Australien: Abgetaucht

Auf dem Schiff „Reef Encouter“ kann man den Tauchschein machen, man muss es aber nicht – im Great Barrier Reef vor der Küste Queenlands entdeckt selbst ein Schnorchler mehr als anderswo ein Tiefseetaucher.

Der Neopren-Anzug sitzt so eng wie die Jeans, in die ich mich vor dreißig Jahren als Teenager gezwängt habe. Ich arbeite mich schwitzend in die Anzugbeine, ziehe das Gummiteil über die Hüfte, presse meine Fäuste in die Ärmel – und fühle mich in diesem Wetsuit letztendlich dennoch sicherer als im Bikini. Nicht wegen der Seewespe, dieser giftigen Würfelqualle, die sich zwischen Oktober und Mai nicht auf hoher See, aber vor den Stränden der Nordostküste Australiens breit macht. Sondern wegen der Temperaturen: Obgleich die Sonne heiß aufs Deck unseres Schiffes, der Reef Encounter, scheint, beginnen Schnorchler und Taucher spätestens nach einer Stunde im Wasser zu frösteln. Und wer möchte dieses Unterwasserparadies schon so schnell wieder verlassen, nur um sich aufzuwärmen? Gibt es doch kaum einen anderen Ort auf der Welt, an dem selbst ein Schnorchler mehr entdecken und bestaunen kann als anderswo ein Tiefseetaucher.

Seit 24 Stunden sind wir auf der Reef Encounter. Haben dort unsere geräumige Kabine bezogen, sämtliche Schuhe verstaut – auf dem Boot gilt Barfußpflicht -, die Düsen der Aircondition mit Papiertaschentücher zugestopft – der Australier mag es gerne eisig frisch –, und das erste leckere Mittagsessen in der rund 50 Mann fassenden Speiseraum zu uns genommen. Und wir sind vor allem eins: gedanklich ganz weit weg von allem. Dank dem sanften Schaukeln des Bootes. Der Meeresbrise, die über unsere Haut streichelt. Und weil wir  in eine andere, so ganz stille Welt abtauchen: In die Welt des Great Barrier Reefs, dieser grandiosen Aneinanderreihung von rund 3.000 korallenbestückten Kleinriffen und unzähligen Sandbänken vor der Küste von Queensland, dem Sunshine State Australiens.

Das größte Korallenriff der Erde

2.200 Kilometer zieht sich das Great Barrier Reef, das größte Korallenriff der Erde, parallel zur Küste des fünften Kontinents entlang. Es ist mehrere Millionen Jahre alt und seit 1981 auch UNESCO-Weltkulturerbe. Manche nennen es ein Weltwunder – was angesichts der Tier- und Pflanzenwelt des Riffs keine Übertreibung ist: Hunderte Korallenarten, die in allen Farben leuchten und sich in unzähligen Formen und Verästelungen präsentieren, finden Taucher und Schnorchler dort. Dazu unzählige bunte Fische wie Limefishes – und harmlose Riff-Haie. Aber auch Schwämme, Seesterne, Moränen und riesige Mantarochen machen diesen Ort zu einem einmaligen. Mitunter ziehen riesige Meeresschildkröten an den Menschen vorbei – hier im Great Barrier Reef leben sechs von insgesamt sieben weltweit vorkommenden Arten. Im August und Oktober kommen noch Buckelwale vorbei, und im November blühen die Korallen besonders prächtig.

Doch auch auf dem Wasser, nämlich an Bord des Schiffes, ist das Great Barrier Reef ein Paradies für Erholungssuchende. Etwa am Hastings Reef, wo wir am zweiten Tag ankern. Hier draußen, auf dem Meer, scheint die meiste Zeit des Jahres über die Sonne. Über Cairns, wo wir am Tag zuvor an Bord gegangen sind, hingen noch schwere Regenwolken. Doch schon nach den ersten Seemeilen drangen die ersten Sonnenstrahlen zu uns. Jetzt, 40 Kilometer vom Festland entfernt, schmieren sich die Gäste der Reef Encounter mehrmals täglich dick Sonnenschutzcreme auf Nase und Stirn.

