Schweiz: Mediterraner Zauber im Tessin

Tessin, Insel Brissago

Das Tessin, die Sonnenstube der Schweiz

Lago Maggiore – schon der Klang weckt Sehnsucht…. nach Sonne und Wärme, Palmen und Blütenpracht. Kein Wunder, dass Herrmann Hesse sich im Tessin wohl fühlte und 43 Jahre hier lebte. „Sie ist so wunderbar schön, und vom Alpinen bis ganz zum Südlichen ist alles da“, schwärmte der Nobelpreisträger für Literatur über seine Wahlheimat im Südzipfel der Schweiz.

Ein Hauch von Italien weht durch Locarno, die charmante Stadt am Ufer des Lago Maggiore. Hier wird italienisch gesungen und mediterran gespeist, man flaniert auf der palmenbestandenen Uferpromenade mit Blick auf schneebedeckte Gipfel, sitzt in einem der zahlreichen Straßencafés, trinkt einen Espresso und genießt die Leichtigkeit des Lebens. Locarno ist nicht nur die Stadt mit dem mildesten Klima der Schweiz, es darf sich auch rühmen, einen der größten und schönsten Stadtplätze zu haben. Die Piazza Grande, umgeben von pastellfarbenen Häusern in typisch lombardischem Stil, hinter deren Arkaden sich Cafés und Restaurants aneinander reihen, ist lebendiger Mittelpunkt Locarnos. Besonders im Sommer wird die Piazza Grande zur großen Open-Air-Bühne. Seit 1946 treffen sich im August für zehn Tage Regisseure, Filmschaffende und Kinofans zum Internationalen Filmfestival. „Es sei ein einzigartiges Ambiente, wenn tausende abends unterm Sternenhimmel auf der großen Freiluftbühne die neuesten Streifen ansehen“, schwärmt Stadtführerin Maria Pia Aerne.. Im Juli reisen seit einigen Jahren Rock- und Popfans aus vielen Ländern an, wenn bei „Moon and Stars“ die Piazza Grande zum schönsten Konzertsaal unter freiem Himmel wird. Weltstars wie Santano, Bryan Adams und Lenny Kravitz sind gern hier zu Gast.

Locarno im TessinBeim Schlendern durch die engen Gassen der verwinkelten Altstadt bezaubert manches der alten Häuser mit ihren blumenreichen Innenhöfen. Zeugen einer großen Vergangenheit sind die Wallfahrtskirche Madonna del Sasso und das Castello Visconti aus dem 13. Jahrhundert mit seinem schönen Innenhof und reich mit Intarsien verzierten Decken. Einst Residenz der Mailänder Familie Visconti und Sitz der Landvögte, beherbergt es heute ein Museum, das auch an den 1925 beschlossenen Locarno-Pakt erinnert. Ein gern besuchtes Schmuckstück im Grünen ist  der Kamelienpark, in dem 900 verschiedene Arten dieser Blume bewundert werden können.

James Bond sprang in die Tiefe

Reizvoll ist auch die Umgebung Locarnos, denn das idyllische Val Versasca ist fast zum Greifen nah. Vom Stadtzentrum fährt der Postbus – auch ein Stück Schweizer Kulturgut – hinauf in das 25 Kilometer lange Tal. Schon die Fahrt auf kurvenreicher Strecke durch die grünbewaldete Bergwelt ist ein Erlebnis: vorbei am Staudamm , dessen 220 Meter hohe Mauer zu den höchsten Europas gehört und von der James Bond im Film „Golden Eyes“ ins Leere sprang. Vorbei an winzigen Bergdörfern mit Häusern aus grauen Bruchsteinen und entlang des Flusses, der in wilden Kaskaden bergab strömt. Ein Highlight ist Lavertezzo mit seiner schönen Kirche im Barockstil und dem Ponte die Salti. Die mittelalterliche Brücke mit ihren Doppelbögen gehört zu den meistfotografierten Sehenswürdigkeiten Tessins. Besonders an dieser Stelle macht der Fluss seinem Namen “verde aqua – grünes Wasser“ alle Ehre, denn hier strahlt er zwischen glattgeschliffenen Felsbrock in tiefstem smaragdgrün. In steilen Serpentinen schlängelt sich die Straße weiter bergauf durch das Tal, das bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts von der Außenwelt nahezu abgeschnitten war. Das pittoreske Sonogno – überragt von der schneebedeckten Spitze des 3.038 Meter hohen Pena –  ist das letzte der Versascadörfer. Manche Häuser sind verlassen, denn die Menschen sind einst ausgewandert, weil ihr Tal sie nicht mehr ernähren konnte. Heute ist Sonogno bekannt als Dorf der Wollfärberinnen, die ihre mit Naturfarben gefärbten Handarbeiten in den kleinen Souvenirläden anbieten. Auch als Ausgangspunkt für Wanderungen hinunter ins Tal ist es beliebt. Und manchmal gibt es dabei überraschende Begegnungen, wenn eine Herde schwarzer Ziegen sich mitten unter die Wanderer mischt und sie ein Stück des Weges begleitet.

Ascona, die Perle des Tessin

An einer sanft geschwungenen Bucht am Nordufer des Lago Maggiore liegt Ascona, das auch als „Perle“ und „Sonnenstube“ des Tessin bezeichnet wird. Es ist die Heimatstadt von Maria Pia und für sie das Schönste aller Städtchen. Ihre Begeisterung kann man verstehen. Malerisch erstreckt sich die berühmte Piazza Giuseppe Motta mit ihren zahlreichen Cafés, Restaurants und den markanten Platanen am Seeufer. Hier möchte man verweilen, den Blick auf die magische Schönheit des Sees genießen, die Seele baumeln lassen. Eindrucksvoll erhebt sich am Anfang des Platzes das Schloss der Griglioni aus dem 13. Jahrhundert, heute als Castello Seeschloss ein exklusives Hotel mit Terrasse und Seeblick. Im historischen Kern des Städtchens mit zahlreichen Zeugen aus Mittelalter und Renaissance bezaubert ein Netz von schmalen Gässchen mit Kunstgalerien und kleinen, originellen Geschäften. Der die Altstadt überragende Campanile der Kirche Santi Pietro e Paolo mit ihren Fresken aus dem 15. Jahrhundert ist das Wahrzeichen des einstigen Fischerdörfchens.

Blick auf Ascona, TessinVon der Seepromenade steigt man auf den grünen Hügel oberhalb Asconas, der als Monte Verita zur Legende wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten die Pianistin Ida Hofmann und der belgische Industrielle Henry Oedenkoven den Berg für 150 000 Franken gekauft. Dort wollten sie eine neue Lebensphilosophie etablieren, befreit von allen Fesseln, mit gesunder Ernährung und im Einklang mit der Natur leben. Die Kolonie wurde Sanatorium Monte Verita genannt und stand allen offen, die Erholung und nach dem Sinn des Lebens suchen. Scharen von Künstlern, Visionären, Schriftstellern und Persönlichkeiten des Kulturlebens folgten dem Ruf auf den „Berg der Wahrheit“. Auch Herrmann Hesse gehörte 1907 zu den Gästen, die hier neue Kraft tanken wollten. Wahrscheinlich begann schon damals seine Faszination für die Tessiner Seen- und Berglandschaft, die er später in zahlreichen Erzählungen, Gedichten und Aquarellen so eindrucksvoll beschrieben hat. Und die ihn schließlich 1919 für immer nach Montagnola führte. 1920 löste sich die Gruppe auf, die Gründer des Monte Verita wanderten nach Brasilien aus. Einige Jahre später übernahm Baron von der Heydt, Bankier Kaiser Wilhelm II. und bedeutender Kunstsammler, den Monte Verita und ließ 1928 ein Hotel im Bauhaus-Stil errichten, das noch heute auch als Kongress- und Kulturzentrum genutzt wird. Nur noch wenige Spuren der „Balabiott“, der Nakttänzer, wie die Einheimischen die „Naturmenschen“ nannten, sind erhalten. Zwei der Licht-Luft-Hütten wurden restauriert und die Casa Selma in ein kleines Museum verwandelt. Neu hinzu gekommen sind vor einigen Jahren der Energie-Weg mit Mandala und ein Teehaus mit kleiner Teeplantage, die von einem japanischen Zen-Garten umgeben ist. „Das Museum mit der Dokumentation zur Geschichte des Monte Verita wird gerade restauriert und ist erst ab 2013 wieder zugänglich“, bedauert die Stadtführerin. Dennoch lohnt sich der treppenreiche Aufstieg oder die Fahrt mit dem Auto auf den Berg, denn der Blick auf Ascona und den Lago Maggiore bis zu den Brissago Inseln ist überwältigend. Insel Brissago

Schwimmende Gärten

Ein Ausflug zu den schwimmenden Gärten des Tessin gehört zum Programm jedes Urlaubers. Wie zwei im See verankerte Schiffe ruhen die beiden grünen Eilande im Lago Maggiore. Während die kleinere Insel nicht betreten werden darf, weil seltene Pflanzen hier ungestört gedeihen sollen, ist die größere der Botanische Garten des Kantons. Ein kleines Paradies mit 1700  Pflanzenarten aus allen Kontinenten der Erde. Maria Pia ist oft hier und kennt die Geschichte des Gartens.  Als Baronin Antoinette Saint-Leger 1885 mit ihrem Ehemann die Insel gekauft hatte, sei er ganz von einheimischen Pflanzen überwuchert gewesen. Die leidenschaftliche Naturfreundin begann sofort, Wege anzulegen, blühende Pflanzen, Sträucher und Bäume zu pflanzen. Das besonders milde Klima am Lago Maggiore ermöglichte, dass auch empfindliche subtropische Pflanzen das ganze Jahr im Freien wachsen können. Und so entstand im Lauf der Jahrzehnte ein einzigartiges botanisches Kunstwerk. 1927 erwarb der Hamburger Kaufmann Max Emden die Isola Grande und ließ sich ein Palais mit weißem Carrara-Marmor erbauen. Dabei mussten die Architekten das Gebäude der Pracht des Gartens anpassen, der unverändert blieb. Bis 1940 residierte Emden auf der Insel, die zehn Jahre später als Botanischer Garten Tessins für die Öffentlichkeit zugänglich wurde. Seitdem können Besucher hier eine spannende botanische Weltreise machen – indische Lotosblumen, japanische Kamelien oder Federballprotee aus Südafrika bewundern, sich an Sumpfzypressen aus Florida, Akazien aus Australien und Bambus aus Japan erfreuen. Und von der Terrasse des Restaurants den Blick in den Garten und die zauberhafte Atmosphäre am See genießen.

Christel Seiffert

 

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