Südafrika: Auf zwei Rädern durch Soweto

Es gibt sicher schönere Orte für eine Fahrradtour als Soweto – aber nur wenige, die interessanter sind.

Wie viele Menschen in Soweto leben, weiß niemand genau. Zwischen dreieinhalb und fünf Millionen sollen es sein. Fast alle davon sind schwarz. Die Township im Südwesten von  Johannesburg kennt man aus dem Fernsehen. Allerdings zeigen die Bilder die man dort zu sehen bekommt, meist ein hässliches Gesicht der Stadt: Randalierende, Macheten schwingende und plündernde Menschen. Armut und Schmutz.

Als Ziel für einen Radausflug kann man sich deswegen Soweto nur schwer vorstellen.

Ich leihe mir bei Sowetos Backpackers ein Fahrrad und mache mich mit meinem Guide Tshipo Matsile auf den Weg. Der 21-jährige führt regelmäßig Touristen durch seine Stadt.

Mit modernen Mountainbikes rollen wir durch die Straßen. Die Hauptstraße, auf der wir zunächst unterwegs ist vierspurig und geteert. Sie könnte auch durch eine Stadt irgendwo in  Deutschland verlaufen. Am Straßenrand geht leicht gebeugt eine Frau entlang. Sie trägt eine Baby auf dem Rücken, und ruft uns ein freundliches „Hello“ hinterher.

„In Soweto gibt es durchaus auch Millionäre“,  erklärt mir Tshipo und deutet auf eine Villa, die hinter einer hohen, mit Stacheldraht gekrönten Mauer kaum zu erkennen ist.

Müll und herrenlose Hunde

Die Szenerie ändert sich schnell. Wir zweigen in eine Nebenstraße ab, und ein paar Abbiegungen später zeigt sich Soweto so, wie man es sich vorstellt: Wir radeln durch ein enges Gewirr von staubigen Straßen, der Müll liegt auf dem Weg, herrenlose Hunde schleichen an den Zäunen entlang. Was sich nicht geändert hat, ist die Freundlichkeit.

Die Menschen hier sind neugierig, wollen wissen woher ich komme. Inzwischen schieben wir unsere Räder. Kommunikation auf Augenhöhe. Bongani, ein junger Mann, er mag wohl Mitte 20 sein, lädt uns in sein Haus ein. Zirka 20 Quadratmeter misst der einzige Wohnraum, ein Bett steht darin, ein Stuhl und ein Tisch. Darauf ein großer Fernsehapparat, sein ganzer Stolz. Und schön grün gestrichen ist sein Häuschen auch und damit etwas ganz besonderes in der Straße. Die Nachbarhäuser in derselben Reihe sind alle schmucklos grau, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite nicht einmal aus Stein gebaut. Holz oder Wellblech haben Bonganis Nachbar zum Bauen benutzt.

Bei einer Nachbarin hängt ein Holzschild vor der Tür „Black Velvet Hair Salon“ steht drauf. In einem kleinen Wellblechverschlag kann man sich die Haare machen lassen. Eine Dienstleistung, die offenbar sehr gefragt ist, denn eine Kundin sitzt auf dem Friseurstuhl, zwei weitere warten schon auf kleinen Hockern kauernd.

Drei Häuser weiter verkauft Albany „Fish and Chips“ und Cola. So steht es jedenfalls säuberlich an die Hauswand gepinselt. Und ein Werbeplakat auf dem Dach verrät, dass man  hier auch Telefonkarten von Vodacom kaufen kann.

Am Ende des langen, staubigen Weges liegt der Kindergarten von Soweto: Zwei winzige Räume für 93 Kinder, aber immerhin auch ein kleiner Garten. Mit seinem Rasen und den frisch gepflanzten Bäumen ist er der grünste Ort in Soweto. Der perfekte Platz zum Spielen: Drei Mädchen hüpfen über ein Springseil, ein paar Jungs spielen fangen, einige Kinder stehen an der Rutsche an. Am gefragtesten ist aber der weiße Besucher mit seiner Digitalkamera. Sich fotografieren lassen und dann das eigene Abbild im Sucher anzusehen, scheint für die Kinder besonders spannend zu sein.

„Vor fünf Jahren war das alles hier noch eine große Müllhalde“, sagt Hendrik Meyers. Der 50-Jährige leitet zusammen mit seiner Frau Mildred und zwei weiblichen  Hilfskräften den Kindergarten. Neben den voluminösen Damen sieht der schmächtige Mann unscheinbar aus. Aber er hat seinen Laden im Griff. Ein kaum hörbares Klatschen und ein halblaut gemurmelter Befehl genügen und schon umringen uns fast einhundert Kinder. Hendrik Meyers will mir zeigen, dass die Kinder hier nicht nur spielen, sondern auch etwas lernen. Er beginnt er mit einem kleinen Frage- und Antwortspiel. Seine Fragen zur Funktion der  Körperteile werden von den Kindern mit so viele Eifer beantwortet, dass jeder Lehrer an einer deutschen Schule vor Neid erblassen würde.

Während draußen die Kinder schon längst wieder spielen, zeigt mir Meyers drinnen den Speiseplan, der mit sauberer Handschrift auf einen weißes Blatt geschrieben in der kleinen Küche hängt. Meyers ist stolz darauf, dass er den Kindern dreimal täglich eine Mahlzeit    bieten kann. Auf uns mag der Speiseplan der aus Milch mit Zucker, einen Apfel, Brei,  sowie Brot und Butter besteht, karg wirken. Für die Kinder bedeutet er, das sie satt nach Hause gehen können. Viele ihrer Eltern können ihnen keine regelmäßigen Mahlzeiten bieten.

Bier im Plastikeimer

„Komm lass uns in die Kneipe gehen“, sagt Tsepo. Wir beenden den Kindergartenbesuch und  radeln eine gute Viertelstunde weiter, bis Tsepo schließlich vor einer winzigen Wellblechhütte anhält. Allenfalls fünf Meter lang und zweieinhalb Meter breit ist das fensterlose Gebäude. Durch einen niedrigen Öffnung treten wir ins Innere. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, erkenne ich ein Dutzend Männer. Dicht gedrängt sitzen sie auf niedrigen Bänken an der Wand entlang.

Tsepo gibt eine Runde aus und stellt zwei großen Plastikeimer in den Raum. Beide sind mit weißen Flüssigkeiten gefüllt.  „In einem ist Amageu, im anderen Umqubott“, sagt er. Amageu ist ein nichtalkoholisches Maisgetränkt. Es wird vorweg getrunken und soll erst einmal den Magen füllen. Dann trinkt man das selbst gebraute Bier hinterher. Die Eimer beginnen zu kreisen und schon kommen wir ins Gespräch. Zumindest soweit es die Sprachprobleme zulassen. Nicht jeder in der Hütte spricht englisch. Auch wenn Soweto am anderen Ende der Welt liegt, manche Problem die man dort hat,  kennt man auch hierzulande. Was ein Zahnersatz in Deutschland koste, will einer der Männer wissen. In Südafrika sei der nämlich unbezahlbar. Wie einige andere in der Hütte hat er nur noch einige Zahnstummel im Mund.

Nachdem die Eimer ein paar Mal gekreist sind, verabschieden ich mich. Schließlich muss ich  noch fahren. Drinnen im Dunkel macht der Eimer noch einige Runden. 

Rasso Knoller

 

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