Hongkong: Sommerfrische am Strand

 

Wenn die Hongkonger einen Wochenendausflug aufs Land machen wollen, fahren sie nach Stanley. Dann drängen sich die Menschen auf der Strandpromenade wie in der U-Bahn zur Rushhour und die Touristen schieben Schulter an Schulter durch den berühmten Stanley Market.

Ich mache mich lieber an einem Mittwoch auf den Weg nach Stanley, steige in Central in den Bus und suche mir dort erst einmal einen Platz auf den Oberdeck. Die Fahrt hinaus nach Stanley dauert eine gute halbe Stunde und führt an der Küstenstraße entlang. Ausblicke aufs Meer sind dann vom Oberdeck inklusive.

An der Endstation steige ich aus und gehe hinab zur Strandpromenade. Die Restaurants die sich hier aneinander ignoriere ich erst einmal; zunächst ist Sight Seeing angesagt.

Ein Haus geht auf die Reise

Mein Weg führt mich hinaus zum Murray House, einer alten neoklassizistischen Kaserne der britischen Armee. Erbaut im Jahre 1843 ist es eines der ältesten Gebäude der Stadt. Allerdings wurde Murray House erst 1998 nach Stanley umgesetzt. Ursprünglich stand die Armeekaserne nämlich mitten in der Stadt. Dort aber sind die Gunststückspreise so gestiegen, dass dort ein zweistöckiges Gebäude – und sei es von noch so großem historischen Wert – nichts verloren hat. Nach Hongkonger Verständnis wäre das reine Platz- und damit Geldverschwendung. Murray House musste deswegen weichen und dem 70 Stockwerke und 368 Meter hohen Wolkenkratzer der Bank of China Platz machen. Doch auch in Hongkong, der Stadt die das Neue liebt, erkannte man den historischen Wert von Murray House. Und so beschloss man, es Stein für Stein abzutragen und es an andere Stelle  – weit vom Stadtzentrum entfernt in Stanley – wieder aufzubauen. In der alten Kaserne sind heute einige Restaurants untergebracht und das Meeresmuseum der Stadt. Das Essen hebe ich mir für später auf, dem Museum statte ich einen kurzen Besuch ab. Wenig überraschend warten da eine ganze Reihe von Schiffsmodellen auf den Besucher und eine genaue Dokumentation über die Entwicklung des Hafens von Hongkong.

Mich aber fasziniert eine kleine Ecke, in der die Ausstellungsstücke von einem Teil der deutschen Geschichte erzählt. Sie befasst sich mit dem mit dem nordchinesischen Hafen Qingdao, der von 1897 bis 1914  unter deutscher Herrschaft stand. Und so kann man hier eine Seidenstickerei  des Kreuzers S.M.S Leipzig bewundern, der Teil des deutschen Ostasienregiments war und eine Bild des Seesoldaten Bergmann, der 1914 in Qingdao in japanische Gefangenschaft geriet.

Vor dem Murray House ragt das Blake Pier ins Wasser von dem die Fähren zu den Po Toi Inseln ablegen. Auch Blake Pier stand einst im Stadtteil Central – und dort irgendwann im Weg.

Restaurants am Meer

An der Strandpromenade entlang gehe ich zurück und lege ich einen ersten Zwischenstopp in einem der vielen Restaurants ein, die am Meer entlang wie an der Perlenschnur aufgereiht sind. Ungewöhnlich für Hongkong – wo man eigentlich lieber unter eisigen Klimaanlagen drinnen sitzt – kann man hier einen Stuhl im Freien ergattern. Ich fühle mich fast wie in Italien und lasse die Meeresbrise über die Haut streicheln. Anders als in den Ristorantes jenseits der Alpen bestelle ich aber hier keinen Capuccino, sondern „schon ganz Chinese“ einen grünen Tee. Die Bestellung scheint zu überraschen, Offenbar ist man im Boatshouse doch eher auf die Getränkewünsche von Touristen eingestellt. Für dieses Restaurant habe ich mich auf Anraten eines Freundes entschieden, der die Dekoration, die sich ein wenig an eine Segelboot anlehnt, bemerkenswert fand. Nun ja, in Sachen südländischer Dekoration liegt Italien dann doch noch vor Hongkong. Nachdem ich meinen Tee geschlürft habe, setze auch meinen Rundgang fort. Vorher werde ich aber noch einen kurzen Blick ins Smugglers Inn. Auch dieses Restaurant wurde mir von meinem Freund empfohlen. Es soll angeblich das älteste Restaurant in Stanley  sein. Hier hätten einst die britischen Soldaten ihren Sold versoffen. Da mein Freund  Engländer ist, akzeptiere ich ihn in dieser Frage als glaubwürdige Quelle.

Nur wenige Minuten erreiche ich den „Stanley Market“. Er  wird in jedem Reiseführer erwähnt und deswegen bin ich etwas überrascht wie klein er eigentlich ist. Stände mit T-Shirts bestimmen das Bild. Bruce Lee und Barack Obama, sind gegenwärtig die favorisierten Vorlagen für den T-Shirt Aufdruck, dicht gefolgt vom Dauerbrenner Che Guevara. Daneben wird allerlei Souvenirtand und Kunsthandwerk wird angeboten. Einige Galerien verkaufen durchaus ansprechende Gemälde an – jedes einzelne  natürlich ein  Original und von einem ganz bekannten Hongkonger Künstler.

Badeurlaub in Hongkong

Hongkong hat viele Märkte zu bieten die spannender sind, keinen aber der so nah am Meer liegt. Und deswegen steht nach dem Marktbesuch für mich der Stanley Beach auf dem Programm. Ein paar hundert Meter lang und vielleicht zwanzig, dreißig Meter breit, ist er am Wochenende überfüllt. Jetzt aber ist kaum jemand da, für mein Handtuch bleibt genügend Platz.

Und die Lifeguards haben genügend Zeit für ein Schwätzchen. Mack, ist ihr Chef und erzählt mir, dass immer zehn Leute gleichzeitig Dienst haben. Heute bedeutet das: für jeden Badegast ist ein Lebensretter zuständig. Ich fühle mich sicher.

Ein Lifeguard sitzt sogar auf einer künstlichen Insel im Meer, etwas 50 Meter vom Strand entfernt und von einem Sonneschirm geschützt. Hongkong passt auf seine Bürger auf. Sogar ein Haifischschutznetz haben Mack und seine Leute vor dem Strand aufgespannt. Ob er denn hier schon mal einen Hai gesehen habe frage ich ihn. Mack nickt eifrig. Vor zwei Jahren sei das gewesen – am Rande des Haifischnetzes. Allerdings sei der Hai schon tot gewesen und allenfalls einen Meter groß.

Ich steige beruhigt ins warme Wasser und plansche entspannt vor mich hin. Badeurlaub in Hongkong. Nach einer langen halben Stunde im Wasser muss ich zum Unziehen auch keinen Storchentanz mit dem Handtuch um die Hüfte machen. Umkleidekabinen und Duschen gehören, wie mir Mack bestätigt“ nicht nur am Strand von Stanley zum normalen Service.

Besuch bei der Meeresgöttin

Frisch geduscht mache ich mich auf zu meinem letzten Besichtigungspunkt. Ein paar hundert Meter  abseits des Ortskerns liegt der Tempel der Meeresgöttin Tin Hau.1762 wurde er erbaut und gehört im ewigen jungen Hongkong damit zu den ältesten Bauwerken. Drinnen wabert der Nebel der Räucherstäbchen, ein süßlicher Duft liegt in der Luft, vor mir ein Betender der sich tief vor dem Standbild der Göttin verbeugt. Auf dem Altar liegt frisches Ost -eine Opfergabe für Tin Hau.

Auch ich zünde eine paar Räucherstäbchen an, verbeuge mich tief und mache es wie die Einheimischen – spreche einen Wunsch aus, den mir Tin Hau erfüllen möge.

Rasso Knoller

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *