Schweden: Bloß kein Brokkoli

„Hörst Du das?“ Fragt Denis. Er steht nackt im Schnee, vor der Sauna, aus dem Wald tönt dieses seltsame, helle Gebell. Hunde? Nein, sagt Denis, „das ist ein Fuchs.“ Den letzten habe er vom Küchenfenster aus erlegt. Das geht ganz einfach. Du legst ein paar Tage lang Futter aus, der Fuchs wird mutiger, er kommt näher ans Haus. Und eines Abends erschießt du ihn. Das ist ja eine laue Jagd, macht ihr das auch so mit Bären? Da lacht Denis. Bären anzufüttern sei nicht erlaubt. Außerdem: Keiner würde wollen, dass ein Bär so nah ans Haus kommt. Was für eine alberne Frage. Doch an solche Fragen haben sich Nils und Denis gewöhnt. Die beiden Schweden sind Sami, sie führen Besucher in die Welt dieses Nomadenvolkes, das früher Lappen genannt wurde. Das klang so abschätzig, wie es gemeint war.

Dokotorschiwagige Träume

Mit Nils und Denis ein paar Tage hinauszuziehen, mit Rentierschlitten durch die Weite Lapplands zu traben, wir stellten uns das doktorschiwagig vor, sahen uns durch Birkenwälder zockeln, in Felle eingehüllt, die Hände in einem Muff verstaut. So könnte es wohl sein, wenn einen nicht der sportliche Ergeiz übermannte. Denn Rentiere können rennen, wenn man sie dazu überreden kann.

„Ich fahre gerne schnell“, sagt Nils, und das gilt gleichermaßen für sein Alltags-Fahrzeug, das Schneemobil, wie für den Rentierschlitten. Ein großer Viehanhänger transportiert unsere Rentiere vom Sammelplatz in ein Wäldchen. Die Fahrt scheint die Tiere nicht begeistert zu haben, es rumpelt in der Metallkiste, und als alle Ren glücklich herausgezerrt sind, haben drei ihr Geweih verloren. Sie stoßen diese ohnehin jährlich ab, Nils stapelt die Hörner aufeinander, er wird das Blut und Reste des samtigen Überzugs abputzen und sie in seinem Laden für 180 Kronen das Stück verkaufen.

Wir stehen herum, fotografieren die Tiere und ihre Meister, uns ist ein bisschen langweilig, nichts wird hier fertig, Denis und Nils puzzeln ewig herum an Geschirr, Schlitten und Gepäck. Wir scharren mit den Hufen. Nils grinst sich eins. Später, bei einer Pause am Lagerfeuer, wird er sagen: „Es ist mit allen Gästen dasselbe: Sie brauchen zwei Tage, bis sie runterkommen.“ Andauernd würden sie fragen, wie lange dies daure, wie weit es bis dort sei. Am schlimmsten sei es mit den Skandinaviern, denen aus den Städten. Auf jeden Hügel würden sie rennen, um Empfang für ihr Mobiltelefon zu haben. Sie fassen es am wenigsten, dass hier noch Wildnis ist.

Sami, Schwede, Skandinavier

Sich selbst bezeichnet der 37jährige als Sami mit schwedischem Pass. Die Sami leben im Norden Europas, in Norwegen, Schweden, Finnland und auf der russischen Kola-Halbinsel, ihre Sprache gehört zur finno-ugrischen Familie. Von den 17000 Sami Schwedens leben allein 2000 in Stockholm, nur etwa 2500 schwedische Sami gehören einem der 43 sogenannten Samidörfer an und betreiben Rentierwirtschaft, 280 000 Rentiere ziehen durch Nordschweden.

Das Samidorf bezeichnet sowohl eine Gemeinschaft als auch jenes Territorium, auf dem die Rentiere weiden; und dieses überschreitet Ländergrenzen. Nils’ Clan umfasst 150 Mitglieder, von denen ein Drittel mit Rentieren arbeitet, den Winter verbringen sie in den Ebenen Nordschwedens, im Frühsommer aber, wenn aus den Mooren die Moskitos aufsteigen, flüchten die Tiere und mit ihnen die Sami in die Berge Norwegens.

Fährt man von Palermo an den Polarkreis, ändert sich der Menschentypus bekanntlich. Ab etwa der Hälfte der Strecke werden die Bewohner heller und größer, wir sehen blonde Hünen und ihre Frauen. Aber dann schrumpft der Mensch überraschenderweise wieder, die circumpolaren Völker von Sibirien bis Grönland sind alles andere als blond, viele Sami sind klein, gedrungen, haben hohe Wangenknochen und eine Stupsnase, manche sehen ein bisschen mongolisch aus.

Nils Nutti und der 28-jährige Denis Andersson sind wirklich nicht groß, aber sie sehen aus wie Männer, die ranklotzen können. Soweit ihre dicken bunten Filzjacken ein Urteil erlauben, sind sie kräftig gebaut. Was, wie die Sauna offenbart, nicht davon kommt, weil Denis am Lagerfeuer sagt: „Esst! Wer weiß, wann wieder was zu essen kommt.“ Sie scheuen körperliche Arbeit nicht, das wird mit hübschen Muskelpaketen belohnt. Nun sind endlich alle Schlitten angeschirrt, jeder Gast bekommt seinen eigenen und sein eigenes Ren. Diese sind allesamt kastrierte Böcke, einige jetzt ohne Geweih. Da die männlichen Tiere das Geweih nur für Brunftkämpfe einsetzen (die Renkühe verteidigen damit immerhin ihre Jungen), wirken die Tiere ohne ihren Potenzschmuck etwas nackt und dümmlich. Der arrogante Blick ist geblieben, aber der Porsche fehlt.

Renn, Rentier, renn!

Von den drei Arten, einen Rentierschlitten zu fahren, scheint Denis nur eine zu kennen: den Gladiator. Egal wie flott es bergab geht oder wie holprig über einen zugefrorenen See, immer steht der junge Mann auf seinem Schlitten, und immer fährt er vornedraus. Aufrecht kniend lassen sich Rentiere auch gut antreiben, wer aber sehnsuchtsvoll in die Landschaft schmachten möchte, lehnt sich zurück im Schlitten, das Zugseil lose durchhängend, und zockelt dahin. Das Krsch, Krsch der Kufen klingt wie ein kratzender Cellobogen, das Schlapp Schlapp der Tiere im Schnee gesellt sich dazu und kontrapunktisch schnalzt das Kastagnettenklappern der Hufe.

Wirklich zahm werden Rentiere wohl nie. Die Zugtiere hat Nils drei Winter trainiert, aber vor einem Ruck mit dem Geweih oder mit den scharfkantigen Resten sollen wir uns in Acht nehmen. Seht euch Denis an. „El Diablo“, sagt Denis nur. Dieses Rentier hat Denis fast die Nase zertrümmert, ein dunkles Mal ist ihm geblieben. Als Nils vor einigen Jahren anfing, Rentiere zu trainieren, konnte das fast niemand mehr.

Vor fünfzig Jahren zogen seine Eltern noch nomadisch durchs Land. Sie wohnten mal hier mal da, im Lavvu, dem großen Samenzelt, oder in Hütten. Erst 1963 bauten sie ein Haus in Jukkasjärvi. Als Nils seine Rentiere so weit hatte, sagte er: „Vater, komm zum Fluss herunter.“ Der 80jährige stand am Ufer des zugeforenen Flusses, freute sich und war traurig zugleich. Ein halbes Jahrhundert hatte er nicht mehr gesehen, wie Rentiere einen Schlitten ziehen.

Fleisch ist sein Gemüse

Am späten Nachmittag halten wir an einem Lavvu, wir werden im Sami-Zelt übernachten, auf Rentierfellen schlafen, Rentierfleisch essen. Gedörrtes Ren zur Vorspeise, gekochtes und gebratenes Ren als Hauptspeise. Vorsichtig schiebt Denis grüne und weiße Brocken in der Pfanne hin und her, Brokkoli und Blumenkohl, tiefgefroren aus dem Supermarkt.

