Lettland: Die Schöne an der Daugava

Schwarzhäupter nannten sich früher die unverheirateten Kaufleute, die sich zu Gilden zusammenschlossen und in Rīga eine wichtige Rolle spielten. Ihr prachtvolles Haus war immer einer der Brennpunkte des kulturellen Lebens und zeugte vom Reichtum der Besitzer. Hier wurden Konzerte gegeben und hohe Gäste empfangen, außerdem beherbergte es eine der größten Sammlungen wertvoller Silbergegenstände. Doch der Zweite Weltkrieg beendete jäh diese Ära, denn am 29. Juni 1941 wurde das Schwarzhäupterhaus vollständig zerstört.

Während der Sowjetzeit hatten die Rīgaer dann andere Sorgen und so wurde das Wahrzeichen der Altstadt am Rathausplatz erst nach der Unabhängigkeit wieder aufgebaut und im Dezember 1999 feierlich eingeweiht. Heute ist seine reich verzierte Backsteinfront wieder ein Schmuckstück und in vielerlei Hinsicht ein Symbol für den Willen Rīgas, die schönste Metropole des Baltikums zu werden.

Diesem Ziel ist die lettische Hauptstadt schon ein gutes Stück näher gekommen, denn zum 800-jährigen Jubiläum im Jahre 2001 hat sich die Jugendstilstadt an der Daugava mächtig herausgeputzt und auch in den Jahren danach hat sich schon wieder viel verändert. Einen schönen Blick auf die Stadt mit ihren vielen unterschiedlichen Kirchtürmen kann man von einer der Brücken über die Daugava werfen, die das alte Rīga von den Neubauvierteln trennen.

Natürlich zieht es die meisten Besucher in die Altstadt, in die Einkaufsstraßen, in die nach dem Grau der Sowjetzeit schon längst bunte Farben und der Konsum eingezogen sind. Immer gut besucht sind auch die vielen gemütlichen Restaurants und Kneipen. Ein Bummel durch die oft mit Kopfsteinen gepflasterten Gassen der Altstadt führt zwangsläufig zum Dom, dem größten Gotteshaus des Baltikums, zum Schloss, das einst als Ordensburg gebaut wurde und zu den Resten der alten Stadtmauer mit dem Pulverturm. Auch Petrikirche, Jakobikirche, Schwedentor, verschiedene Gildehäuser und das alte Zollgebäude sind einen Abstecher wert.

Am Brivibas Bulvaris, einer der Lebensadern der Stadt, reckt die schlanke Freiheitsstatue, eines der symbolträchtigsten Wahrzeichen Rīgas, ihre Arme in den Himmel. In den Händen hält sie drei goldene Sterne als Symbol der historischen Provinzen Kurzeme, Latgale und Vidzeme. In den 1930er Jahren errichtet, war sie immer ein unübersehbares Zeichen für das Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit, so war es auch nur logisch, dass zu ihren Füßen viele Demonstrationen gegen die Sowjetunion stattfanden. Es mag nicht das schönste Wahrzeichen der Stadt sein, aber für die Rīgaer ist es das Wichtigste.

Genügend Zeit sollte man sich für die vielen, oft wunderschönen Jugendstilfassaden nehmen, denn nirgendwo sonst findet man so viele frisch restaurierte Jugendstilhäuser wie hier. Entstanden sind sie in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg, als Rīga einen regelrechten Bauboom erlebte. Es war die Zeit des Jugendstils, und deutsche und lettische Architekten schufen prachtvolle Mietshäuser, allen voran Michail Eisenstein, der Vater des bekannten Regisseurs Sergej Eisenstein. Seine unverkennbare Handschrift trägt auch die schönste Rīgaer Jugendstilstraße, die Alberta Iela, mit sechs von ihm entworfenen, prachtvollen Mietshäusern. Aber auch viele andere Straßen nördlich der Altstadt sind sehenswert, denn die Fassaden mit den opulenten Ornamenten, Löwenköpfen und Phantasiegestalten erstrahlen fast alle wieder in neuem Glanz.

Christian Nowak

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