationalen Nemrud Foundation, ist fest davon überzeugt, die Grabkammer lokalisiert zu haben und glaubt, dass ihr Inhalt eine ähnliche Sensation wie der Fund des Tutenchamun sein könnte. Die von ihm ins Leben gerufene Nemrud Foundation versucht seit vielen Jahren die Anlage vor dem Verfall zu bewahren und natürlich das Grab finden. Nach vielen Anlaufschwierigkeiten sind erste Erfolge bei der Konservierung der Anlage zu sehen, und doch geht Maurice Crijns alles viel zu langsam, da hilft es auch nicht, dass der Berg Nemrud seit 1987 auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO steht.

Christian Nowak

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *