Island: Unterwegs auf dem Golden Circle

 

Wasserdampfschwaden dicht wie Wolken hüllen alles ein. Nur der jagende Wind reißt für Sekunden Löcher in den weißen Vorhang. Schafft ein surrealistisches Szenario in diesen kurzen Momenten. Überall schwarze Lavafelder, mittendrin ein kleiner See mit zartblauem, milchig-trübem Wasser. Schemenhaft sind ein Dutzend Köpfe auf der Wasseroberfläche auszumachen, aber schon im nächsten Moment hat sie die weiße Wand wieder verschlungen. Plötzlich tauchen rauchende Schornsteine, Kräne und silbrige Wassertanks am gegenüberliegenden Ufer auf.

Dann zaubert die tief stehende Sonne auf den nahen, nur mit spärlichem Grün überzogenen Bergen die verrücktesten Lichtstimmungen. Von der Umkleidekabine bis zum Wasser sind es zum Glück nur wenige Meter. Zeit genug für den Nieselregen auf der nackten Haut Akzente wie Nadelstiche zu setzen. Beim Eintauchen prickelt die Haut, irritiert durch den heiß-kalten Kontrast und das mineralienreiche Wasser. Dann gibt es nur noch wohlige Wärme bis zum Hals und genüssliches Dümpeln in der riesigen Freiluftbadewanne.

Die Blaue Lagune

Die Blaue Lagune ist der Begrüßungscocktail der Insel aus Feuer und Eis im hohen Norden. Zwischen dem internationalen Flughafen Keflavik und der Hauptstadt Reykjavik ist sie erster Pflichtstopp für alle Ankommenden. Ihre Existenz verdankt sie dem Geothermalkraftwerk Svartsengi, dessen überschüssiges Wasser mit der Zeit in den umgebenden Lavafeldern einen kleinen See gebildet hat. Für die Hauptstädter ist das Bad in dem blauen Warmwasserpool ein alltäglicher Feierabendspaß, für Touristen mittlerweile eine der größten Attraktionen Islands. Für ein Bad in der Blauen Lagune kann das Wetter gar nicht garstig genug sein. Denn erst wenn es richtig kalt, stürmisch und regnerisch ist, beginnt das Wasser zu dampfen, bekommt der Ort etwas Infernalisches, zeigt sich die ungebändigte Kraft, die unter der Insel tobt.

Europa oder Amerika?

Nach dieser grandiosen Begrüßung werden Vorspeise und Hauptgericht zusammen serviert: Pingvellir und der Geysir Strokkur. Alles Touristenmagneten in komfortabler Nähe zu Reykjavik. Bei der Fahrt von der Hauptstadt zum Nationalpark Pingvellir ist auch Ende September noch keine Spur von Herbst auszumachen. Als wolle Island den Ruf der kalten, dunklen Insel am Polarkreis mit aller Macht abstreifen. Vom Felsen über der Almannagja, der Allmännerschlucht, schweift der Blick über weite Teile des ersten isländischen Nationalparks.

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Der Pingvallavatn, der größte See des Landes, zeigt sich als spiegelglatte blaue Scheibe, die weite Lavaebene ist von einem kräftigen Grün überzogen. Eingerahmt wird die Szenerie von einer lückenlosen Bergkette und dem auffälligen Schildvulkan Skjaldbreidur. Die Schlucht Almannagja durchzieht als kilometerlange, nicht heilen wollende Wunde die Landschaft. Steile Wände aus dunklem Basalt, enge Schluchten und Gräben, mit Wasser gefüllte Tümpel und Pfützen. Nirgendwo sonst ist Geologie anschaulicher als hier an der Nahtstelle zweier Kontinentalplatten. Jedes Jahr driften die eurasische und die nordamerikanische Platte einige Zentimeter auseinander und vergrößern so die klaffende Almannagja-Schlucht. Hier steht man mit einem Bein in Europa und mit dem anderen in Amerika.

1000 Jahre Geschichte

Für die Isländer ist Pingvellir aber nicht nur anschauliche Geologie, für sie ist es ein geradezu magischer Ort. Über Jahrhunderte haben hier die Mächtigen die Geschichte des Landes bestimmt. Den Staat gegründet, ihren alten Göttern abgeschworen und das Christentum angenommen. Gesetze verlesen, gerichtet und Politik gemacht. Heute deutet nichts mehr auf die Wichtigkeit des Ortes hin. Die kleine Kirche und eine Handvoll Häuser am Fluss sind die einzigen menschlichen Spuren in der weiten Ebene. Der Galgenfelsen, die Verbrennungsschlucht und der Ertränkungspfuhl sind unspektakuläre Punkte in der Einsamkeit und werden nur durch die alten Sagas wieder lebendig.

Was sich hier in den letzten 1000 Jahren abgespielt hat, bleibt der Fantasie überlassen. Als die Menschen regelmäßig einmal im Jahr auf ihren Pferden aus allen Teilen der Insel angeritten kamen. Den weiten Platz für zwei Wochen mit Leben erfüllten. Zelte errichteten und Lagerfeuer entzündeten. Für ein paar Tage war Pingvellir der Mittelpunkt Islands, Freiluftparlament, Handelsplatz, Festwiese, Heiratsmarkt und Informationsbörse.

Warten auf des Ausbruch

Das nächste Ziel ist der Geysir Strokkur, was auf isländisch soviel wie Butterfass bedeutet. Auf ihn ist Verlass. Regelmäßig alle fünf bis zehn Minuten schleudert er seine 20 Meter hohe Heißwassersäule zischend in den Himmel. Diese Zuverlässigkeit hat ihn zum Pflichtstopp für jeden Touristenbus gemacht. Erwartungsvoll bilden sie einen Kreis um den Geysir, starren gebannt in das Loch mit dem blubbernden Wasser, und warten auf untrügliche Anzeichen des bevorstehenden Ausbruchs. Um dann doch völlig überrascht von der plötzlichen Heftigkeit der Eruption zu sein. Zwei oder drei Vorstellungen genehmigt der Busfahrer, dann mahnt sein ungeduldiges Hupen zur Weiterfahrt.

Der große Geysir gleich nebenan, der Urvater aller Geysire, nach dem alle Springquellen benannt wurden, war nie so zuverlässig. War er gut gelaunt, spie er jede Stunde eine 80 Meter hohe Fontäne gen Himmel. Ein atemberaubendes Schauspiel. Aber verlassen konnte man sich nie auf ihn. Vielleicht ist ihm die Schmierseife nicht bekommen, die früher kiloweise in seinen Schlot gekippt, wurde um seine Ausbrüche zu provozieren. Für einige Zeit hat es funktioniert und den Großen Geysir zu Höchstleistungen getrieben. Heute ist er nur noch ein friedlich dampfendes blaues Riesenauge, umgeben von einer Sinterterrasse.

Christian Nowak

 

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