Australien: Das Paradies der Aborigines

Fraser Island ist die größte Sandinsel der Welt, für die australischen Aborigines ist sie aber noch mehr. Für sie ist sie das Paradies.

Fraser Island fasziniert ihre Besucher mit langen Sandstränden,  tiefblauen Süßwasserseen, dichtem Tropenwald und seltenen Tieren. Fraser Island ist ein Wunder der Natur. Das wussten schon die Aborigines – sie nannten die Insel: K´gari – Paradies.

Auf Fraser Island, der riesigen Sandinsel vor der Küste Queenlands, sollte man nur mit reinem Gewissen wandern. Das jedenfalls sagten die australischen Ureinwohner, die Aborigines, die die Insel einst besiedelten. Heute lebt keiner mehr von ihnen auf Fraser Island, sondern dauerhaft nur etwa 100 Menschen. Die meisten von ihnen arbeiten in einem der beiden Hotels oder sind Rentner.

Die Weisheiten der Aborigines gelten aber immer noch: Sie glaubten, dass der vom Weg abkommt, der etwas Böses getan hat. Dann nämlich sei man gedanklich so auf die Tat fixiert, dass man sich nicht mehr auf seine Schritte konzentrieren könne. Strenge Sitten bei den Ureinwohnern – wir sind auf jeden Fall gewarnt.

Sandige Autobahn

Vom Weg abkommen wollen wir auf keinem Fall und vor allem wollen wir nicht stecken belieben. Wir wagen uns nämlich mit einem Jeep auf die Pisten der weltgrößten Sandinsel. Unser Trip über die Insel beginnt an der Mietstation beim Kingfisher Bay Resort. Wer früh aufbricht, sich auf die Hauptrouten beschränkt und sich an den großen Sehenswürdigkeiten nur einen kurzen Fotostopp gönnt, kann die Jeeptour an einem Tag bewältigen. Wir aber lassen uns Zeit und planen für den Trip entspannte drei Tage ein.

Von Kingfisher Bay aus fahren wir zunächst quer über die Insel. Für die Anfänger unter den Offroadhelden stellt schon der erste kleine Anstieg nach dem Ressort eine Hürde dar. Mit kleinem Gang und großem Mut hat es aber noch jeder den Hügel hinauf geschafft. Langsam geht es weiter – 20 Stundenkilometer sind auf den sandigen Tracks der Insel eine realistische Höchstgeschwindigkeit.

Der Lake McKenzie mit seinem tiefblauen Wasser und dem weißen Sandstrand ist unser erstes Ziel. Anders als die Tagesausflügler haben wir hier Zeit ein paar Runden zu schwimmen und den Wasserschildkröten hinterher zu tauchen.

Schneller als im Landesinneren geht es dann auf der „Autobahn“ der Insel voran, dem „75-Mile-Beach“ an der Ostküste. Der endlos scheinende, sehr breite Sandstreifen zieht sich fast über die gesamte Länge der Insel. Weil viele Touristen auf dem ebenen Strand so richtig das Gaspedal durchdrücken, gibt es dort inzwischen das, was auf  richtigen Autobahnen üblich ist: Geschwindigkeitskontrollen.

Roger Williams heißt der Mann, der auf  Fraser Island Jagd auf Raser macht. Lässig lehnt der gemütliche Mitfünfziger, mit einer Radarpistole bewaffnet, an seinem Streifenwagen und genießt während der Arbeit Sonne und Meer. Dass man ihn so schon von weitem sieht, stört ihn nicht. „Mir geht es nicht darum, möglichst viele Verkehrssünder zu ertappen. Ich will einfach, dass die Leute langsam fahren“, sagt Williams. Binnen der vergangenen drei Monate hat er gerade einmal 15 Strafzettel ausgestellt. Oft muss er die Leute auch ermahnen, den Sicherheitsgurt anzulegen. „Das ist gerade auf dem Strand wichtig“, sagt Williams. Auch wenn der bretteben wirkt, kann ein Teil vom Meerwasser unterspült sein – und das kann gefährlich werden.  Immer wieder kommt es zu Unfällen.

Dennoch hat Williams eigentlich nicht viel zu tun. „Viele Kollegen beneiden mich um meine Dienststelle am Strand“, sagt er.  Und von seinem Büro aus muss er auch nur wenige Schritte laufen, um seinem Lieblingshobby nachgehen zu können: dem Fischen.

Haie und Rochen

Wenngleich das Meer lockt: baden sollte man hier nicht Denn starke Strömungen und die zahlreichen Haie schränken das Badevergnügen doch arg ein.

Wer der Sache mit den Haien nicht glaubt, der sollte vom Indian Head, einem 40 Meter hohen Aussichtsfelsen direkt am Meer, nicht nur über die weiten Sandstrände der Insel blicken, sondern auch hinunter ins Wasser. An windstillen Tagen, wenn das Meer glatt wie ein Spiegel vor einem liegt, kann man sie dann schwimmen sehen: die Schildkröten, Rochen – und eben auch Haie.

Ein beliebter Fotostopp an der Ostküste ist das Wrack der S.S. Maheno. Die Luxusjacht war in den 1930er Jahren außer Dienst gestellt und zum Schrottwert nach Japan verkauft worden. Als das Schiff dorthin geschleppt werden sollte,  geriet es vor Fraser in einen Sturm. Um eine Katastrophe zu verhindern, mussten die Schleppseile gekappt werden – das führerlose Schiff trieb auf den Strand. Seitdem rostet das Wrack vor sich hin, und wird allmählich vom Salzwasser zerfressen.

Weit weniger gefährlich als die Haie sind die auf der Insel lebenden Dingos – vorausgesetzt, man bringt ihnen den nötigen Respekt entgegen. Viele Touristen hatten in der Vergangenheit die Wildhunde gefüttert – und sie so an den Menschen gewöhnt. Die Tiere verloren ihre Scheu und es kam immer wieder zu Zwischenfällen. 2001 wurde sogar ein Kind von Dingos tot gebissen. Uns begegnen Dingos auf  unser Fahrt über die Insel immer wieder. Und vom Auto aus geben sie ein hervorragendes Fotomotiv ab.  

Haie hin, Strömung her – die Aborigines hatten einst schon recht, als sie Fraser Island den Namen gaben. K´gari, nannten sie die Insel  – Paradies. Auch warum die Insel so beeindruckend ist, lässt sich aus den Sagen der Ureinwohner leicht erklären. K´gari ist nämlich die Tochter eines Gottes. Sie fand die Erde so schön, dass sie nicht mehr in den Himmel zurück wollte. Als Mensch aber durfte sie nicht bleiben. Und so wurde sie in eine Insel verwandelt – genauer gesagt, in die größte Sandinsel der Welt.

Auch die UNESCO hat erkannt, das Fraser ein besonderes Juwel ist – allerdings erst 1992. Seitdem zählt  die Insel zum Weltnaturerbe der Menschheit.

Rasso Knoller

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *