Indonesien: Auf Augenhöhe mit den Riesenechsen von Komodo

So hatte ich mir die Ankunft im Reich der Riesenechsen nicht vorgestellt. Statt auf der Suche nach den letzten Überlebenden einer längst vergangenen Epoche durch das Inselinnere zu streifen, sitze ich einem finster dreinschauenden uniformiertem Ranger gegenüber. Mit Argusaugen verfolgt er im Dämmerlicht der Empfangshütte wie ich mich in sein gewichtiges Gästebuch eintrage. Keine der zahlreichen Spalten darf leer bleiben. Ihm ist nicht das kleinste Lächeln zu entlocken, viel zu bedeutsam sind die Daten die hier so akribisch gesammelt werden. Man weis ja nie, vielleicht ist es ja gerade die Familie dieses „Orang Touris“, die nach einem der bedauernswerten Zwischenfälle mit einem „Ora“ benachrichtigt werden muss.

Ein Relikt aus grauer Vorzeit
Die Insel Komodo ist nur eine von tausenden Inseln des indonesischen Archipels, doch immer mehr Touristen verirren sich in diese abgelegene Region. Sie kommen weniger um die gebirgige, mit Savannen, Lontapalmen, bisweilen auch mit Dschungel bedeckte Landschaft kennen zu lernen. Weder die grandiose Unterwasserwelt, noch die Wildpferde der Nachbarinsel Rinca üben eine so ungeheure Anziehungskraft aus, wie der „Ora“, der Komodo Drache. Alle suchen den Kick diesem letzten noch lebenden Drachen, diesem Relikt aus alten Fabeln und Geschichten zu begegnen. Zugegeben, genaugenommen ist die riesige Echse kein Drache, kein Dinosaurier, sie kann nicht Feuer speien, ja nicht einmal fliegen.

Doch handelt es sich immerhin um die größte bekannte Echsenart. Die Entdeckung von Varanus komodoensis, so die wissenschaftliche Bezeichnung, war eine der zoologischen Überraschungen des 20. Jahrhunderts. Die westliche Welt ahnte nicht, dass entgegen der landläufigen Meinung, alle großen Echsen seien bereits seit tausenden Jahren ausgestorben, in einem fernen Winkel der Welt noch einige tausend Urtiere überlebt hatten.

Erst im Jahre 1910 berichteten indonesische Perlenfischer dem holländischen Kolonialbeamten van Steyn van Hensbroek von gigantisch großen „Landkrokodilen“. Sie fabulierten von sechs, ja sieben Meter langen Ungeheuern, die sich auf der Insel Komodo und ihren Nachbarinseln herumtrieben. Das in den folgenden Jahren von wagemutigen Abenteurern gefangene, größte Exemplar maß allerdings nur enttäuschende 3,10 Meter.

Nach dem strengen Ankunftsritual machen wir uns auf den Weg ins Innere der Insel. Vor und hinter unserer kleinen, schwatzenden Gruppe läuft jeweils ein mit einem abgegriffenen, gegabelten Stock bewaffneter Ranger. Seit in den siebziger Jahren der Schweizer Baron Rudolf von Reding-Biberegg vermutlich Opfer eines Komodo-Warans wurde, dürfen Ausländer die Insel nicht mehr alleine erkunden.

Es ist Trockenzeit, die Insel ist völlig ausgedörrt, das Laub knistert unter unseren Füßen. In einem staubtrockenen Flußbett durchqueren wir ein kleines Wäldchen. Plötzlich erschallt hinter mir ein unterdrückter Schrei, es raschelt. Wo ist er, der Ora? Doch Fehlanzeige, heute ist es nicht mehr so selbstverständlich die Komodos zu Gesicht zu bekommen wie noch vor einigen Jahren. Denn früher wurden den Echsen tief im Busch vor den Augen der Touristen Ziegen zum Fraß vorgeworfen. Doch heute verzichtet man auf dieses makabre Schauspiel.

Kraftpaket mit Mundgeruch
Nach Verlassen des Waldes führt der Weg durch eine goldgelbe Graslandschaft. Niemand scheint den weißen Kakadu zu bemerken, der über uns hinweg fliegt. Zu groß ist die Spannung, als im hüfthohen Gras ein großer Kopf auftaucht. Locker wie ein Kettenhemd hängt seine grobe schuppige Haut um seinen Hals. Eine tiefe Fleischwunde ziert seine linke Wange – vermutlich das Resultat eines Paarungskampfes. Gemächlich schwingt die archaische Echse ihren Kopf hin und her. Züngelnd nimmt sie Witterung auf – Warane riechen wie alle Echsen mit Hilfe ihrer Zunge – und beschließt wir sind weder Futter noch Gefahr. Breitbeinig, leicht federnd kommt das Kraftpaket mit der schwingenden Entschlossenheit eines Schlägers auf uns zu. Doch der Waran zieht unbeeindruckt an uns vorbei und macht es sich auf einem schattigen Felsen gemütlich.

Etwas respektlos denke ich, so richtig bedrohlich wirkt er eigentlich nicht. Doch dann stelle ich mir vor dieses mit 2,5 Metern Länge gar nicht so große Exemplar läge auf meinem heimischen Sofa. Abgesehen von der Tatsache, das seine messerscharfen, fingerlangen Krallen der wertvollen Garnitur in Kürze den Garaus machen würden, gibt mir mein scharfer Verstand zu bedenken, es handelt sich hier um ein recht unkultiviertes Raubtier mit schlechten Eßmanieren. Es lauert seinen Opfern heimtückisch aus dem Hinterhalt auf und kann bei einem Angriff bis zu 20 km/h schnell sprinten. Allein eine Bißverletzung endet meist tödlich!

Sein Maul ist Brutstätte für einen unappetitlich stinkenden, hoch infektiösen Bakterien-Cocktail. Hat die Echse ihr Opfer, meist Hirsche oder Schweine, gleich richtig erwischt, reißt sie es zu Boden und verschlingt es mit Haut und Haaren. Einzig der Darminhalt scheint ihnen unappetitlich, sie schütteln ihn vor dem großen Fressen heraus. Junge Komodo-Warane nutzen diese Abneigung und schützen sich vor ihren kannibalischen Artgenossen in dem sie auf Bäume klettern und sich in Fäkalien wälzen! Unser Komodo bleibt aber ruhig und ignoriert routiniert die knipsende Touristenschar.

Bernd Leideritz

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