Tschechien: Ein Spaziergang durch Prag (Teil 2)

Prager Kleinseite und Burgviertel

Die heutige Stadttour widmet sich ausschließlich der linken Moldau­seite mit den historischen Stadtteilen Kleinseite und Hradčany, dem Burgviertel. Die Kleinseite entstand 1257, als sich deutsche Handwerker unterhalb der Prager Burg ansiedelten und ein kleines Quartier gründeten. Nach dem großen Brand von 1541 änderten sich Charakter und Aussehen der Kleinseite, weil der Adel seine Paläste nunmehr direkt unter der Burg errichtete.

Vom Ausgangspunkt, der Metrostation Malostranská, geht es durch die Valdštejnská zum Valdštejnské náměstí mit dem Haupteingang des monumentalen Palais Waldstein (Valdštejnská palác), das General Albrecht von Waldstein im 16. Jahrhundert errichten ließ und in dem heute der tschechische Senat residiert. Besucher werden nur am Wochenende eingelassen. Vom Innenhof des Palasts gelangt man in den zugehörigen Wallenstein-Garten (Valdštejnská zahrada) mit Grotte, Teich und einer Statuenallee. Auf dem erholsamen Areal zeigen sich gelegentlich ein paar Pfauen. Wir verlassen den Garten über den Ausgang in die Straße Letenská, die am neuen Luxushotel »The Augustine« vorbei direkt in den Kleinseitner Ring führt.

Der Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí) verbindet Brückengasse (Mostecká) und Nerudagasse (Nerudova) als Teil des Krönungswegs von der Karlsbrücke zur Prager Burg. Das auffallendste Bauwerk ist zweifelsohne der hochbarocke St.-Nikolaus-Dom (Chrám sv. Mikuláše na Malé Straně), erbaut von Vater und Sohn Dientzenhofer. Sehenswert ist das 1500 Quadratmeter große Deckenfresko mit den Stationen des heiligen Nikolaus, des Beschützers der Kaufleute und Seefahrer.

Der freistehende Kirchturm belohnt den Aufstieg mit einer tollen Aussicht auf Kleinseite und Prager Burg. Drei weitere Bauten am Kleinseitner Ring fallen auf: das einstige Kleinseitner Kaffeehaus vor dem St.-Nikolaus-Dom, in dem Rilke seine »Larenopfer« schrieb und in dem heute eine US-amerikanische Kette coffee to go verkauft; das einstige Rathaus der Kleinseite mit der kupferfarbenen Kuppel und an der oberen Platzseite das Palais Liechtenstein (Lichtenštejnský palác) mit auffallender klassizistischer Fassade, in dem heute die Akademie der musischen Künste ihren Sitz hat.

Auf der Brückengasse (Mostecká) schlendert man durch die Kleinseitner Brückentürme – der niedrigere gehörte einst zur Judithbrücke, der Vorläuferin der Karlsbrücke. Nach der Überquerung des Teufelsbaches (Čertovka) geht es rechts hinunter auf die Kampa-Halbinsel, ein verträumtes Plätzchen mit kleinen Restaurants und einem Park mit weiter Aussicht auf Altstadt und Karlsbrücke. Von den einst vorhandenen Mühlen ist nur noch ein Mühlrad übrig geblieben. Die Prager genießen die Sonnenstrahlen auf diesem romantischen Flecken. Am Ende des Parks führen die Straßen Říční und Všehrdova zur Hauptstraße Újezd.

Mit der Seilbahn kann man von hier aus auf den Laurenziberg (Petřín) schweben, den »Berg der Prager Verliebten«, mit einem 60 Meter hohen Aussichtsturm, der 1891, zwei Jahre nach dem Pariser Eiffelturm errichtet wurde. Wer will, kann auch zu Fuß die 299 Stufen erklimmen, um den Blick über das Prager Dächermeer zu genießen.

Auf der Hauptstraße, die im weiteren Verlauf Richtung Kleinseitner Ring und später Karmelitergasse (Karmelitská) heißt, gelangt man zur Kirche St. Maria de Victoria (Kostel Panny Marie Vítězné). Auf der rechten Seite im Kirchenschiff steht die 47 Zentimeter große Wachsstatue »Prager Jesulein«, die Polyxena von Lobkowitz dem Orden der Karmeliterinnen stiftete und die noch heute eine Vielzahl wertvoller Kleider geschenkt bekommt.

Gegenüber liegt das Tschechische Museum der Musik (České muzeum hudby) in der einstigen Maria-Magdalena-Kirche. Das zum Nationalmuseum gehörende Haus thematisiert die Geschichte der Musik, sehenswert ist besonders die Eingangshalle.

Der Vormittagsrundgang endet am Malteserplatz (Maltézské náměstí), einige Schritte hinter dem Musikmuseum, wo sich der Malteserorden im 12. Jahrhundert niedergelassen hatte, um den Zugang zur Judithbrücke zu sichern. Auf der Südseite steht der Nostitz-Palast, in dem das Kulturministerium residiert. Im Café de Paris genau gegenüber kann man eine Mittagspause einlegen.

Burgviertel

Der Rundgang durch das Viertel der Prager Burg (Pražský hrad) ist erst am Nachmittag sinnvoll, weil vormittags die Touristenscharen, die per Reisebus unterwegs sind, durch die Anlage strömen. Kurz etwas zur Begriffsklärung: Die deutsche Literatur bezeichnet mit dem Hradschin nur die Burg, dabei steht Hradčany eigentlich für das gesamte Burgviertel.

Wir beginnen diese Stadttour am Platz Pohořelec, auf Deutsch »Brandstätte«. Oberhalb des Platzes thront das Strahov-Kloster (Strahovský klášter), das bedeutendste seiner Art in Tschechien. Die wertvolle Bibliothek bewahrt im Theologischen und Philosophischen Saal mehr als 200 000 Bände auf und war bereits in mehreren internationalen Filmen wie dem James-Bond-Streifen »Casino Royale« zu sehen. Am Ende des Klosterareals liegt eine Aussichtsterrasse mit tollem Blick auf Kleinseite und Laurenziberg.

Durch einen kleinen Durchgang geht es zurück auf den Platz zum Wallfahrtsort Loreto (Loreta), der im 17. Jahrhundert während der Gegenreformation gegründet wurde. In der Mitte steht die Nachbildung der Casa Santa aus dem italienischen Loreto. In der ersten Etage des Westflügels kann die zwölf Kilogramm schwere Monstranz »Prager Sonne« mit 6222 Diamanten bestaunt werden. Gegenüber steht das 150 Meter breite Palais Czernin (Černínský palác), das seit 1934 als Außenministerium fungiert. Es erreichte traurige Berühmtheit durch den Dritten Prager Fenstersturz, als im Februar 1948 der letzte nichtkommunistische Minister Jan Masaryk unter ungeklärten Umständen aus dem Fenster stürzte.

Hinter den beiden Sehenswürdigkeiten und nach der Černínská beginnt die Gasse Neue Welt (Nový Svět), die nach der Samtenen Revolution viele Künstler anzog, die an den offenen Fenstern malten. Diese sind nur noch selten anzutreffen, dafür herrscht aber eine unglaubliche Ruhe kurz vor der so stark frequentierten Prager Burg.

Von der Hinterseite her überqueren wir den Hradschiner Platz (Hradčanské náměstí). Auf diesem lang gezogenen Platz breitete sich der Adel mit seinen Palästen aus. Markant sind vor allem das Erzbischöfliche Palais (Arcibiskupský palác) sowie die beiden zur Nationalgalerie gehörenden Paläste von Sternberg und Schwarzenberg. Vor der Burg steht die Statue von Tomáš Garrigue Masaryk, dem Staatsgründer der Tschechoslowakei.

Die tausend Jahre alte Prager Burg (Pražský hrad) diente als Sitz der Könige und Kaiser und ist seit 1918 Amtsstube der Staatspräsidenten. Die größte Burganlage Mitteleuropas wurde mehrfach erweitert und umgebaut. Kaiserin Maria Theresia leitete eine große Umgestaltung ein, die den kompletten vorderen Teil im Wiener Rokokostil erscheinen lässt, die letzten Veränderungen fanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts statt. Das Areal ist eigentlich gar nicht als Burg auszumachen, denn es hat weder Befestigungen noch einen Graben.

Der Haupteingang der Burganlage befindet sich im ersten Burghof, wo auch täglich um 12 Uhr die große Wachablösung stattfindet. Vom ersten in den zweiten Burghof gelangt man durch das barocke Matthias­tor (Matyášova brána). Der rechte Teil des zweiten Burghofs gehört dem Büro des Präsidenten; wenn er sich im Land befindet (nicht auf der Burg!), wird eine Fahne auf dem Dach gehisst. Der sehenswerte Spanische Saal im zweiten Burghof ist nur zu großen Anlässen oder Konzerten zugänglich.

An der Stelle der einstigen Veitsrotunde legte Karl IV. im Jahre 1344 den Grundstein für den Bau der prachtvollen St.-Veits-Kathedrale (Katedrála sv. Víta), die mit 124 Metern Länge, 33 Metern Höhe und 60 Metern Breite das größte Kirchenschiff des Landes besitzt. Die Krönungskirche der böhmischen Könige und bedeutendste Kirche Tschechiens bauten die beiden berühmten Architekten Matthias von Arras und Peter Parler, der Baumeister der Karlsbrücke.

Der vordere Teil mit den beiden neogotischen Türmen wurde allerdings erst 1929 vollendet. Hier fanden mit Karl IV., Ferninand I. und Rudolf II. gleich drei Kaiser ihre letzte Ruhestätte. Der wichtigste Raum ist die Wenzelskapelle in der Mitte auf der rechten Seite. Von hier kann der 96,5 Meter hohe Südturm mit seiner barocken Zwiebelspitze über 287 Stufen bestiegen werden. Etwas dahinter ruht der Brückenheilige Johannes von Nepomuk in einer silbernen Gruft.

Besonders sehenswert ist die sogenannte »Goldene Pforte« an einem nicht genutzten Ausgang an der südlichen Fassade: Ein Mosaik mit einer Million Elementen aus Glas, Gold und Halbedelsteinen stellt das Jüngste Gericht dar. Erst im Jahre 2000 konnte das Werk mittels Druckstrahl aus überwiegend gemahlenen Nussschalen freigelegt werden, nachdem es über Jahrhunderte hinter einer Oxidationsschicht verborgen war.

Der Alte Königspalast (Starý královský palác) im dritten Burghof südlich der Kathedrale wurde ursprünglich für Ritterturniere errichtet, die im gotischen Wladislaw-Saal mit beeindruckendem Rippengewölbe veranstaltet wurden. Bis ins 16. Jahrhundert wohnten die Herrscher des Landes in diesem Palast. Im Ludwigsflügel ereignete sich der »Zweite Prager Fenstersturz«, der 1618 den Dreißigjährigen Krieg auslöste. Heute finden hier die Präsidentenwahlen statt.

Die romanische Georgsbasilika (Klášter sv. Jiří) hinter dem Dom wurde bereits 920 unter Vratislav I., der hier auch bestattet wurde, errichtet. Die barockisierte Fassade der mehrfach umgebauten Basilika stammt allerdings aus dem 17. Jahrhundert. Das daneben liegende Kloster beherbergt eine Dependance der Nationalgalerie, die böhmische Kunst des 19. Jahrhunderts zeigt.

Das Goldene Gässchen (Zlatá ulička) mit den pittoresken Häusern in der Außenwand der Burganlage wurde zur Zeit des wissenschaftlich interessierten Kaisers Rudolf II. von Alchimisten bewohnt. Er war besessen von dem Gedanken, Gold herzustellen und den Trank des ewigen Lebens zu finden – stattdessen wurde dabei Sliwowitz, ein Zwetschgenobstbrand, entdeckt. In dem kleinen blauen Häuschen Nummer 22 wohnte 1916/17 einst Franz Kafka, um in Ruhe schreiben zu können. Das Goldene Gässchen wurde 2011 renoviert und um eine Dauerausstellung ergänzt. Von der Abgeschiedenheit zu Kafkas Zeiten ist beim täglichen Besucheransturm leider keine Spur mehr.

Das Areal der Prager Burg verfügt über mehrere Bildergalerien und kleinere Museen. Besonders eindrucksvoll ist ein Besuch der Burg am Abend, wenn kaum noch Menschen unterwegs sind und die Anlage eine mystische Atmosphäre ausstrahlt.

Durch den Hinterausgang verlässt man die Prager Burg. Es gibt zwei Möglichkeiten für den Abstieg zur Metrostation Malostranská: Klassisch geht es geradeaus über die alte Schlossstiege bis nach unten. Alternativ lohnt sich der Spaziergang durch den erst 2008 wiedereröffneten Weinberg des heiligen Wenzel (Svatováclavská vinice, Staré zámecké schody 6/251) mit einem gastronomischen Stopp in der Villa Richter. Den besten Sitzplatz bietet das Glashaus mit toller Aussicht auf die Kleinseite.

Den ersten Teil des Stadtspazierganges Prag lesen Sie hier

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *