Australien: Wandjinas und Yarrada

Bevor man die heiligen Stätten der Bunuba – ein Aboriginevolk im Norden Westaustraliens –  besuchen darf, muss man sich einer Rauchzeremonie unterziehen.  Nur so können die Geister sicher sein, dass der Gast ohne böse Absichten kommt.

Dicke Rauchschwaden hüllen mich ein. Dillon hat zur Begrüßung ein Feuer entfacht, er will mich den Geistern vorstellen. Ich sei in friedlicher Absicht gekommen, erklärt er ihnen in seiner Sprache. Und, dass ich sie während meines Besuchs mit Respekt behandeln würde. Einer „Smoking Ceremony“ muss sich jeder unterziehen, der das Gebiet eines Aboriginestammes betritt, und dort die heiligen Stätten besuchen will.

So unspektakulär die Zeremonie ist – im Wesentlichen besteht sie darin, dass man langsam eine stark qualmende Feuerstelle umrundet – so wichtig ist sie.
Wer sich den Geistern ohne vorherige Zeremonie nähert, zieht sich deren Zorn zu. Es gibt unzählige Geschichten von Menschen, die krank wurden oder sogar starben, weil sie sich einer heiligen Stätte respektlos genähert hatten.


Dillon zeigt mir das Land seines Stammes, den Bunuba, zwischen Derby und Fitzroy Crossing im Norden Westaustralien. Er gehört zu den respektierten älteren Männern in Biridu, einem Dorf mitten im Nichts. Außer ihm leben dort noch 20 weitere Menschen. Über sechs Stunden braucht Dillon in seinem klapprigen alten Jeep zum nächsten Supermarkt. In der Regenzeit ist sein Dorf völlig von der Außenwelt abgeschlossen. Im Notfall bleibt dann nur noch das Buschflugzeug als Verbindung. Das sei aber kein Problem, sagt Dillon. Eine Flugpiste hat in Australien fast jede Outbackfarm. Die Startbahn von Biridu ist aber etwas besonders. Hier kann man auch während der Regenzeit landen. Wer die sintflutartigen Regenfälle des australischen Nordens schon einmal erlebt hat, versteht, warum Dillon auf die Landebahn seines Dorfes stolz ist.

Als erstes gehen wir zu den Ruinen einer alten Farm. Dort ist Dillon aufgewachsen dort hat als junger Mann gearbeitet. Meine Frage, wo die Wohnhäuser der Farmarbeiter gestanden hätten, beantworten Dillon in der ihm eigenen Ernsthaftigkeit. Er zeigt in einer weiten Handbewegung über das weite Land und sagt: „Wir Aborigines haben nicht in Häusern gewohnt. Nach der Arbeit haben wir im Busch geschlafen.“ Neben der Ruine sprudelt heute eine Quelle, die im Laufe der Jahre ein beachtliches Wasserloch gefüllt hat. Doch das war nicht immer so. „Als ich noch ein Kind war, war hier alles trocken“, sagt Dillon, und erklärt, dass ein Regenmacher aus seinem Volk mit Hilfe der lebensspendenden „Rainbow serpent“, der Regenbogenschlange, diese Quelle geschaffen habe.

Die Regenbogenschlange ist eine der wichtigsten mythologischen Figuren in Nord- und Nordwestaustralien. Sie bringt Regen in die Wüste und schafft Leben. Doch wenn jemand die Gesetze bricht, schickt sie verheerende Fluten und tötet Menschen. Sie verschlingt dann ihre Opfer, würgt deren Knochen aber wieder hervor. Die verwandeln sich zu Stein und dienen so der Nachwelt als Warnung.

