Tschechien: Ein Spaziergang durch Prag (Teil 1)

Prager Neustadt und Altstadt

Wir beginnen unseren Rundgang morgens am Wenzelsplatz (Václav­ské náměstí) bei der Metrostation Muzeum. Die wohl älteste Neustadt der Welt legte einst Kaiser Karl IV. im 14. Jahrhundert an, als die übrigen drei historischen Stadtteile Altstadt, Burgviertel und Kleinseite für den Wohnbedarf der aufstrebenden böhmischen Hauptstadt nicht mehr ausreichten. So verwundert es kaum, dass die Straßen der Neustadt wesentlich größer geplant wurden als der Rest des damaligen Prags. Die Neustadt verfügt über drei zentrale Plätze, die bei ihrer Gründung nach konkreten Aufgaben benannt wurden: Der Wenzelsplatz hieß damals Rossmarkt, der Karlsplatz (Karlovo náměstí) war seinerzeit der Viehmarkt und der Senovážné náměstí heißt heute noch Heuwaageplatz.

Östlich der Neustadt verlief bis ins späte 18. Jahrhundert eine Stadtmauer zur Abgrenzung der historischen Stadt. Heute thront am oberen Ende des Wenzelsplatzes das Nationalmuseum (Národní muzeum) aus dem Jahre 1890, dessen Neorenaissance-Fassade der Ostfassade des Louvre nachempfunden wurde. Vom Eingang des Museums schaut man über den Wenzelsplatz und kann sich die Menschenmengen vorstellen, die sich hier während der Samtenen Revolution im November 1989 versammelt hatten. Das Hauptgebäude wird bis Juni 2015 aufwendig restauriert. Ein großer Teil der Sammlungen ist im daneben gelegenen Neuen Gebäude zu sehen, dem einstigen Parlament der ČSFR.

Am Wenzelsdenkmal, der Statue des böhmischen Landes­patrons, Fürst Wenzel I., auf seinem Pferd, umgeben von vier böhmischen Landesheiligen, verabreden sich die Prager. Und weil es sehr viele gleichzeitig sind, wird noch »am Kopf« bzw. »am Schwanz« hinzugefügt. Das eingravierte Datum 28. Oktober 1918 bezieht sich auf die Gründung der Tschechoslowakei. Ein paar Schritte weiter markiert eine Opferstelle den Punkt, an dem sich der Student Jan Palach 1969 aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings verbrannte.

Den boulevardartigen Wenzelsplatz umgeben heute große Geschäfte, einige Luxushotels sowie eine Vielzahl von Restaurants und Imbissbuden. Das meistfotografierte Gebäude ist mit Sicherheit das 1905 erbaute Grand Hotel Evropa mit seiner prachtvollen Jugendstilfassade und dem üppigen Art-Nouveau-Café auf der rechten Straßenseite.

Eine Besonderheit erlaubt das Bummeln sogar bei Regen: Fast jeder zweite Häuserblock verfügt über eine Passage mit weiteren Geschäften und einem Durchgang zur nächsten überdachten Arkade. Sehenswert ist vor allem die im Stil der Moderne errichtete Lucerna-Passage mit herrlichem Kino, riesigem Konzertsaal und einem altertümlichem Café in der ersten Etage. Auffallend ist eine Kopie des Wenzelsdenkmals, das allerdings auf dem Kopf steht. Den Palast errichtete der Großvater des ehemaligen Präsidenten Václav Havel im Jahre 1920.

Über den Ausgang in die Vodičkova-Straße gelangt man schräg gegenüber in die Světozor-Passage, die in eine unerwartete Oase führt, den Franziskanergarten (Františkánská zahrada). Er gehört zum gleichnamigen, noch heute von Mönchen bewohnten Kloster. Die dahinterliegende Maria-Schnee-Kirche sollte nach Plänen Karls IV. das größte Gotteshaus der Stadt werden. Aufgrund der Hussitenkriege wurden diese Pläne verworfen. Der Franziskanergarten mündet in den kleinen Jungmannplatz (Jungmannovo náměstí), praktisch hinter dem unteren Teil des Wenzelsplatzes gelegen. Josef Jungmann verfasste im Zeitalter der nationalen Wiedergeburt Mitte des 19. Jahrhunderts als erster ein Tschechisch-Deutsches Wörterbuch – bis dahin wurde Tschechisch nur in Dienstbotenkreisen gesprochen.

Der Platz erlaubt einen Blick in die Nationalstraße, die bis heute die Neustadt von der Altstadt trennt. Vorne links fällt das Palais Adria auf, ein Multifunktionsgebäude im Stil des Rondokubismus von 1925, das an venezianische Paläste erinnern soll. Am hinteren Ende der Nationalstraße schimmert die goldene Kuppel des Nationaltheaters (Národní divadlo) durch. Es entstand 1881 als erste Bühne für tschechische Aufführungen und wurde aus Spendengeldern finanziert, brannte jedoch nach der ersten Aufführung teilweise nieder und wurde 1883 feierlich wieder eröffnet.

Unser Weg führt jedoch vom Jungmannplatz über die Straße des 28. Oktober (28. října) zum unteren Teil des Wenzelsplatzes, der häufig als Goldenes Kreuz bezeichnet wird, denn der gesamte Wenzelsplatz mit der Verlängerung in die Straße Na Můstku bildet mit den beiden Querstraßen ein lateinisches Kreuz. In Richtung Osten promeniert man entlang der Straße Am Graben (Na Příkopě), wo früher tatsächlich ein Graben die Altstadt von der Neustadt trennte. Diese Straße war einst der Korso der deutschen Bevölkerung, während die Tschechen auf der Nationalstraße flanierten.

Die Grabenstraße mündet in den lang gestreckten Platz der Republik (Náměstí Republiky), der vom Gemeindehaus (Obecní dům), einem Musterbeispiel des Prager Jugendstils von 1911, dominiert wird. Ein Muss ist der Besuch des Kaffeehauses im linken Flügel mit herrlichem Interieur und leckeren Torten. Hier beginnt jährlich am 12. Mai das Musikfestival »Prager Frühling« mit Smetanas Liederzyklus »Mein Vaterland«, dessen zweiter Teil »Die Moldau« weltberühmt ist. Der Name des Platzes erinnert an die Ausrufung der ersten Tschechoslowakischen Republik in diesem Gebäude im Oktober 1918.

An das Gemeindehaus schließt sich der Pulverturm (Prašná brána) an, den wir am Nachmittag genauer betrachten und besteigen. Gegenüber zeigt das Theater U Hyberna im einstigen Kloster der Hyberner überwiegend Musicals. Links daneben befindet sich in einer umgebauten Kaserne das neue Palladium, das größte Shoppingparadies im Zentrum. Rechts vor dem Palladium führt die Straße Na Poříčí in die weniger touristisch frequentierten Teile der Neustadt. Der Weg lohnt sich für die Mittagspause im Café vom Hotel Imperial mit seinen hohen Decken und den herrlichen Art-decó-Fliesen.

Durch die Altstadt

Der zweite Teil der Stadttour beginnt, wo der erste geendet hat, am Platz der Republik. Das Gemeindehaus dort steht an der Stelle des einstigen Königshofs an der Grenze zwischen Alt- und Neustadt. Der Weg von hier über Altstädter Ring, Karlsgasse und Karlsbrücke zur Prager Burg wird Krönungsweg genannt. Der 1475 gebaute gotische Pulverturm (Prašná brána) war Bestandteil der alten Stadtmauer. Wer mehr über die Prager Türme erfahren möchte, sollte die Ausstellung auf halber Höhe der 186 Stufen besuchen.

Durch den Pulverturm hindurch führt die Zeltnergasse (Celetná) direkt bis zum Altstädter Ring. Das auffallendste Gebäude ist das orangefarbene »Haus zur Schwarzen Mutter Gottes« mit dem Museum des tschechischen Kubismus (Muzeum českého kubismu). Der visionäre Architekt Josef Gočár wählte 1912 den geometrischen Stil des Kubismus, der sich zwischen Jugendstil und Art déco einreiht. Sehenswert ist das Grand Café Orient in der ersten Etage mit seinem kubistischen Interieur. Über den Obstmarkt (Ovocný trh) führt uns das Kopfsteinpflaster zum Ständetheater (Stavovské divadlo), in dem Wolfgang Amadeus Mozart 1787 seinen »Don Giovanni« uraufführte. Heute gehört die Bühne zum Nationaltheater und gibt neben Musiktheater auch Schauspiel und Ballett.

Die Geheimnisse der Altstadt offenbaren sich nicht entlang der touristischen Trampelpfade, sondern in versteckten Gassen, deshalb verläuft der weitere Weg entlang der Rittergasse (Rytířská) am prächtigen Hauptgebäude der Sparkasse (Česká Spořitelna) vorbei bis zum Kohlenmarkt (Uhelný trh), der gerne als »Prager Montmartre« bezeichnet wird, weil die einheimischen Künstler auf dem Platz ihre Gemälde und Portraits anfertigen.

Der Weg folgt der Michaelsgasse (Michalská), beleuchtet von romantischen Gaslaternen. Nach Überqueren der Melantrichova, die den Wenzelsplatz direkt mit dem Altstädter Ring verbindet, gelangt man in die Ledergasse (Kožná). Gleich am ersten Haus auf der linken Seite verrät eine Gedenktafel, dass hier der »rasende Reporter« Egon Erwin Kisch (1885–1948) wohnte. Über die Eisengasse (Železná) erreicht man nach einigen Schlenkern den faszinierendsten Platz der Stadt, den Altstädter Ring (Staroměstské náměstí). Um die Statue des Reformators Jan Hus gruppiert sich ein Ensemble aus mittelalterlichen Fassaden, der Teyn- und der St.-Nikolauskirche sowie dem gotischen Altstädter Rathaus (Staroměstská radnice) mit dem 69 Meter hohen Rathausturm. Vor der berühmten Astronomischen Uhr am Turm finden sich zur vollen Stunde Hunderte Besucher ein, um den Apostelumzug zu erleben.

Vom Altstädter Ring aus gibt es mehrere Möglichkeiten für Abstecher. Wir entscheiden uns für den dahinter gelegenen Teynhof (Týn), erreichbar durch eine Gasse links der gotischen Teynkirche. Die fahrenden Händler mussten hier einst eine Gebühr entrichten, bevor sie ihre Waren zum Verkauf auf den Altstädter Ring bringen durften. Auf dem ruhigen Plätzchen, das auch als »Ungelt« bekannt ist, hat man Gelegenheit für eine kleine Pause.

Die vornehme Shoppingmeile Pariser Straße (Pařížská) verbindet den Altstädter Ring mit der Moldau und streift dabei das jüdische Viertel. Mit ihren noblen Geschäften von Cartier über Hermès bis Louis Vuitton erinnert sie an einen Pariser Boulevard mit entsprechender Kaufkraft.

Nach Verlassen des Altstädter Rings, links vorbei an der weißen Nikolauskirche, zeigt sich gleich dahinter auf der rechten Seite die Büste des lange verkannten Schriftstellers Franz Kafka (1883–1924). Weil hier einst sein Geburtshaus stand, trägt der kleine Platz seinen Namen. Durch die Plattnergasse (Platnéřská) gelangen wir zum Mariannenplatz (Mariánské náměstí) mit dem Magistrat, der Prager Stadtverwaltung, der die einstigen selbstständigen Rathäuser der vier historischen Stadtteile vereint. Darüber hinaus dominiert die Städtische Bibliothek (Městská knihovna) den Platz.

Gegenüber dem Magistrat beginnt das Areal des Klementinum, das im 13. Jahrhundert als Dominikanerkloster erbaut wurde und in dem die Jesuiten die Karl-Ferdinand-Universität einrichteten. Inzwischen dient der Komplex als Sitz der Staatsbibliothek. Sehenswert sind vor allem der Turm mit der Wetterwarte sowie die Spiegelkapelle, in der täglich Konzerte stattfinden.

Einer der Ausgänge führt auf die Karlsgasse (Karlova), die den Altstädter Ring mit der Karlsbrücke verbindet und meist hoffnungslos überfüllt ist, was Taschendieben das Handwerk erleichtert. Die Gasse mündet in den Kreuzherrenplatz (Křižovnické náměstí) mit der Statue Kaiser Karls IV. vor der Kirche des heiligen Franziskus. Dort beginnt die 515 Meter lange und zehn Meter breite Karlsbrücke (Karlův most), deren Bau 1357 anstelle der eingestürzten Judithbrücke durch Peter Parler begonnen wurde. Sie ruht auf 16 Pfeilern, von denen zwei bei einer Flut im Jahre 1890 eingestürzt waren. Gleich auf dem ersten Pfeiler thront der gotische Altstädter Brückenturm (Staroměstská mostecká věž). Erst im 18. Jahrhundert wurden die Statuen entlang der Brücke auf die Pfeiler gesetzt. Was man sich bei der bronzenen Nepomukstatue in der Mitte der Brücke wünscht, soll in Erfüllung gehen.

Den 2. Teil des Stadtrundganges durch Prag lesen Sie hier

 

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