Tansania: Zu Besuch bei den Massai

Maasaifrauen

Im Dorf Olpopongi arbeiten Krieger als Hoteliers – und teilen mit Gästen ihre Kultur.

Punkt 5.52 Uhr erwacht die afrikanische Steppe. Mit einem Schlag gurren, zwitschern und singen Vögel. Murren die ersten Hyänen. Und erhebt sich Freddy, der Wächter über unseren Schlaf, von seiner Matratze neben dem Eingangsgatter zum Massaidorf Olpopongi. Was fehlt, sind Kühe und Ziegen, die Massais normalerweise in der Mitte des Krals, der Siedlung aus kreisrund angelegten Hütten, einpferchen – schließlich soll kein Löwe das kostbare Vieh reißen.

In Olpopongi Village hingegen umgibt die Hecke in der Mitte des Dorfes nur sechs Tische und Bänke aus Holz. Denn Olpopongi ist ein Museumsdorf. Eine perfekte Kopie des drei Kilometer entfernten Originaldorfes. Eine bewusste Kopie: Während vor anderen Massaidörfern an Tansanias Hauptstraßen Touristenbusse im Zehn-Minuten-Takt vorfahren und dort nur einen Souvenirkauf lang verweilen, bleiben die Gäste von Olpopongi Village bis zu drei Nächte – und bekommen dabei viel von der Kultur der Massai mit. Und sie verstehen dank der Busch-Touren sogar ein bisschen, wie dieses Volk, das jahrhundertelang als Nomaden durch Afrika zog, heute wohnt, liebt, heilt, hofft und trauert.

Die Nacht haben wir, eine Gruppe von sechs Journalisten, in den neun kleinen Hütten aus Lehm, Holzpfosten und Kuhdung verbracht. Wer die Hütten betritt, muss den Kopf einziehen. Drinnen ist es nachts stockfinster. Strom gibt es nicht, aber unzählige Öllampen. Auch tagsüber dringt nur wenig Licht durch die schmalen Schlitze. Die Massai bauten die Hütten originalgetreu nach. Drinnen stehen Pritschen, ausgelegt mit Stroh, gegerbter Kuhhaut und einer Isomatte. Vor Insekten schützt ein weißes Moskitonetz. Doch während sich zwei bis vier Touristen eine Hütte teilen, kochen und schlafen darin im echten Nachbardorf bis zu zwölf Leute. Maasaifrau mit Kind

Wie schwer es ist, im Tourismus Echtheit zu bewahren, weiß auch Tom Kunkler. Er berät die vier Dorfgemeinschaften, die das Olpopongi Village betreiben. „Es ist schon ein Spagat“, räumt er ein. „Touristen wollen es einerseits möglichst authentisch, gleichzeitig keine Insekten im Bett und ein sauberes Klo.“ Seit fünf Jahren lebt der Deutsche in Afrika. So lange ist er auch schon mit Johnson befreundet, einem Krieger vom Stamm der „Tinga-Tinga Massai“, die das Paralleldorf betreiben.

Johnson suchte mit ein paar Männern aus seinem Volk nach einer Möglichkeit, am Tourismus teilzuhaben.Und Kunkler hatte das Know-how und Kontakte. Die Stammesältesten von dem Gemeinschaftsprojekt zu überzeugen, war nicht einfach: Sie fürchteten, dass ihre Kultur durch den Einfluss der Weißen verlorengeht. Denn das Leben im Dorf ist streng reglementiert: kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Flüche – „wer unsere Kultur zerstört, wird mit Hieben bestraft“, sagt Freddy, 22, einer der Guides und wie die meisten Massai hochgewachsen und in rot kariertes Tuch gehüllt.

Die Clanältesten verstanden auch nicht, warum es Türen und Schlüssel zu den Hütten geben müsse – beides kannten sie nicht. Oder warum man aus den Toiletten kein Wasser schöpfen solle – es ist doch sauberes Wasser, das bislang noch ein Tanklaster bringt, bald aber ein Brunnen liefern soll. Erst als Johnson und manche der jüngeren Krieger den Clanchefs verständlich machen konnten, dass alle mit einbezogen würden, dass mit knapp zehn Euro zehn Prozent des Preises für eine Übernachtung auf ein Konto der Dorfältesten fließt, und dass mit dem Projekt Jobs geschaffen würden – erst da waren sie bereit, sich auf das Paralleldorf einzulassen.

