Polen: Schlossherr mit Leib und Seele

Er ist, um den altmodischen Ausdruck zu gebrauchen, ein Tausendsassa. Auch das Wort vom Selfmademan würde auf ihn passen. Zbigniew Czmuda hat „schon alles gemacht“, wie er sagt. In Amerika hat er beispielsweise Staubsauger verkauft, ohne Englisch zu sprechen. Deutsch spricht er fließend. Der studierte Volkswirtschaftler ist ein fleißiger Mann, freundlich und herzlich. Heute ist er – durchaus stolzer – Schlossherr.

Was für ein Schloss! Es heißt Palac Wiechlice und liegt im gleichnamigen Örtchen in Westpolen, gut zwei Bahn- oder Autostunden von Berlin entfernt. Zbigniew Czmuda und seine Frau Joana haben das Haupthaus im Barockstil und zehn Nebengebäude, allesamt damals Ruinen, vor sechs Jahren gekauft und seit 2009 renoviert und aus- und umgebaut. Dabei schaute ihm der Denkmalschutz immer über die Schulter, und das streng – „aber ich habe keinen Cent Unterstützung bekommen“, sagt Czmuda.

Das Haupthaus, das Schloss, ist ein prächtiger Bau, außen wie innen. Bei der Renovierung wurden nur originale oder – wie bei einigen Türen – den Originalen nachgebildete Teile verwendet. Die Zimmer wurden nach altem Vorbild mit reinem Kalk gestrichen. „Das ist sauber und hygienisch“, betont Czmuda. Apropos Zimmer: Die sechs im Haupthaus, in dem auch das Restaurant liegt, haben Ausmaße von Ballsälen. Die Fernseher in den Zimmern im Haupthaus sind so groß, dass man sie umlegen und Billard drauf spielen könnte. Doch das nicht genug: Im Bad hängt jeweils ein zweiter Plasmaschirm. 28 weitere, kleinere Zimmer liegen in den ebenfalls sorgsam restaurierten Seitengebäuden.

Konferenzen in der Scheune

Das waren einmal riesige Scheunen. In einer der Scheunen hat das Hotel gerade einen Saal für Events und Konferenzen fertig gestellt. 150 bis 200 Besucher finden an Tischen, 250 bei Konferenzbestuhlung Platz. In einem weiteren Scheunenbau ist zur Jahreswende eine hochmoderne Wellnessabteilung eröffnet worden – mit Schwimmbad, Behandlungsräumen, Saunen und vielem mehr. Auch ein Raum für Bogenschützen steht zur Verfügung.

Übrigens ist Czmuda ein leidenschaftlicher Sammler, und in seinem Schloss liegen über 200 Teppiche, feine, kostbare orientalische Teppiche. Überhaupt sammelt der der Schlossherr alles, was ihm auf Flohmärkten in die Finger kommt- alte Füllfederhalter und Bleistifte, Bücher und Bilder.

800 Jahre lang war das Gebiet an der deutsch-polnischen Grenze deutsch und zu dieser Zeit „unheimlich reich“, wie Czmuda weiß: „Da stand in jedem Dorf ein Schloss.“ Palac Wiechlice gehörte seit 1850 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs einer deutschen Bauernfamilie namens Neumann. Die alten deutschen Kasernen in Wiechlice wurden nach dem Krieg von den Sowjets ausgebaut. Auf 50 Hektar waren hier 15.000 Soldaten stationiert. Ihre Hinterlassenschaft: ein (unbenutzter) Flugplatz vor den Türen des Hotelpalasts, leere Kasernengebäude und mehrere Hangars. Zum Hotel selbst gehören ein großer Park, mehrere Fischteiche und 4.000 Weinstöcke.

Ausflug zur Glashütte Borowski

Der Schlossherr von Wiechlice kennt viele, viele Leute. Er brannte förmlich darauf, mir ein paar seiner Kontakte zu zeigen. Also fuhren wir nach Bolesławiec – uns besser als Bunzlau bekannt, die Stadt der berühmten Bunzlauer Keramik. Zwischen Bolesławiec und dem Nachbarörtchen Tomaszow Boleslawiecki liegt die Glashütte Borowski. Sie ist in einem über hundert Jahre alten Gebäude untergebracht, das nach dem Krieg einer LPG gehörte und sehr heruntergekommen war, als die Familie Borowski 1991 das Gebäude kaufte. Der erforderliche Anbau ist stilgerecht errichtet worden.

Die Borowskis gingen in den frühen 80-er Jahren nach Deutschland und unterhielten 1988 und 89 eine Glashütte in Nordrhein-Westfalen. Zwei firmeneigene Läden verkaufen heute in Deutschland Borowski-Glas, davon einer auf Sylt. Die Glashütte bei Bunzlau darf besichtigt werden, ein faszinierender Ausflug von Palac Wiechlice. Herzlich empfingen uns der fließend Deutsch sprechende Besitzer Pawel Borowski, seine Frau, sein Vater, der Seniorchef, und seine Mutter. Größer als die Schar der Glasbläser ist die Zahl der Mitarbeiter, die mit der Nachbereitung befasst sind. Denn die Glashütte produziert nicht „normales“ Glas – Trinkgläser, Schalen usw. -, sondern merkwürdige Gebilde mit bunten Schnäbeln, Stummelflügen und Kugelbauch. Ungewöhnlich: Viele der Glasgebilde sind zur Außenaufstellung konzipiert und können beleuchtet werden. Die Gebilde sind gewiss nicht jedermanns Geschmack, eher Kunsthandwerk als Kunst, aber auf jeden Fall originell.

Wunderwelt im Shop

Eine Wunderwelt ist der Shop, der unter dem Dach der Glashütte die eigenen Produktionen verkauft. Die wundersamen Gebilde sind erschwinglich. Es gibt auch preiswerte Ware zweiter Wahl – nur Perfektionisten würden die kleinen Fehler erkennen. Alles in allem: ein herrlicher Ausflug. Zbigniew Czmuda war auf seinen Freund Pawel und dessen Manufaktur ganz stolz – zu Recht!

Zbigniew sammelt nicht nur alte Stiche und Dreschflegel, Tellpiche und kostbare Füllfederhalter – er sammelt auch auch Kontakte, Menschen. Und so musste mir unbedingt Bogdan Nowak vorstellen. Bogdan, auch so ein Tausendsassa, betreibt in Boleslawiec [Bunzlau] das Hotel Villa Ambasada. Es hat nur zwölf im Stil französischer Boudoirs eingerichtete Zimmer. Das kleine Hotel ist in einem der großen, für Bunzlau typischen Bürgerhäuser des 19. Jahrhunderts untergebracht.

Vor dem prächtigen Gebäude stehen zwei aus Metall geformte Statuen. Die eine stellt Martin Opitz dar. Martin wer? Schnell gegoogelt: Martin Opitz von Boberfeld (* 23. Dezember 1597 in Bunzlau; † 20. August 1639 in Danzig) war der Begründer der Schlesischen Dichterschule und ein bedeutender deutscher Dichter des Barock. Bogdan Nowak, der den Dichter sehr verehrt, hat diese Statue ebenso geschaffen wie die mächtige Frauenstatue neben der Villa, „in Anlehnung an die ‚Freiheit auf den Barrikaden‘ von Delacroix“, wie er sagt. Das berühmte, 1830 von Eugène Delacroix geschaffene Gemälde hängt im Louvre; es trägt eigentlich den bei uns weniger bekannten Titel La Liberté guidant le peuple, Die Freiheit führt das Volk. Dass Bogdan dieses Motiv für die Monumentalplastik gewählt hat, liegt auf der Hand: Die Villa Ambasada liegt in der ul. Komuny Paryskiej, der Straße der Pariser Kommune, die einst zu den schönsten Straßen der Stadt zählte.

Kunst im Keller

So ist es nur folgerichtig, dass das im Souterrain liegende Restaurant Piwnica Paryska heißt, „Pariser Keller”. Das Restaurant ist ein Gewirr aus ineinander verschachtelten, urigen Räumen, die mit vielen, vielen Fotos und Pariser Straßenschildern dekoriert sind. Spezialität der Küche ist Pariser Stroganow, Lendenbraten mit Steinpilzen, Leśny Talerz [Waldplatte] und Pfannkuchen mit weißem Schokoladenguss.

Piwnica Paryska ist auch für den leckeren Kaffee bekannt, „die Stammkunden kommen bis zu dreimal täglich, um den Kaffee zu genießen“. Viele in Polen und über Polen hinaus bekannte Künstler und auch, das ist Bogdan ganz wichtig, Nachwuchskünstler treten im Pariser Keller auf. Jeden Donnerstag treffen sich im Pariser Keller die Bunzlauer Frankophonen. Dann treten Bogdans französische Freunde Lidia und Joel Beucher mit Chansons von Jacques Brel, Edith Piaf und Joe Dassin auf. Das Paar ist polyglott: Lidia und Joel singen nicht nur auf Französisch und Polnisch, sondern auch auf Englisch, Spanisch, Italienisch, Rumänisch.

Auffallend viele Plakate und Fotos im Pariser Keller sind dem Pantomimen Marcel Marceau gewidmet, der als Bip – Ringelhemd, weiß geschminktes Gesicht, zerbeulter Seidenhut und rote Blume – berühmt und unsterblich wurde. Von 1972 bis 1997 war Bogdan Nowak sein Assistent. Pantomime ist für Bogdan „das Besiegen von Barrieren, die Kunst des Selbstentdeckens und die Kunst des Wiederfindens der Harmonie mit der umgebenden Welt“.

Via Sudetica führt zum Jakobsweg

Bogdan ist auch Initiator eines wohl weltweit einzigartigen Festes: Am dritten Samstag im August bestreichen einige Hundert Einwohner der Stadt und Touristen aus aller Welt ihre Körper mit flüssiger Keramikmasse und ziehen als weiße Gestalten durch die Strassen der Stadt. Die Teilnehmer erinnern auf diese Weise daran, dass Bunzlau seit dem 16. Jahrhundert für Lehmgewinnung und Keramikproduktion weltbekannt ist.

Bogdan macht noch mehr. Er ist Gründer der Organisation Via Sudetica, benannt nach einem Seitenstrang des Jakobswegs, der durch diese Gegend führt. Zur Via Sudetica haben sich 30 Leute der Stadt zusammen geschlossen, Töpfer, Restaurant- und Hotelbesitzer, freie Künstler. Sie alle wollen die wechselhafte Geschichte der Region wieder lebendig werden lassen. Den „die meisten Leute wollen nichts von Geschichte wissen“, wie Bogdan Nowak bedauert, der Tausendsassa.

Horst Schwartz

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