Namibia: Wandern im Brandbergmassiv

Martina ist 7000 Namibianische Dollar wert, umgerechnet sind das ungefähr 850 Euro. Das jedenfalls sagt Ernst und der muss es wissen. Er hat vor kurzem geheiratet, eine Kuh und ein Kalb für seine Frau bezahlt und kennt sich mit den aktuellen Preisen für Bräute aus.

Martina ist eine Durchschnittsfrau, jedenfalls, wenn man ihren Preis zu Grunde legt. Bis zu 12.000 könne eine Frau schon kosten, verrät mir Ernst als Martina einmal außer Hörweite ist. Zu Hause in Deutschland kann sich Martina vermutlich kaum über mangelnde männliche Aufmerksamkeit beklagen, aber sie ist schon jenseits der 30 und da sinkt der Preis für eine Frau rapide.

Ernst ist unser Guide und mit ihm sind wir hinauf zum Königstein unterwegs, den mit 2574 Metern höchsten Gipfel Namibias. Ernst gehört zu den Damara, wie er, haben viele Angehörige seines schwarzafrikanischen Volkes deutsche Namen. Namibia war von 1884-1919 deutsche Kolonie und die alten Traditionen verfolgen einen im ehemaligen „Deutsch-Südwest“ auf Schritt und Tritt. Etwa 20.000 Menschen gehören zur deutschen Minderheit, es gibt eine deutschsprachige Tageszeitung und viele Städte tragen deutsche klingende Namen. Mit Deutsch kann man sich mindestens genauso gut verständigen, wie mit der offiziellen Landessprache Englisch, die lediglich 7% der Namibianer als Muttersprache sprechen.

Von 30 auf Null

Das Brandbergmassiv, zu dem auch der Königstein gehört, erhebt sich ich 2000 Meter über die Namibwüste und liegt 300 Kilometer nordwestlich von Windhuk, in einer der einsamsten Gegend Namibias. Von Uis, dem letzten Ort vor dem Bergmassiv, sind wir fast zwei Stunden mit dem Jeep unterwegs, bevor wir den Ausgangspunkt unserer Wanderung erreichen. Ernst, erwartet unsere Gruppe schon am Fuße des Berges, um mit uns den Weg hinauf zum Gipfel anzutreten. Wir werden eineinhalb Tage bergan steigen und dabei ganz schön ins Schwitzen kommen. Und das, obwohl wir im namibianischen Winter unterwegs sind, einer Zeit, in der das Thermometer nachts schon mal auf den Gefrierpunkt fallen kann.

Tagsüber herrschen aber trotzdem Temperaturen von 30 Grad und mehr. Nur in der „kühlen“ Jahreszeit kann man hier überhaupt wandern und deswegen ist auch die offizielle Wandersaison auf die Zeit zwischen Anfang April und Ende September beschränkt. Den Klippschliefer und den Klippspringer stört die Hitze nicht. Der eine ist ein kleiner sonderbarerer, hasengroßer Wicht, der optisch an ein Murmeltier erinnert, dessen nächster Verwandter aber der Elefant ist. Der andere ist eine kleine Antilope und hält den Hochsprungweltrekord im Tierreich – sechs Meter kann der Klippspringer aus dem Stand nach oben springen. Besonders die in Gruppen von bis zu 50 Tieren lebenden Klippschliefer sehen wir immer wieder.

Aber man braucht schon gute Augen um die braunen Tierchen auf dem ebenso braunen Felsen zu erkennen. Und die hat offenbar Martina. Immer wieder weißt sie mit dem Finger auf einen Punkt am Horizont, wo man bei genauerem Hinsehen einige der possierlichen Tierchen ausmachen kann. Gute Augen haben aber auf dem namibianischen Hochzeitsmarkt offenbar nur eine geringe Bedeutung, denn auch dadurch erhöht sich Martinas Marktwert nicht. Mehr als 7000 Namibianische Dollar würde Ernst nicht für sie zahlen.

Stinkende Bäume und funkelnde Sterne

Sowohl Klippschliefer- als auch –springer gehören zu den Leibspeisen der Bergleoparden. Die gibt es im Brandbergmassiv ebenfalls, wir aber bekommen sie nicht zu Gesicht. „Seit ich hier lebe, habe ich erst vier gesehen“, sagt Thomas Soutschka und fügt lachend hinzu “und zwei davon waren im Zoo.“

Thomas Soutschka, hat unsere Reise durch Namibia organisiert und hat nicht nur einen deutschen Vornamen, sondern kommt auch daher. Vor 26 Jahren machte er sich mir einen alten VW-Bus auf zu einer Fahrt quer durch Afrika. Die Reise war auch eine Fahrt zurück in die Familiengeschichte – Ziel war Namibia, wo sein Großvater einst bei der deutschen Schutztruppe diente. Am Ende der Reise war der inzwischen schrottreife Wagen unverkäuflich und so zögerte sich der geplante Rückflug, der über den Autoverkauf hätte finanziert werden sollen, immer mehr hinaus. Namibia gefiel Soutschka, er fand eine Arbeitsstelle und bald eine Frau. Die Liebe zu der Frau ist inzwischen lange erloschen, die zum Land aber blieb. Ursprünglich hatte Soutschka Sonnenkollektoren auf die Dächer der Häuser verlegt. Irgendwann wurde ihm das zu langweilig und er begann Trekkingreisen zu organisieren.