Ein Dingo aus der Traumzeit

Nur ein paar hundert Meter weiter deutet Dillon auf eine versteinerte Spur im Fels. „Der Pfotenabdruck eines Dingos aus der Dreamtime“, erklärt er. Dieser sei Teil einer Songline, dem für Weiße unsichtbaren „Wegenetz“ der Aborigines. Sie ende wie alle anderen Songlines am Uluru, dem heiligen Berg im Zentrum des Landes.
Dreamtime, das sei die Schöpfungszeit, erklärt Dillon. Anders als in der christlichen Mythologie ist die Schöpfung bei den Aborigines kein abgeschlossener Zeitraum. Die Traumzeit hat keinen Anfang und kein Ende – sie reicht vom Beginn der Zeit über das heute bis in die ferne Zukunft.
Eine halbe Stunde Jeepfahrt über holprige Outbackpisten entfernt, erreichen wir einen kleinen Hügel. Dillon stellt seinen Wagen am Straßenrand ab, die letzten Meter steigen wir zu Fuß den Berg hinauf – begleitet von ein paar Millionen Fliegen. Wir gehen auf eine Höhle zu, in der mir Dillon ein zehntausend Jahre altes „Rockpainting“ zeigen will. Langsam nähert er sich dem heiligen Platz, leise Begrüßungsformeln murmelnd. Er teilt den Geistern unsere friedliche Absicht mit. Doch trotz aller Formeln kann ich in der Höhle zunächst kein Gemälde entdecken. Erst als ich mich, wie von Dillon aufgefordert, auf den Höhlenboden lege, entdecke ich die ausgebleichten Wandjina-Figuren an der niedrigen Decke. Wandjinas sind Geistwesen aus der Traumzeit, die immer ohne Mund dargestellt werden. Sie sind die Schöpfer des Lebens und haben im Glauben der Aborigines die Erde und die Menschen erschaffen. „Ohne die Wandjinas gäbe es uns nicht“, sagt Dillon und erklärt auch gleich, warum die Geistwesen keinen Mund haben. Dazu hat er gleich mehrere Geschichten parat.

Die eine besagt, die Wandjinas seine so mächtig, dass sie es keine Münder bräuchten. Sie können ihre Befehle auch wortlos übermitteln. Nach einer anderen hatten die Wandjinas einst Münder. Vor langer Zeit aber waren sie so wütend über das rücksichtslose Verhalten der Menschen, dass sie ihre Münder öffneten, aus denen dann unendliche Fluten von Wasser strömten. Die Menschen wurden getötet und das Land zerstört. Danach schufen die Wandjinas neuen Menschen und halfen ihnen das Land neu aufzubauen. Damit aber nicht noch einmal vernichtende Wasserfluten aus ihren Müderen kommen könnten, verschlossen die Wandjinas diese auf ewig. Und im Laufe der Zeit verschwanden die Münder dann ganz. Am besten gefällt mir aber die Dillons Geschichte, nach der die Wandjinas ihre Münder selbst entfernt haben, als sie feststellten, dass die Menschen nicht auf ihre Ratschläge hören.

Das Wasserloch von Yarrada

In dieser Höhle erlaubt mir Dillon zu fotografieren. In der Schlucht, die wir als nächstes besuchen ist er in dieser Frage weniger entspannt. Sie gilt als besonders heilig und verlangt von ihren Besuchern entsprechenden Respekt. Die Gemälde an der steilen Felswand sind riesig und farbenprächtig. Eine der Malereien erinnert mich an ein Krokodil, und ich will von Dillon wissen, ob ich mir meiner Vermutung richtig liege. „Du kannst es nennen, wie du es willst, für uns ist das Yarrada“, antwortet er. Nur wenige Meter entfernt liegt ein großer Billabong, ein Wasserloch, das ganzjährig Wasser führt.

An seinem Ufer spenden Eukalyptusbäume Schatten, und Seerosen erinnern an ein Monet-Gemälde. „Hier kannst du baden“, sagt Dillon. Dass man in einem Wasserloch baden kann, scheint selbstverständlich, im Norden Australiens ist es das aber nicht. In manchen der einladend aussehenden Billabongs leben Krokodile.
Obwohl die Sonne unerbittlich vom Himmel sticht, ist das glasklare Wasser im Schatten des kleinen Bergrückens überraschend kühl. Jowe-Schlucht nennt Dillon diesen geheimnisvollen Platz. Als ich später auf einer Landkarte nachsehe, suche ich den Namen vergebens. So geht es mir mit vielen Orten, die mir Dillon zeigt, eingezeichnet sind sie nur auf der Landkarte in seinem Kopf, auf den Karten der „white fellows“ hingegen kommen sie nicht vor.