Nicht jeder darf ankern  

Vier Riffe werden wir während der dreitägigen Cruise besuchen – und keines gleicht dem anderen. Wir ankern mit zwei weiteren Schiffen an einem Ponton; etliche davon wurden speziell für Touristenschiffe im Außenriff eingerichtet. Um das Riff zu schützen, ist die zahl der auslaufenden Schiffe, aber auch der Ankerplätze streng begrenzt worden. Streng reglementiert sind auch die Tauch- und Schnorchelgänge. Vier Stück von je etwa einer Stunde gibt es täglich. Eine Glocke an Bord läutet sie ein – und beendet sie auch. Die Wassergänge derart zu regeln, ist sinnvoll – zum Schutz des Great Barrier Reefs, aber auch, um einer Erschöpfung der Wasserratten vorzubeugen.

Außerdem wird, wer nicht am Oberdeck faulenzt und sonnt, sondern sich im Wasser tummelt, von der Besatzung vom Schiff aus wie von einem Lifeguard am Strand beobachtet. „Gebt uns sofort Bescheid, wenn etwa nicht in Ordnung ist – etwa wenn Ihr müde seid oder Panik bekommt“, hatte uns Alex Hunt, einer der Tauchlehrer an Bord, während des erste Briefings an Bord eingetrichtert. „Wenn Ihr Angst habt zu ertrinken, fuchtelt einfach mit den Armen – und wir holen Euch raus.“ Vor jedem Schwimmgang müssen wir uns zudem in eine Liste eintragen – und werden abgehakt, wenn wir wieder an Bord der Reef Encounter klettern – „sonst fahren wir noch ohne Dich zum nächsten Riff – und bis dahin ist es recht weit zu schwimmen“, sagt Alex und grinst dabei breit. „Doch dank der Liste geht uns niemand verloren“.

Atmen, strampeln, Druckausgleich

Derart gut betreut, trauen sich selbst einige Tauchnovizen an Bord – ich bin einer von ihnen – zu einem ersten Versuch mit der Flasche. Auf der Reef Encounter kann man bei längerem Aufenthalt auch den Tauchschein erwerben. Etwas neidisch hatte ich zuvor die Könner unter den Tauchern an Bord beobachtet, wie sie binnen weniger Sekunden im tiefen Wasser verschwinden – und in der Tiefe wohl noch wundervollere Korallen und Fische zu sehen bekommen als Schnorchler wie ich.

Doch zuerst steht eine Einweisung durch Tauchlehrer Alex an. Der junge Australier hält eine Sauerstoffflasche hoch und sagt: „Es ist ganz simpel: Atme einfach, strample mit Deinen Beinen und mach den Druckausgleich im Ohr“. Dass Tauchen doch um etliches schwerer ist, wird in den kommenden 30 Minuten des Briefings klar: Alex erklärt, wie die komprimierte Luft aus der Flasche entweicht, wie das Mundstück zu bedienen ist oder der Druckausgleich im Ohr funktioniert – dabei hält er sich die Nase mit Daumen und Zeigefinger zu und simuliert ein „plopp“.

Der junge Australier demonstriert uns, welche Handzeichen unter Wasser was bedeuten – „den Arm in die Luft gestreckt, die Hand zur Faust geballt, bedeutet Hilfe“, welche Gefahren ein zu schnelles Ab- und Auftauchen oder ein Tauchgang mit Erkältung oder Bronchitis birgt, und dass wir niemals „ohne Buddie“ unterwegs sein sollten. Später dann, draußen auf der Reling, stöhnen wir über  das Gewicht der 20 Kilo-Sauerstoffflasche auf dem Rücken und lachen über den unbeholfen tapsenden Gang der Mit-Ersttaucher – dabei hatte uns Alex ausdrücklich aufgefordert, die Schwimmflossen erst kurz vor dem Sprung ins Wasser über die Füße zu streifen.

Irgendwann hatte uns Alex ein „Ready? Dann springt jetzt“ zugerufen. Sekunden später wundere ich mich über meine Schwerelosigkeit im Wasser – und über die Leichtigkeit, mit der mich das Mundstück zwischen den Lippen mit Sauerstoff aus der Flasche auf dem Rücken versorgt.

Ich lasse mich von den leichten Wellen schaukeln – untergehen kann ich ja nicht, Alex hat die Schwimmweste mit ausreichend Wasser gefüllt. Mein Nachbar blickt etwas panisch, doch Alex beruhigt ihn, nimmt ihm die Angst: „Relax. Du kannst jetzt gar nicht untergehen!“ Er möchte, dass wir uns erst einmal im Wasser treiben lassen, wir uns an die ungewohnte Ausrüstung gewöhnen. Dann lässt Alex per Knopfdruck die Luft aus den Westen entweichen. Das Gewicht der Flasche zieht den Körper nun leicht in die Tiefe; fast amüsiert beobachte ich, wie die Wasseroberfläche an meinem Brillenglas vorbei zieht; zuerst sehe ich noch das Boot und zur Hälfte schon die Welt unter Wasser, dann nur noch das glasklare Blau. Welch grandioses Gefühl, in diese fremde Welt einzutauchen – und einfach weiterzuatmen!

Am Seil in die Tiefe

Anfänger lassen sich erst einmal an einem dicken Seil in die blau wirkende Tiefe hangeln – was in meinem Fall allerdings keine zwanzig Zentimeter Meter bedeutet. Ich blicke nach oben, über mir reflektiert das Licht der Sonne auf der Wasseroberfläche, ich verharre an dieser Stelle, denn im rechten Ohr funktioniert der Druckausgleich schon nicht mehr. Außerdem dringt mir immer wieder Salzwasser in die Maske – ich habe an Bord die Haare  nicht ausreichend zusammengebunden. Ich bin von meinem ersten Tauchgang dennoch begeistert, schwebe und blicke auf die Taucher unter mir, die langsam und bedächtig mit den Fischschwärmen ziehen und ihre Luftblasen zu mir nach oben schicken. In dieser fremden Welt auch mal zu verharren, das hat uns Alex schon beim ersten Schnorcheln geraten: „Schwimmt nicht zu schnell durchs Wasser“, hat er gesagt. „Bleibt auch mal länger an einer Stelle. Dann vertreibt ihr keine Fische – und seht auch die vielen Fische, die sich wunderbar tarnen.“

Doch wie lange wird das Taucherparadies Great Barrier Reef noch existieren? Das empfindliche Ökosystem droht von Klimaerwärmung und Tropenstürmen gestört zu werden. „Korallen können nur in einem Gewässer zwischen 18 und 30 Grad Celsius überleben“, erklärt Alex.

Sie brauchen den Algenbewuchs, der sie mit Nährstoffen versorgt und auch für die Farbe zuständig ist – doch ist das Wasser zu warm, sterben die Algen ab. Pflanzenschutzmittel und Nährstoffe aus den Düngemitteln von den Feldern, Bananen- und Zuckerrohrplantagen, die vom Regen ins Meer gespült werden, aber auch Abwässer, Treibstoff der Schiffe und Schadstoffe aus den Städten und Ferienressorts an der Küste richten weiteren Schaden an den Korallen an. Die Folge konnte man Anfang des neuen Jahrtausends sehen: Damals waren bis zu 80 Prozent des Riffs geschädigt. Inzwischen, sagen manche, habe sich das Great Barrier Reef wieder weitgehend erholt – Australien hat zum Schutz dieses Welterbes einen Umwelt-Plan entwickelt und auch die Zahl der Ausflugsboote und Ankerstationen reduziert.

An einer der Stationen machen wir für die Nacht Halt. Es ist fast dunkel, die Sonne ist vor wenigen Minuten am Horizont verschwunden. Die 20 Über-Nacht-Gäste der Reef Encounter sind nach einem langen Tag im Wasser angenehm müde und nach dem üppigen Abendessen satt. Wir beugen uns über die Reling, denn nun sind die Haie an der Reihe. Charlie, der chilenische Koch, wirft ein paar Fische über Bord – und sofort versammeln sich Backbord sechs, sieben, acht mächtige Exemplare. Sie sind ungefährlich, aber dennoch faszinierend. Ich wende meinen Blick nach vorne, zur Spitze des Boots. Dort machen sich fünf Tauchprofis für den night-dive bereit. „Das Meer ist nachts nochmals eine komplett andere Welt“, hatte mir einer von ihnen beim Abendessen begeistert erzählt. Und grinsend hinzu gefügt: „Und nachts sind die Haie noch aktiver“.

Martina Hahn

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *