Italien: 25. Maratona dles Dolomites

Der New-York-Marathon für Radfahrer

In Alta Badia, diesen kleinen, tief im Gadertal gelegenen ladinischen Dörfern, geht es für gewöhnlich recht beschaulich zu. Nur einmal im Jahr, am ersten Juli-Sonntag, setzt das Gewöhnliche aus und dann platzt La Villa schon um fünf Uhr morgens aus allen Nähten. 9.000 Radfahrer aus über 40 Nationen stehen dicht gedrängt in der Ortsdurchfahrt. Sie halten sich in den Seitenstraßen auf, in den Hofeinfahrten, auf den Parkplätzen – überall stehen sie, in engen Hosen, Trikots, die Räder zwischen den Beinen und den Kopf verhüllt mit Helmen und großen Brillen. Um sechs Uhr morgens kreisen schon zwei Hubschrauber des italienischen Fernsehsenders RAI Tre wenige Meter über dem Starterfeld. Die insgesamt 1.200 freiwilligen Helfer sind voll konzentriert und die Radler zupfen nervös an ihren Trikots – neun, acht, sieben – rücken noch einmal die Helme zurecht – sechs, fünf, vier – prüfen den Luftdruck ihrer Reifen – drei, zwei, eins – und dann fällt der Startschuss zu einer der größten und einer der schönsten Radsportveranstaltungen der Alpen: der Maratona dles Dolomites.

Doch die ganze Bedeutung dieser Veranstaltung, die in diesem Jahr zum 25. Mal stattfindet, wird einem erst bewusst, wenn man Michil Costa trifft. „Dieses Jahr gab es 28.000 Anfragen“, sagt Costa, der seit 1997 Präsident des Rennens und mit der Maratona so verbunden ist wie die Fahrradkette mit dem Zahnkranz. „Mehr als 9.000 Teilnehmer können wir einfach nicht zulassen – da haben wir das Maximum erreicht“, erklärt er. So konnte sich nur jeder vierte Interessent einen Startplatz sichern. Costa, zugleich auch Hotelier in Corvara und als Philosoph und Exzentriker bekannt, ist ein Mann mit lichtem Haar und spitzbübischem Lächeln, und es passt gut zu diesem Lächeln, dass Costa seit vielen Jahren in Lederhose, weißem Hemd und roter Weste auf einem Hochrad die ersten Kilometer des Rennens mitfährt. „Mir geht das normale Rad viel zu schnell“, sagt er und erzählt, dass er ein paar Mal auch die ganze Sella Ronda auf dem Hochrad mitgefahren ist.

Entweder steil bergauf oder steil bergab

Die Sella Ronda, das sind die ersten vier Pässe der Maratona, einem Rennen, das sich über die Jahre zu einer Art „New-York-Marathon für Radfahrer“ entwickelt hat. Es ist ein Langstreckenbergrennen für Amateure und führt mitten durch die spektakuläre Bergwelt der Dolomiten. Und das heißt – im Unterschied zu New York – es geht fast immer entweder steil bergauf oder steil bergab. Über die für den Straßenverkehr an diesem Tag gesperrten Pässe Campolongo, Pordoi-, Sella- und Grödnerjoch wieder hinunter nach Corvara. Nach zweieinhalb Stunden haben viele die Sella Ronda schon hinter sich. (Michil Costa braucht mit seinem Hochrad natürlich ein bisschen länger.) Dabei geht das Rennen nun erst richtig los: Die Strecke führt ein zweites Mal über den Campolongo, dann hinüber nach Arabba und Andraz und hinauf auf den Passo Giau, dann hinunter Richtung Cortina d’Ampezzo und schließlich über den Falzarego- und den Valparolapass zurück nach La Villa und Corvara. Am Ende sind es 138 Kilometer, acht Pässe und 4.190 Höhenmeter. Es gibt zwar auch eine kleine (55 Kilometer) und eine mittlere (106 Kilometer) Runde, aber die meisten Teilnehmer stellen sich der langen Strecke – und fast alle 9.000 erreichen auch das Ziel.

Es begann mit 166 Teilnehmern

1987 hatte man sich solche Zahlen nicht in den kühnsten Träumen vorstellen können. „Wir haben damals mit gerade mal 166 Teilnehmern angefangen“, erzählt Costa. Das Rennen war anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Fahrradvereins Alta Badia-Raiffeisen als kleine Veranstaltung entstanden. Doch schon bald erfuhr es eine ebenso ungeahnte wie kuriose Erfolgsgeschichte: Als das Rennen 1989 wegen eines Schnee – sturms auf dem Passo Giau abgebrochen wurde, war ein ZDF-Fernsehteam zugegen und dokumentierte, wie die Fahrer im Schneetreiben evakuiert werden mussten. Genau diese Bilder sorgten für die Popularität der Maratona, die ab sofort den reizvollen Ruf eines scheinbar unmöglichen Rennens hatte. Schon 1990 folgte ein Boom von  Anmeldungen, die meisten davon aus Deutschland. In den folgenden Jahren entwickelte sich die Maratona zu einem der wichtigsten Ereignisse im Gadertal, das auch für den Tourismus riesige Dimensionen annahm. 38.000 Übernachtungen verzeichnete Alta Badia dieses Jahr während des Rennwochenendes. „Es ist schon auch ein Supergeschäft“, sagt Costa lächelnd, „und deswegen gefällt es auch den Einheimischen.“

Natürlich geht es bei einem Rennen immer auch um Sieg und Niederlage, um Endzeiten und Durchschnittsgeschwindigkeiten – die Schnellsten brauchen weniger als viereinhalb Stunden und fahren einen Schnitt von über 32 km/h. Aber für Michil Costa geht es um mehr: „Meine Vorstellung einer idealen Maratona ist nicht nur eine körperliche, sondern auch eine ideelle“, sagt er, nippt am Kaffee und erzählt, dass auf den Passhöhen klassische Musik gespielt wird und er für die diversen Rahmenveranstaltungen einen eigenen Artdirector engagiert hat, der das alles choreografiert und koordiniert. Auch in dieser Hinsicht ist die Maratona dles Dolomites eine sehr ungewöhnliche Veranstaltung. „Ja, die Maratona ist schon ein Rennen“, sagt Costa, „aber erst wenn man die Energie der Berge spürt, Zeit, Raum und Ruhe empfindet, wird die Maratona auch zu einem seelischen Highlight.“ Es ist ein sonniger und ruhiger Tag in Corvara. Für heute genügt es schon, den Blick über die imposante Landschaft und die Pässe schweifen zu lassen, um zu verstehen, was Costa damit meint.

Infos:

Am Sella Ronda Bike Day und am Radtag Stilfserjoch werden die jeweiligen Strecken für den motorisierten Verkehr gesperrt: alle vier großen Dolomitenpässe rund um den Sellastock bzw. die kurvenreiche und 25 Kilometer lange Straße hinauf auf das Stilfserjoch. Der Triathlonwettkampf Ötzi-Alpin-Maraton umfasst die drei Disziplinen Mountainbiken, Laufen und Skitourengehen. Als größtes Mountainbike-Rennen Italiens mit internationalen Teilnehmern hat der Dolomiti Superbike Weltcupstatus.

Kontakt
Gremium „Maratona dles Dolomites“
Str. Damez 34
I-39036 Abtei
Tel.: +39 0471 839 536
www.maratona.it

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