Schweiz: Auf den Spuren der Kaffee-Schmuggler

Der Walserweg zählt zu den noch kaum bekannten Alpenrouten – trotz seiner traumhaft schönen Trekking-Etappen

Über dem Kaffeeloch hängt der Nebel. Wir gehen jetzt langsam, der Pfad ist schmal, und durch den dichten Dunst scheint der Boden viel zu fern. Doch der Nebel raubt uns nicht nur den Blick. Er schluckt auch jedes Geräusch, das Pfeifen der Murmeltiere ebenso wie das Blöken der Gämse und Steinböcke. Unwirklich wirkt die Szene, faszinierend auch – und fast gruselt es den Wanderer ein bisschen. Weiß er doch, dass hier, auf dem Pass, noch vor dreißig Jahren Tabak und harte Drogen geschmuggelt wurden. Auch Babyschnuller, Perlonstrümpfe und Butter. Oder Kaffee. Der wurde dann in den Felshöhlen versteckt. Im Kaffeeloch, so nennen es die Einheimischen, gelagert, bis die Kumpanen, die im Tal jenseits des Grenzpostens lebten, die Bohnen abholten – und zwar immer dann, wenn der Nebel aufzog in den Bergen rund um die Salzfluh. Denn dann war Schmuggelzeit im Grenzland zwischen Deutschland und der Schweiz.

Käse als Proviant

Seit vier Tagen wandern wir auf dem Walserweg. Er fordert nicht nur unsere ganze Muskel- sondern auch Vorstellungskraft – zählt der Walserweg doch zu den geschichtsträchtigsten Routen der Alpen überhaupt. Immer wieder stoßen wir entlang des Weges auf  Relikte der Kultur der Walser – eine alemannische Volksgruppe, die vor etwa 700 Jahren in das heutige Vorarlberg und in die Schweiz kam und sich dort ansiedelte, weil es in ihrer Heimat, dem Wallis, zu eng geworden war. Sie waren die ersten, die Felder auf über 1.300 Metern anlegten und das ganze Jahr über in dieser Höhe lebten. Dafür brauchten die Walser spezielle Werkzeuge, Sensen etwa, mit deren Hilfe sie erstmals so viel Heu erzeugen konnten, dass das Vieh auch über den harten Winter kam. Vieles von dem, was die Walser ausmachte – ihre weit zerstreuten Steinhüttensiedlungen oder ihre Heuvorratslager – sind bis heute präsent. Auch der leckere Bergkäse, mit dem wir uns während der Wanderung immer wieder stärken, ist ein Überbleibsel der Walser. Sie gelten bis heute als die besten Viehwirte der Region.

„Hinter dem Mond links“

Was den Weitwanderweg überdies zu einer besonderen Wanderreise macht, ist seine Vielfältigkeit. Im Grunde gibt es mehrere Routen; die Walser hatten mehr als einen Kommunikationsweg angelegt. Und so können Wanderer je nach Kondition, Erfahrung, Lust und Zeit entweder den Rätikon durchqueren oder in den Montafoner Bergen wandern – beide Routen treffen sich wieder im Silvrettagebiet. Ideal ist der Walserweg für all jene Wanderer, die neugierig sind auf eine Tour von Hütte zu Hütte – aber noch nicht so recht wissen, ob ihnen das einfache Hüttenleben auch am dritten Tag noch schmeckt. Denn vielseitig sind auch die Unterkünfte: Mal übernachten wir in alpinen Hütten, mal in Gasthäusern oder Hotels, die im Tal liegen – wodurch sich die Tour auch jederzeit unterbrechen lässt. Ähnliches variabel ist auch das Streckenprofil: Alpine Etappen wechseln sich mit hochalpinen ab. Stellenweise kreuzt der Walserweg andere Fernwege, etwa den E 5. Und immer wieder passieren wir traumhaft schöne Almen, Übergänge, romantische Bächlein oder einsam gelegene Bergseen – häufig mit Blick auf  Bergriesen wie den Großen Widderstein, die Sulzfluh oder in der Ferne die Schesaplana mit ihren fast 3.000 Metern.

Unsere Gruppe hat die mittelschwere Wanderroute gewählt. Während der sieben Tage, die wir mit der Bergschule Oberallgäu unterwegs sind, stehen neben den Tagesaufstiegen um die 800 Höhenmeter auch lange Abstiege an, die die Zehen schmerzen lassen. Kletterhänge sind keine zu überwinden. Doch manche Passagen sind durch ein Drahtseil gesichert. Mal schlafen wir in einfachen Hütten wie der Freiburger Hütte oder der vor über 130 Jahren gebauten, traumhaft gelegenen Tilisuna Hütte, einer der ältesten Berghütten überhaupt, die in den Alpen noch bewirtschaftet werden. Dann wieder unter einer kuschelig weichen Decke, wie etwa am letzten Abend in St. Antonien, einem winzigen Dorf in der Schweiz. „Hinter dem Mond links“, nennt sich das Kaff selbstironisch auf einem Ortsschild. Doch anders als früher zu Schmugglerzeiten kann man heute in St. Antonien den Nebel nicht mehr brauchen: Im Ort soll die größte Solarkraftwerk der Schweiz entstehen.

Martina Hahn

 

 

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