Denis hantiert so vorsichtig, damit nichts davon in seine Portion gerät. Gemüse im Rentiertopf, das gibt es erst, seit Touristen mit hinausfahren. „Einige meinten“, so Nils, „sie müssten wahrscheinlich sterben, wenn sie drei Tage keine Vitamine bekommen.“

Vitamine, er sagt es spöttisch. Multebeeren und Sauerampfer, das ist das einzige was im Norden wächst, nicht einmal Kartoffeln gedeihen hier. Denis stochert im Feuer herum, jeder rede davon, dass Eskimos so viele Wörter für Schnee haben, „auch wir haben 300 verschiedene Bezeichnungen!“ Aber sie hätten zudem viele Wörter für Feuer. Warum? Das ist wieder so eine Frage, an die Denis sich gewöhnen muss. „Weil auch Feuer verschieden sind“, erklärt er ausführlich.

Noch eine Frage: Wollten sie nie weg, woanders leben? Nils gibt zu, es sei „ab und zu ganz interessant“, sich hohe Häuser anzusehen, er fährt schon mal in eine Stadt. Aber woanders leben will er nicht. „In der Stadt ist kein Platz für dich und deine Gedanken,“ sinniert er. Er sei stolz darauf, wenigstens ungefähr so weiterzuleben, wie seine Vorfahren, ein Sprache zu können, die nur wenige Menschen sprechen. Und er erzählt von Frühlingsgefühlen. Das habe nichts „mit Liebe und so“ zu tun. Du spürst es in den Knochen. Dann  wollen wir in die Berge, da fühlen wir uns zuhause, da ist unsere Freiheit.

Eilsochfischen: Idyll und Kill

Am letzten zugefrorenen See unserer Reise bohrt Denis Löcher in die gut einen Meter dicke Eisdecke, für jeden Gast eines, wir sollen Eislochfischen. Wir betten uns auf Rentierfelle, die Sonne gleißt, kleine Angeln wippen in den Löchern auf und ab. Ein träges Stündchen unter der wärmenden Frühlingssonne steht uns bevor. „Romantische Schwedinnen aus der Stadt“, erzählt Nils mit leichtem Spott, verliebten sich hin und wieder in dieses Lebensgefühl, und auch in einen von hier heroben.

Dann ziehen sie in den Norden, mit viel gutem Willen, aber einfach sei es nicht. Nicht nur das Klima ist gewöhnungsbedürftig. „Unsere Frauen gehen nicht morgens in den Supermarkt zum Einkaufen“, sagt Nils stolz, der Lebensmittelvorrat basiert auf einem Jahresplan, auf den Erträge von Jagen, Fischen und Schlachten, das füllt ihre riesigen Gefriertruhen, und Gemüse -, wie gesagt. Aber Ruckzuck ist es mit der Romantik des Nachmittags vorbei, weil nämlich ein Fisch an der Leine zerrt. Ich zerre zurück, ein Flussbarsch hüpft aus dem Loch.

Er zappelt Tango auf dem Eis. Wer isst, was kucken kann, muss es auch töten können, polemisieren Vegetarier. Nichts leichter als das, stimmen wir Fleischfresser zu. Denis reicht sein großes Sami-Messer. Den glitschigen Fisch festhalten, damit die stacheligen Rückenflossen dich nicht verletzen, und mit dem dicken Messergriff auf den Kopf hauen. Wer aber zum ersten Mal in seinem Leben etwas umbringen soll, was deutlich größer als eine Wespe ist, zögert. Denis betrachtet das Zaudern ungläubig: Just do it! Ein Schlag, der sich matschig anfühlt. Blut sickert in den Schnee. So. Nächstes Jahr soll Denis mal seine Flinte hergeben und zeigen, wie man einen Fuchs herfüttert.

Barbara Schaefer

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