Russland: St. Petersburg – Venedig des Nordens

Wie ein stumpfer Keil teilt die Wassilij-Insel den Fluss in Kleine und Große Newa. Am Bug des Schiffes thront die Börse, ein antiker Tempel mit strahlend weißen dorischen Säulen. Über dem Haupteingang der Meeresgott Neptun als Kapitän, vor sich nur noch die beiden roten Rostra-Säulen, eigenartige Leuchttürme, aus denen Schiffsschnäbel herauswachsen. Strelka, das Zünglein, nennen die Petersburger diesen grandiosen Aussichtspunkt. Oft kräuselt hier der Wind das Wasser der Newa zu kleinen Wellen, die sich an den granitenen Ufern brechen und so das Gefühl vermitteln, der Kulisse der Stadt langsam näher zu kommen.

Die Schöne an der Newa

Was für ein Panorama! Zur Linken die Haseninsel mit der Peter-Paul-Festung, unverwechselbar durch den spitzen, vergoldeten Turm der Kathedrale. Es ist die Keimzelle der Stadt, denn die Grundsteinlegung der Festung vor 300 Jahren ist auch die Geburtsstunde St. Petersburgs. Zur Rechten ist das gegenüber liegende Ufer der Newa mit einer lückenlosen Reihe pastellfarbener Paläste bestückt. An erster Stelle der barocke Winterpalast, die ehemalige Residenz der Zaren. Der späte Nachmittag ist die beste Zeit für einen Besuch der Strelka, denn dann lässt die tief stehende Sonne mit ihrem warmen Licht die grün-weiße Säulenfassade und die goldenen Verzierungen des Winterpalastes erglühen, ein Anblick, von dem man sich nur schwer losreißen kann.

Ein Museum der Superlative

Das Innere des Winterpalastes übertrifft dann noch die kühnsten Erwartungen. Riesige Säle mit verschwenderisch vergoldeten Säulen, aufwändige Deckenmalereien und schwergewichtige Kandelabern lassen erahnen, in welchem Luxus die Zaren einst residiert haben. Hier zeigt Russland, was es zu bieten hat. Der Winterpalast gibt die ideale Bühne für eine der größten Kunstsammlungen der Welt, die Eremitage. Ein Museum der Superlative mit über 350 Räumen und vielen Dutzend Gemälden von Rembrandt, Rubens, Picasso, Breughel, Cezanne, Matisse, Picasso, Gauguin und unzähligen anderen Künstlern von Weltruf.

Auch an anderen Superlativen fehlt es dieser Stadt wahrlich nicht, die seit einigen Jahren auf mehrheitlichen Wunsch ihrer Bewohner wieder St. Petersburg heißt. Doch die meisten Bewohner nennen die Schöne an der Newa nur liebevoll Piter. Oft fühlt man sich in St. Petersburg wie in einem Freilichtmuseum der Architektur, in keiner anderen Stadt sind die Prachtbauten so harmonisch aufeinander abgestimmt, nirgends ist die städtebauliche Konzeption so klar ersichtlich. Kein Wunder, denn die alte Hauptstadt des Russischen Reiches entsprang allein der Phantasie eines Mannes, ihres Gründers Peter I.

Bis heute ist St. Petersburg, im Gegensatz zu Moskau, fast unverändert geblieben, weder Krieg, noch deutsche Belagerung oder 70 Jahre Sozialismus konnten ihr etwas anhaben. Der gesamte Stadtkern ist so erhalten, wie er einst im 18. Jahrhundert vom Zaren und seinen genialen Baumeistern geplant worden ist. In einem gewaltigen Kraftakt wurde sie damals dem sumpfigen Newadelta abgerungen, um Russland ein Fenster nach Europa zu öffnen. Noch heute wirkt die Stadt wie ein faszinierendes Gesamtkunstwerk, hat Ähnlichkeit mit vielen Hauptstädten Europas und ist doch eine zutiefst russische Stadt geblieben.

Mit Venedig hat St. Petersburg das Netz der Kanäle, den sumpfigen Untergrund, die vielen künstlichen Fundamente und die prachtvollen Paläste gemeinsam. Kein Wunder, dass sich die Stadt gerne selbstbewusst als Venedig des Nordens bezeichnet.

Die Isaakskathedrale, immerhin der drittgrößte Kuppelbau der Welt, kann sich als Symbol der Macht mit dem Petersdom in Rom messen und auch der Schlossplatz, der vom Winterpalast und dem halbkreisförmigen Generalstabsgebäude begrenzt wird, erreicht fast die Dimensionen des Petersplatzes.

St. Petersburg ist aber auch eine nordische Stadt, mit dem Wasser verzahnt wie Helsinki und Stockholm. Im Sommer teilt St. Petersburg zudem mit den skandinavischen Metropolen die weißen Nächte, in denen es kaum dunkel wird. Dann glühen die pastellfarbenen Fassaden der Paläste mit unwirklicher Intensität. Dieses samtige Licht des nordischen Sommers lässt die Menschen aufleben und sie den langen Winter vergessen. Zu später Stunde flanieren sie an den Ufern der Newa, treffen sich zum Picknick im Sommergarten, schauen auf die Newa-Brücken, die pünktlich für die großen Schiffe aufgeklappt werden und bevölkern in Scharen den Alexander-Nevski-Prospekt.

Neues Leben auf dem Nevski

Fast fünf Kilometer lang ist der Nevski, bildet eine Achse, die zwei völlig verschiedene Städte, die imperiale Residenz der Zaren und das Leningrad der Nachkriegszeit verbindet. Von den hässlichen Schlafstädten, erreicht man irgendwann den Nevski-Prospekt und nähert sich auf dem Boulevard mit jedem Kilometer ein Stück dem alten, dem originalen St. Petersburg.

Den Weg ins Zentrum der Macht weist die Admiralität, die man schon aus der Ferne an ihrer goldenen Nadelspitze erkennt. So wird der Spaziergang auf dem Nevski zu einer Reise in die Vergangenheit, die bis zu Peter dem Großen führt. Zumindest das letzte Stück sollte man auf dem Nevski-Prospekt zu Fuß zurücklegen, sich so dem Kern der Stadt mit Muße nähern, auch wenn am Abend die Füße schmerzen.

Kaum betritts Du den Newski, riecht’s schon nach Bummeln, schrieb der russische Schriftsteller Gogol im 19. Jahrhundert, als sich die breite, schnurgerade Straße zu einer der mondänsten und berühmtesten Flaniermeilen der Welt mauserte. Auch heute herrscht wieder Gedränge auf den breiten Trottoirs, alte Frauen verkaufen Blumen, Portraitmaler und Straßenmusikanten suchen ihr Publikum. Doch die Petersburger flanieren nicht mehr über den Nevski, sie haben es eilig. Menschentrauben drängen aus der Metro, hetzen nach Hause oder zur Arbeit, kaum jemand wirft einen Blick in die neuen Boutiquen oder das Antiquitätengeschäft mit dem edlen Porzellan. Konsum ist nach den Jahren des grauen Einerleis zwar wieder möglich, doch für die meisten sind die Preise unerschwinglich.

Auch die schönsten Kaufhäuser der Stadt, die Einkaufsgalerie Passasch und das riesige Gostinyi Dwor, das einen ganzen Häuserblock einnimmt, sind wieder auferstanden in dem unerschütterlichen Glauben an eine bessere Zukunft. Vor der klassizistischen Kasaner Kathedrale und beim Denkmal Katharinas der Großen am Ostrowski-Platz weitet sich die Prachtstraße und bietet müden Besuchern Bänke zur Rast. Gegenüber erblickt man ein besonders schönes Jugendstilgebäude in dem einst der Delikatessenladen untergebracht war.

Auch wenn viele Prachtbauten St. Petersburgs einen neuen Anstrich bekommen haben, leuchten noch längst nicht alle Kostbarkeiten in frischen Pastelltönen. Der Blick ins Innenleben der Stadt, in die verwinkelten Hinterhöfe mit ihren verschachtelten Durchgängen ist schonungslos. Überall noch Spuren jahrzehntelanger Vernachlässigung, hier wird es noch lange dauern, bis St. Petersburg die grauen Jahre abgeschüttelt hat.

Russische Alltagsimpressionen

Wer nach dem St. Petersburg der Einheimischen, abseits der großen Sehenswürdigkeiten sucht, der muss nur einen Abstecher in die Querstraßen des Nevski machen. In die unzähligen Läden, Restaurants und Imbissbuden verirrt sich kaum ein Tourist, hier lebt die quirlige Fünf-Millionen-Metropole ihr ganz privates Leben. Hier trinkt man nach der Arbeit Bier und Wodka am Kiosk. Hier schmecken die Blinis, mit allerlei Leckerem gefüllte Pfannkuchen, noch typisch russisch.

Oder man stürzt sich in das Gewimmel der Metro, fährt mit den Massen auf endlosen Rolltreppen in die Tiefe, steigt in einen der klapprigen Wagen, die im Zwei-Minuten-Takt in die Bahnhöfe rumpeln und macht so für einige Rubel eine unterirdische Sightseeingtour. Am besten mit der Linie Eins zu Bahnhöfen, die mit nostalgischen Kandelabern und kitschigem sozialistischen Pressglas geschmückt sind. Im Untergrund findet man den predigenden Lenin oder den versonnen sinnierenden Puschkin.

Bei der Station Wladimirskaja wartet einer der größten Bauernmärkte von St. Petersburg, der Kusnetschnyi Rynok. Vor dem Eingang der Markthalle bietet ein Spalier alter Frauen die bescheidenen Spezialitäten ihrer Küchen und Gärten feil. Ein Glas Sauerkraut oder Gurken, ein Kürbis oder einige Eier sollen die karge Rente aufbessern. Drinnen herrscht fast orientalische Betriebsamkeit. Honig in ungewöhnlichen Geschmacksrichtungen wird auf kleinen Papierfetzen zum Kosten angeboten. Getrocknete Früchte und Nüsse aus den warmen Südprovinzen türmen sich zu Pyramiden. Obst und Gemüse bergeweise, frischer Quark, Butter, Sahne und Käse, auch frisches Fleisch im Überfluss. Natürlich darf auch Kaviar nicht fehlen. Roter und schwarzer jeder Qualität wartet in Schüsseln auf Käufer. Hier ist St. Petersburg eine russische Stadt, die den Alltag zu meistern versucht.

Sie bekommen nicht genug von St.Petersburg?
Hier gibt es mehr Lesefutter:
http://www.weltreisejournal.de/2016/11/16/russland-st-petersburg-der-mann-der-goldene-eier-legte/
 
 
 
 
 

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