Denn die Arbeitslosigkeit unter den Massai ist hoch. Wer keine Ziegen hüten kann oder keine Rinder besitzt, ging bislang in die Stadt, um dort als Wächter zu arbeiten. Selbst mit Schulabschluss finden nur wenige Massai einen Job. Das Hirtenvolk, in Europa wegen seines Stolzes und Traditionsbewusstseins bewundert, hat in Ostafrika mit Vorurteilen zu kämpfen: Massai gelten dort als unterste Schicht. Bis heute werden die rund 140 000 in Tansania lebenden Massai sozial ausgegrenzt und diskriminiert. Ihre rote Stammestracht, der traditionelle Shouka, mussten sie bis in die 1970er-Jahre in den Städten ablegen. In öffentlichen Bussen war sie verboten – Tansanias sozialistischer Präsident Nyerere wollte damals die Einigung des Landes und keine Splitterung. Eine Folge dieser Politik ist zwar, dass Tansania ein friedliches Land mit wenig ethnischen Spannungen ist. Eine andere das zerbrochene Selbstwertgefühl vieler Massai. Touristen in Maasaidorf

Im Olpopongi Village jedoch tragen die Massai ihre rote Tracht mit Stolz. Durch das Touristen-Projekt finden die jungen Männer auch auf ihrem Land eine Arbeit – und zwar als Guide. Nicht aber als Koch. Der kommt aus Moshi, einer Stadt am Fuße des Kilimandscharo, um überm Feuer leckere Gemüse- und Fleischspieße oder süße Bananendesserts zuzubereiten. Die Massai hingegen essen nur einmal am Tag, meist abends, und dann vornehmlich Bohnen, Gemüse und Ugali, ein Getreidebrei aus Maismehl. Manchmal gibt es auch nur ein Blut-Milch-Gemisch – bis zu zwei Liter trinkt ein Massai davon pro Tag, etwa wenn er in der Trockenzeit zwischen August und Oktober mit seinen Rindern monatelang bis nach Kenia übers Land zieht. „Wenn wir durstig sind, melken wir die Kuh oder trinken ihr Blut“, sagt Freddy. Das wird von einer Stelle am Hals des Tieres aus der Arterie in eine Kalebasse oder ein Kuhhorn abgefüllt. Darin wird es erst nach einem Tag sauer. Oder nach zwei, drei Tagen, wenn man das Blut mit Milch mischt.

„Folgt mir“, sagt Kimani, ein mit seinen 27 Jahren unglaublich wissender und zweifellos ehrgeiziger Chef-Guide, auf Deutsch. Er zeigt uns, wie die Massai aus Rinden und Blättern Naturmedizin gegen Blähungen, Malaria-Fieberattacken oder Augenentzündungen herstellen. Später kaut er so lange auf der Spitze eines kleinen Astes herum, bis ein fasriger Pinsel entsteht. Damit putzen sich die Massai die Zähne. Er macht uns auch vor,wie Speere geworfen werden – dabei fällt ihm das Handy aus einer Tasche seiner Shouka. Und er erklärt, dass Dikdiks, eine kleine Antilopenart, ein Leben lang nur als Paar auftreten. „Stirbt ein Tier, ist der andere binnen zwei Wochen tot“, sagt Freddy. Und fügt hinzu: „Würden alle so leben, gebe es kein Aids in Afrika.“

Ums Zusammenleben und die Liebe geht es auch am Abend. Wir sitzen um ein großes Lagerfeuer, über uns funkeln Millionen von Sternen. Aus dem Originaldorf trägt der Wind das Lachen der Frauen und Kindern und den rhythmischen Sound von Trommeln zu uns. Nach dem Abendessen setzen sich ein paar Massai-Männer zu uns – als Krieger dürfen sie nicht gemeinsam mit Frauen essen. „Wir sind reiche Leute“, sagt Freddy. „Doch was uns fehlt, ist ein Ziel, eine Perspektive.“ Gäbe es so etwas wie Familienplanung, sagt er auch, oder würden sich die Männer auf eine Ehefrau und zwei Kinder beschränken, „dann wären wir noch reichere Leute. Dann könnten wir unsere Kinder auch auf die Schule schicken.“

Maasai

Davor, dass die Moderne oder die Stadt seine Kultur zerstört, hat Freddy keine Angst. Auch er ging in Nairobi und Arusha zur Schule und lernte dort neben dem Stammesdialekt Maa die Landessprache Swahili sowie Englisch. „Aber ich habe immer gewusst, wo meine Wurzeln sind. Und dass ich zurückkehren werde. Heimat ist Heimat. Auch wenn es der Busch ist.“

Martina Hahn

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