Deutschland: Hohenzollern – Wiege der Preußenkönige (Teil 1)

Spurensuche in der Burg Hohenzollern und im Schloss Sigmaringen

Was für ein Anblick! Stolz thront die Burg Hohenzollern auf ihrem Berg. Ein Dutzend Türme und Türmchen strebt dem Himmel entgegen. Sie krönen mächtige Wohngebäude, die ineinander verschachtelt sind, als müssten sie einander schützen. Die ganze Burg ist umgeben von Wehranlagen mit Basteien und unendlich vielen Zinnen. Das Adjektiv romantisch drängt sich auf. Und mit einem Mal läuft die U-Bahn der Linie 3 ein. Das Bild der Burg verschwindet.

Großformatige Fotos der Hohenzollern-Burg, Gesamtaufnahmen aus allen Himmelsrichtungen, Skizzen und Bauzeichnungen schmücken die Wände im Berliner U-Bahnhof Hohenzollernplatz. Er ist einer der schönsten U-Bahnhöfe der Stadt. Sein Grundstein wurde vor genau einhundert Jahren gelegt. Architekt des zwischen 1909 und 1915 erbauten Bahnhofs ist Wilhelm Leitgebel, ein Wilmersdorfer Stadtbeamter. Die markanten Burg-Bilder wurden erst 1985 angebracht.

Szenenwechsel: Den wohl schönsten Blick auf das Burg-Original bietet das Zeller Horn, ein Berg der Schwäbischen Alb. Wer hier steht, wo sich zahlreiche Wanderwege kreuzen, sieht die gegenüberliegende Burg Hohenzollern auf Augenhöhe: Das Zeller Horn ist 912 Meter hoch, der bewaldete Burgberg Zoller im Albvorland 855 Meter. „Die Burg ist eine Ausgeburt der Romantik“, gibt Dr. Anja Hoppe, von Hause aus Kunsthistorikerin und Geschäftsführerin der Burgverwaltung, lachend zu, „sie ist eine Showburg, nichts anderes.“

Die wenigsten der 280.000 Besucher im Jahr empfinden das so. Für die meisten ist der Gebäudekomplex, der aus der Nähe wesentlich kleiner wirkt als aus der Ferne, eine „typisch mittelalterliche Burg“. Dabei stammt nur ein Teil der Michaelskapelle aus dem 15. Jahrhundert, alle anderen Bauten entstanden in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Aus heutiger Sicht betrachtet ist es die dritte Burg auf dem Zoller. Die erste, die Mönch Berthold im Kloster Reichenau 1061 zum ersten Mal in seiner Weltchronik erwähnte, wurde Anfang des 15. Jahrhunderts zerstört. Der Nachfolgebau, mit dem Graf Jost Niklas von Zollern 30 Jahre später begann, geriet größer und mächtiger. Im Dreißigjährigen Krieg noch weiter verstärkt galt sie als uneinnehmbar. Aber schwedische und württembergische Truppen hungerten die Besatzung aus. 1634 musste die Burg dem Feind kampflos übergeben werden.

Einhundert Jahre, von 1667 bis 1771, benutzen die Österreicher sie als Militärfestung. Bereits da begann der Verfall. Als der preußische Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm IV. die Stammburg seiner Vorfahren 1819 besuchte, bot sich ihm ein zwar romantisches, aber doch trauriges Bild: Die Burg war nur noch eine Ruine. Der Kronprinz entschloss sich zum Wiederaufbau. Doch dauerte es Jahrzehnte, bis er seinen Plan realisieren konnte. Nicht zuletzt mussten die komplizierten Eigentumsverhältnisse geklärt werden.

Zwei Hauptlinien

Ein Blick in die Geschichte: Schon 1214 haben sich durch Erbteilung zwei Hauptlinien der Hohenzollern entwickelt, die schwäbische und die fränkische Linie. Blieb der schwäbische Hohenzollern-Zweig stets in Burgnähe, erlangte die fränkische Linie im 15. Jahrhundert die Markgrafen- und später Kurfürstenwürde von Brandenburg. Im 19. Jahrhundert stieg die fränkisch-brandenburgisch-preußische Linie zu einer der mächtigsten Familie in Europa auf.

Der schwäbische Zweig zerfiel im 16. Jahrhundert durch erneute Erbteilung in drei Stränge: in die Linie Hohenzollern-Haigerloch (die 1634 erlosch), die Linie Hohenzollern-Hechingen (1869 erloschen) und die Linie Hohenzollern-Sigmaringen. Wie kompliziert die Stammbäume der Häuser sind, belegt die Stammbaumhalle in der Burg Hohenzollern. Jeder Quadratzentimeter ist mit einem Stammbaum-Fresko bemalt, in Rot die schwäbische, in Blau die fränkische und später brandenburgisch-preußische Linie.

1846 einigten sich die Hohenzollern-Zweige auf einen Vertrag zum Wiederaufbau der Stammburg. Die Preußen waren die treibende Kraft beim Neubau. Geltungsbedürfnis war laut Dr. Stefan Schmidt-Lawrenz vom Hohenzollerischen Landesmuseum in der früheren Residenzstadt Hechingen dafür das Motiv: „Sie wollten ganz Europa damit dokumentieren: Wir sind uralter Adel. Schau her – das ist unsere Stammburg!“

Preußens Königshaus verpflichtete sich, die Burg zu zwei Dritteln zu bezahlen. Die schwäbischen Fürstenhäuser übernahmen das verbleibende Drittel. „So sind die Besitzverhältnisse heute noch“, erklärt Dr. Anja Hoppe, „die Burg ist nach wie vor in Privatbesitz, und die Burgherren nehmen nichts heraus“. Die derzeitigen Burgherren sind das Oberhaupt des preußischen Zweigs der Hohenzollern, Georg Friedrich Prinz von Preußen, sowie Karl Friedrich Erbprinz von Hohenzollern, Sohn des greisen Clanchefs der Sigmaringer Linie, Friedrich Wilhelm Fürst von Hohenzollern.

Sie handeln nach dem Grundsatz: Was die Burg erwirtschaftet, wird wieder in sie hineingesteckt. Dr. Hoppe: „Sie ist eine immerwährende Baumaßnahme.“ Der Denkmalschutz, der für die gesamte Burganlage gilt, verteuert alle Restaurierungs- und Verschönerungsmaßnahmen. Sturm- und Erdbebenschäden kosten mitunter viel Geld, denn Zoller und Burg liegen auf dem Zollerngraben, einem der intensivsten Erdbebengebiete Europas. Das letzte große Beben verursachte 1978 Millionenschäden an der Burg.

Horst Schwartz

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