Essbares in der Wüste
Auf dem Weg zurück aus der Schlucht zupft Dillon mal hier, mal da an einem Busch und hält mir mal eine kleine Frucht, mal ein paar Samen hin. Sie sind alle essbar. Das unwirtlich wirkende Land hält ausreichend Nahrung für seine Bewohner bereit – vorausgesetzt, man weiß, wo und wonach man suchen muss. Viele europäische Entdecker verhungerten oder verdursteten während ihrer Expeditionen durchs Landesinnere. Sie starben quasi vor dem prall gefüllten Vorratsschrank der Natur, zu dem aber nur die Aborigines den Schlüssel besitzen.


Eine Delikatesse der Bunubaleute bereitet Dillon dann eigenhändig für mich zu: Känguruschwanz. Kängurufleisch ist sehr schmackhaft und deswegen freue ich mich über seine Einladung. Känguruschwanz ist aber eine ganz andere Sache. Schon die Zubereitung ist abenteuerlich: Zunächst entzündet Dillon ein Feuer, hält dann den behaarten Schwanz in die Flamme und brennt das Fell ab. Was danach an Haaren übrigbleibt, schabt er mit einem Messer von der Haut. So vorbereitet, beginnt der eigentliche Kochvorgang: Der Schwanz wird in die Glut gelegt und mit Erde bedeckt. Nach knapp zwei Stunden ist der Braten fertig. „Känguruschwanz ist meine Leibspeise“, schwärmt Dillon. „Früher durften nur die Stammesältesten Känguruschwanz essen.“ Geduldig sitze ich unter einem Baum und warte darauf, den Leckerbissen endlich ausgraben zu dürfen. Dann endlich geht es ans Essen. Dillon ist begeistert. Genüsslich zieht er die Haut vom Fleisch, etwa so als schäle er eine Banane. Bald steht er mit fettigen Fingern da. Genau das Fett sei es, was den Känguruschwanz besonders schmackhaft mache, sagt Dillon. Mir aber verdirbt es den Appetit. Als Dillon das bemerkt, lacht er nur und sagt, er sei froh, wenn ich den Känguruschwanz nicht esse. So bliebe mehr für ihn übrig.

Abends im Camp grillen wir ganz normales Steak und dort lerne ich auch einige junge Männer aus Dillons Dorf kennen. Aboriginefrauen treffe ich keine. Sie kümmern sich um ihr „women’s business“ . In vielen Bereichen ist die Welt der Aborigines streng nach Geschlechtern getrennt. So sind viele heilige Plätze entweder Männern oder Frauen vorbehalten. Selbst Lieder werden nach Geschlechtern getrennt gesungen. Dillon erzählt die Geschichte einiger junger Männer aus Fitzroy Crossing, die im Suff traditionelle Männerlieder vor Frauen gesungen haben. Nur einige Wochen später starben sie alle auf mysteriöse Weise. „Sadly but truly they died“, sagt Dillon mit ernster Miene.

Das Didgeridoo, das typische Instrument der Aborigines, dürfen nur Männer spielen. Es ist ein Phallussymbol, und als deswegen führt es bei Frauen, die darauf spielen zu Unfruchtbarkeit oder Fehlgeburten. Dillon erzählt von einer weißen Frau, die von den Gefahren des Didgeridoospiels nichts wusste, das Instrument erlernte und es bald sogar ausgezeichnet beherrschte. Viele Jahre hatte sie vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen. Schwanger wurde sie erst, als sie vom Fluch des Didgeridoos erfuhr und von diesem Augenblick an das Instrument nie mehr berührte.

Rasso Knoller

 

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