China: Sunshine in Songzhuang

China hat sich gewandelt. Zumindest zum Teil. Der Staat geht zwar immer noch mit Härte gegen Regimekritiker vor, doch viele Künstler haben sich inzwischen Freiräume ermalt.

80 Prozent  der „richtigen Künstler“ des Landes wohnten in Songzhuang, sagt Guangming Li, der Leiter des dortigen Sunshine-Museums. „Das Zentrum der Kunst in China ist Peking und das künstlerische Zentrum von Peking wiederum Songzhuang.“  Das „Dorf der Song“, so die wörtliche Übersetzung, liegt etwa 40 Kilometer von der Hauptstadt entfernt und ist für chinesische Verhältnisse in der Tat ein Dorf. Hierzulande würde man Songzhuang eher als Industriestadt bezeichnen. Ländliche Idylle sucht man vergebens. Der See, der Künstlern zur Inspiration dient, ist nichts als ein viereckiges künstliches Wasserloch, an dessen felsigem Ufer sich ein paar magere Bäume festklammern.

Guangming Li lebt wie fast 2000 andere Künstler in Songzhuang. Anfangs der neunziger Jahre zogen immer mehr Maler, Bildhauer und Fotografen aus ganz China hierher, um billig zu wohnen und abseits der Überwachung durch die Staatsregierung arbeiten zu können. Anfangs gab es Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung. Die Bauern und einfachen Industriearbeiter hatten Zimmer an die Neuankömmlinge vermietet, aber mit deren  unangepasster Lebensweise Probleme. Inzwischen hat man sich aneinander gewöhnt und lebt friedlich nebeneinander.

Viel Platz und wenig Kontrolle

Der Kunstkritiker Xianting Li zählt zu den Gründern des Künstlerdorfs. Er war einer der ersten, der hierher kam. Der kettenrauchende Mitsechziger wird heute von allen Künstlern als ihr Sprecher, als graue Eminenz, die die Fäden in der Hand hält, anerkannt.  „Songzhuang  ist der ideale Ort für uns“, sagt Xianting Li. Hier finden Künstler, was sie für erfolgreiche Arbeit brauchen: „Viel Platz, viel Ruhe und wenig Kontrolle“.

Heute könnten die Künstler im wesentlichen ausstellen was sie wollten, betont Museumsdirektor Guangming Li. Zum größten Teil würde das „Sonnschein-Museum“ ohnehin von Sponsoren aus der Privatindustrie unterstützt, und damit sei man unabhängig. Wenn man dennoch Geld von der Regierung wolle, müsse die das Konzept der Ausstellung absegnen, so Li. Sie bestimme dann auch, welche Künstler ausgestellt werden dürfen. Doch Li, der lässig in Jeans und gestreiften T-Shirt im Stuhl lümmelt, sieht das entspannt: „Manchmal ist die Regierung gegen das, was wir ausstellen wollen“, sagt er, „dann gibt´s eben kein Geld“. Eine Ausstellung verändern, nur um staatliche Förderung zu bekommen, würde er nicht. „Doch wir versuchen schon, dass eine von unseren drei  Ausstellungen pro Jahr der Regierung gefällt und wir von ihr dann finanziell unterstützt werden“, so Guangming Li.

China hat sich verändert und der Maler Guolei Yang auch. Er sei ruhiger geworden und seine Bilder seien nicht mehr so kritisch wie früher, sagt er und lächelt. Auf den ersten Blick scheint sein Werk auch vor allem aus Selbstbetrachtung zu bestehen. Wo man in seinem Atelier hinsieht, auf jeder Leinwand entdeckt man Guolei Yang selbst – vorzugsweise nackt. Bei näherer Betrachtung ist sein Werk aber voller politischer Anspielungen. Selbst vor Mao macht er mit seinem Spott nicht halt. Auf einem Gemälde ist der große Vorsitzende mit heraushängender Zunge vor einem ausgeweideten Kadaver zu sehen. Viel Fantasie braucht es nicht, um die Symbolik zu verstehen. Staatstragende Kunst sieht anders aus.

Einzelausstellungen könne er in China zwar keine mehr zeigen,  aber durchaus ungestört arbeiten, betont Yang. Vor drei Jahren sei die Polizei das letzte Mal dagewesen, doch außer, dass die Beamten sein Atelier durchsucht hätte, sei nichts passiert, so der großgewachsene Künstler. Er habe sogar Freunde unter den Polizisten, betont Yang, der nicht nur in China mit seinen Werken aneckt. Auch in den USA werde er nicht mehr ausgestellt, sagt der Mitvierziger, der  sich nur ungern von seiner Zigarette trennt. Während er in einer Hand einen Glimmstengel balanciert, kramt er mit der anderen einen alten amerikanischen Ausstellungskatalog heraus. Auf dessen Titel ist ein Bild von ihm abgebildet, dass ihn in Unterhose zeigt. Die Unterhose habe er nachträglich anfügen müssen, sagt er.

Die Pistole am Kopf

Ihr politisches Engagement scheint Yan Ling Ma nicht geschadet zu haben. Mit ihrem ebenmäßig geschnittenen Gesicht und ihren braunen Rehaugen könnte Ma das Cover jeder Modezeitung zieren. Sie aber arbeitet als Künstlerin und beschäftigt sich neben Malerei auch mit Fotografie. Der Bungalow, den sie bewohnt, ist erst ein Jahr alt und verfügt einen riesigen Innenhof mit eigenem Basketballplatz. Und das Atelier im Nebengebäude ist noch einmal so groß wie der Bungalow. Die Wohnung ist auch im Winter mollig warm, etwas das in China nicht überall selbstverständlich ist. Geheizt wird bei Mas stilecht mit offenem Kamin. Am Wohnungseingang ist ein mehrere Quadratmeter großer Teich mit glücksbringenden Goldfischen in den Boden eingelassen. Yang Ling Ma achtet auch bei der Wohnungseinrichtung auf Stil. Bevor wir bei Ma an der Haustür klingelten, hatte mir der Übersetzer zugeflüstert: „Frau Ma ist eine reiche Frau“. Vor Reichtum hat man Respekt in China. Yan Ling Ma besitzt zwei Galerien in China und eine in New York.

Eines ihrer bekanntesten Werke zeigt sie selbst, wie sie sich auf dem Platz des Himmlisches Friedens eine Pistole an die Schläfe hält. Als ich nach der symbolische Bedeutung des Fotos frage, wird der Übersetzer vorsichtig. Er lächelt mich an und sagt: „Über Politik sprechen wir hier nicht immer gern“. Später erfahre ich, dass Ma das Bild, das ursprünglich im Kunstzentrum von Songzhuang ausgestellt war, dort hatte abhängen müssen.

Sie erzählt, dass sie mehrere Versuche gebraucht hatte, bevor sie die Pistole auf den Platz schmuggeln konnte. Wieder und wieder sei sie entdeckt und aufgehalten worden. Meine erstaunte Frage, ob ihr denn sonst nichts passiert sei, bleibt unübersetzt. Dass der Pistolenschmuggel überhaupt gelingen konnte, verwundert ohnehin: Der Platz des Himmlischen Friedens ist nur durch einen Fußgängertunnel erreichbar, und der Zugang wird ähnlich streng kontrolliert wie ein internationaler Flughafen.

Huang Wen Feng ist der direkte Nachbar von Frau Ma. Er verdient noch mehr als sie und gehört zu zehn bestbezahlten Künstlern Chinas. Er ist im ganzen Land unterwegs, um seine Ausstellungen zu organisieren, und deswegen empfängt mich auch sein Sekretär, ein langhaariger Künstlertyp mit schlechten Zähnen und Ledermantel. Er zeigt mir Fengs jüngstes Werk. Das zehn Meter lange und vier Meter hohe Monumentalgemälde, auf dem alle 97 Kaiser der chinesischen Geschichte und neun Drachen abgebildet sind,  braucht einen Raum für sich. Gemütlich ist es in der eiskalten Betonhalle nicht. Doch am Geld liegt es sicher nicht, dass Huang Wen Feng an der Heizung spart. Das Bild mit den 97 Kaisern ist längst verkauft. Für umgerechnet 1,2 Millionen Euro. Der Käufer ist Chef einer Firma die mit Abnehmtees ihr Geld verdient. Die aufstrebende chinesische Wirtschaft lässt die Kunstszene florieren. Die neuen Reichen schmücken sich gerne mit den Werken einheimischen Künstler. Was genau in den Vorstandszimmern hängt, scheint dabei egal zu sein: Regimekritisch oder angepasst – Hauptsache teuer.

Rasso Knoller

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