Thailand: Yoga für Faule

Die traditionelle Thai-Massage ist zwar keine Streichel-Wellness. Aber sie entspannt ganz ungemein.

Als Natsuda gegen Ende der Massage auf meinen Rücken klettert, bin ich fast ein bisschen erleichtert. Was ist schon das Mini-Gewicht der zierlichen Thailänderin gegen ihre kräftigen Hände und Ellbogen? Die haben in der zurückliegenden halben Stunde meinen Nacken geknetet, an meinen Zehenknöcheln gezogen oder sich in meinen Rücken gebohrt. Meine Arme in die Höhe gestreckt und meine Waden auf die Hinterseite des Oberschenkels gedrückt. „Es kann ein bisschen wehtun“, hatte mich die Spa-Chefin im Indigo Pearl Spa am Nai Yang Beach gewarnt. Als ich nach eineinhalb Stunden aufstehe, fühle ich mich ein bisschen wie durch die Mangel gedreht. Und gleichzeitig so wunderbar gedehnt und elastisch wie lange nicht mehr. Natsuda hat einfach die richtigen Punkte getroffen.Die traditionelle Thai Massage, in Thailand „Nuad“ genannt, ist kein Streichel-Wellness.

Manche bezeichnen sie als „Yoga für Faule“. Der Masseur zieht und dehnt den Körper in Positionen, die manchmal an Yoga erinnern. Dabei bleibt der Körper des Klienten zunächst passiv. Der Masseur biegt ihn in Positionen, in die der Massierte von alleine nicht hinein kommt. „Pfeil und Bogen“ heißen die Stellungen, „Spanische Inquisition“ oder „Nussknacker“ – und die ziehen manchmal ganz schön.

Entschlacken und entgiften

Ursprünglich stammt die Technik der Thai Massage aus Indien. Ihr Begründer war Shivago Kumar Baj, Freund Buddhas und Vater der ayurvedischen Medizin. Vor etwa 500 Jahren gelang sie nach Thailand, wo sie vor allem von Mönchen praktiziert wurde. Später verließ die Thai Massage die Klostermauern und wurde als Volksmedizin von Generation zu Generation weiter gegeben. Anderthalb Stunden dauert die Behandlung im Durchschnitt. Halb Pressur, halb Dehnung, stärkt die Technik die Muskulatur von den Schulterblättern bis zum Unterschenkel. Die Behandlung erfolgt nicht wie bei vielen anderen Massagetechniken auf einer klassischen Massageliege, sondern auf einer Matte auf dem Boden. Dadurch kann der Masseur bei seiner Arbeit sein ganzes Körpergewicht einsetzen. Manchmal sieht das dann aus, als fände eine Art Kung Fu auf dem Rücken der Massierten statt.

Anders als die westlichen Massagetechniken betrachtet die traditionelle Thai Massage den Menschen ganzheitlich. Sie geht davon aus, dass im Körper „Meridiane“, beziehungsweise „Nadis“, verlaufen. Mehr als 72 000 dieser Energielinien strömen demnach durch unseren Körper, etwa zehn von ihnen sind für die Massagearbeit wichtig. Nicht die Behandlung der Muskeln steht im Vordergrund, sondern die Stimulierung der Energiebahnen, auf denen wichtige Akupressurpunkte liegen sollen. „Wenn diese Punkte getroffen werden, regt das alle Körperaktivitäten an“, sagt Natsuda. Damit ist die traditionelle Thai Massage auch eng bei Akupunktur, Shiatsu und Reflexzonenbehandlung angesiedelt. Auch viele abgewandelte  Elemente aus der Physiotherapie sind in die Thai Massage eingeflossen. Physiologisch sind die Meridiane oder Nadis allerdings nicht nachweisbar. „Als Nutznießer verspürt man allerdings ein großes Wohlbehagen“, sagt Lutz Hertel vom Wellnessverband Deutschland. Er empfiehlt ganz nach dem

Motto: Was gut tut, ist auch gut.

Ihre ersten Erfahrungen mit der Thai Massage machen die meisten Deutschen im Urlaub am Strand. Doch kommen auch viele wegen Rückenschmerzen und all der anderen Alltagssymptome immer wieder zur Thai Massage: Migräne, Verspannungen in Nacken und Schultern, Knieprobleme. Doch die Thai Massage kann mehr: Die Drehungen und Dehnungen lockern nicht nur die Muskeln, sie stimulieren auch die Organe. Natsuda spricht von Entschlackung und von einem Entgiftungsprozess, den die Massage auslöst. Neben dem körperlichen Nutzen betont sie den spirituellen Effekt der Thai Massage. „Sie ist wie eine Meditation, als würden Masseur und Massierte miteinander tanzen“, sagt sie.

Martina Hahn

 

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