Durch die Hungarob Schlucht steigen wir langsam bergan, große Felsen versperren uns immer wieder den Weg und ohne Guide wären wir im Slalomkurs nach oben sicher schon längst vom Weg abgekommen. Außerdem würden wir nichts über die Pflanzen die am Wegesrand stehen erfahren, den Butterbaum beispielsweise, der mit seinem fetten Stamm genauso aussieht wie der Name vermuten lässt. „Wenn man ihn aufschneidet stinkt er wie ranzige Butter, deswegen auch der Name“, erklärt Thomas und warnt gleichzeitig, dass der Baum sehr giftig sei. Auch der zu den Balsambaumgewächsen gehörende Parfümbaum hat sich entsprechend seines Namens gekleidet. Mit seiner glatten und goldenen Rinde, erkennt man ihn als Schönheit am Berg schon vom weiten.

Botaniker aus aller Welt kommen aber wegen einer viel hässlicheren Pflanze hierher – der Welwitschia. Die seltene nach dem gleichnamigen österreichischen Botaniker benannte „Welwitschia Mirabilis“ kommt weltweit einzig in der Namibwüste vor. Sie besitzt keinen Stamm, sondern besteht  lediglich aus zwei Blätter, die im Laufe der Jahre vom Wind zerfranst werden und sich dann meterlang über den Wüstenboden hinziehen. Welwitschias sind Pflanzen aus der Urzeit und können mehr als tausend Jahre alt werden.

Nach einem Tagesmarsch schlagen wir an einer der wenigen Wasserstellen am Berg unsere Nachtlager auf. Der Schweiß des Tages friert uns fast am Körper fest. Nahezu zeitgleich mit dem Sonnenuntergang, der sich hier in minutenschnelle vollzieht, fällt das Thermometer um 30 Grad. Gerade noch haben wir im eigenen Saft geschmort, sitzen wir jetzt eng an eng ums wärmende Lagerfeuer und genießen den unglaublichen Sternehimmel über der Wüste. „Für Hobbyastronomen ist Namibia DAS Reiseziel“, erzählt Thomas und fügt hinzu, dass man von keiner anderen Stelle der Welt einen solch ungestörten Blick ins All werfen könne. Keiner von uns hat nach diesem Abend Zweifel an Thomas Aussage.

Kunst am Fels

Am Brandbergmassiv wurden bis heute 45.000 Felsmalereien entdeckt. Einige davon sehen wir am nächsten Tag in der Schlangehöhle, die etwa zwei Stunden unterhalb des Gipfels liegt. Sie ist nur wenig erforscht und deswegen kann das Alter der Malereien nur geschätzt werden. „Die jüngsten sind etwa 400, die ältesten bis zu 2000 Jahren alt“, so Thomas.

Aber egal, ihr genaues Alter muss man gar nicht wissen, um von den detaillierten Giraffen-,  Zebra – und  Kududarstellungen, beeindruckt zu sein. Auch Jäger mit Pfeil und Bogen sind zu sehen und außerdem einige abstrakte Darstellungen, die Thomas als Visionen von Schamanen und Heilkundigen interpretiert. Die schwer zugängliche Lage der Höhle schützt sie vor Zerstörung. Malereien die weiter unten am Berg liegen, wie etwa die berühmte „White Lady“ sind von neugierigen Besucherhänden bedroht und müssen durch Absperrgitter geschützt werden.

Ob es die Motivation durch die Kunst am Felsen war oder einfach dran lag, dass wir uns inzwischen an das stetige bergan gewöhnt hatten, die letzte Aufstieg zum Gipfel, den uns Ernst und Thomas als besonders steil angekündigt hatten, ist relativ schnell geschafft. Außer Atem sind wir aber doch, als wir oben ankommen und so dauert es ein paar Minuten, bis wir die Aussicht über die Namibwüste so richtig genießen können. Dann aber verewigen wir uns im Gipfelbuch mit ähnlich begeisterten Sprüchen, wie all anderen die vor uns hier waren. Nur ein gewisser Seth, der einige Wochen vor uns auf dem Gipfel stand, schrieb, dass er lieber fischen wäre. Das verstehe ich genauso wenig, wie die Tatsache, dass Martina nur 7000 Dollar wert sein soll.

Rasso Knoller

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *