Marokko: Verwinkelte Gassen, alte Medersen und Gerbereien in Fès

Steinalt, doch bemerkenswert vital gibt sich Marokkos älteste Königsstadt. Im 8. Jahrhundert kamen arabische Eroberer nach langer Durststrecke aus der Wüste in das von Bergen umgebene, fruchtbare, grüne Tal des Qued Fès und gründeten eine Siedlung. In kurzer Zeit zur Stadt gewachsen, entwickelte sich Fès schnell zum geistigen Zentrum Marokkos. Im 13. Jahrhundert wurde Fès Zufluchtsstätte für Flüchtlinge aus den geistigen Hochburgen Córdoba und Kairouan. Berühmte Dichter, Philosophen und Ärzte kamen nach Fès um schließlich hier an der Kairaouine-Universität zu forschen und zu lehren. Noch heute wird behauptet, die Fassi seien gebildet und selbstbewusst, aber auch etwas hochnäsig.

Wie im Mittelalter

Im alten Stadtteil Fès el Bali ist das Bild seit dem Mittelalter im Wesentlichen unverändert geblieben. Mindestens zwei Dutzend verschiedene Quartiere beherbergt allein Fes el Bali, jedes mit eigenen Moscheen, Koranschulen und Souks. Derzeit sollen von den vormals 800 Moscheen noch 130 in dem Häusergewirr der Altstadt verblieben sein. Wer heute durch die Stadt streift, trifft allerorts auf den Kontrast zwischen Tradition und Wandel. Seit Mohammed VI. die Regentschaft des Landes übernommen hat, wirkt die Stadt moderner als unter seinem Vater Hassan II. Das traditionelle, knöchellange Übergewand, die Djellaba, wird vor allem bei den Jüngeren von modischer Kleidung made in Frankreich verdrängt. Oben am Bordj Nord genießen Liebespaare die Aussicht auf das beige- und ockerfarbene Puzzle der Altstadt, die besondere Attraktion ist jedoch eine Lasershow nach Sonnenuntergang.

Im Gewirr der Medersen und Souks

Unten, nahe dem berühmten Bab Boujeloud, dem wohl meistfotografierten Tor in die Altstadt, treffe ich Majid. Er ist ein smarter, in einen Anzug gekleideter Student der Biochemie. Überaus höflich, immer freundlich plaudernd führt er mich in eine Welt aus 1001 Nacht. Ohne die Hilfe eines Führers ist es dem ahnungslosen Fremden kaum möglich, sich im Labyrinth der Gassen, dämmrigen Tunnel und Passagen zurechtzufinden. Glatt würde man an den Medersen, den alten Koranschulen und Moscheen, einfach vorbei laufen ohne sie wahrzunehmen.

In den verwinkelten Gassen der Souks haben sich die Händler nach Gewerben sortiert angesiedelt. Da gibt es den farbenfrohen Gemüsesouk, den Souk der Wollfärber, den lärmenden Souk der Kupferschmiede, den der Korbflechter, den duftenden Souk der Gewürze und am Fluss das ständig stinkende Viertel Chouara, das Reich der Gerber. Touristen ertragen den Gestank der bearbeiteten Tierhäute meist nur mit einem duftenden Zweig Minzblätter vor der Nase. Wie vor hunderten Jahren werden hier in riesigen Bottichen die Häute gegerbt und gefärbt. Auf den umliegenden Dächern liegen sie danach zum Trocknen.

Thé à la menthe

Im Jardin de Boujeloud verabschieden wir uns bei einem Thé à la menthe, diesem wunderbar, stark gesüßten Nationalgetränk der Marokkaner. Thé à la menthe ist nicht nur einfach ein Getränk, er ist Kultur! Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der grüne Tee von den Engländern nach Nordafrika gebracht. Er wird mit frischen Pfefferminzblättern aufgekocht und anschließend mehrfach in einem dünnen Strahl in ein Glas gegossen, bis er schäumt. Ob ich wisse, wieso man in Marokko den Thé spritzend und plätschernd im hohen Bogen einschenkt, fragte mich Majid. „Nun“, erklärte er nach meinem Zögern schmunzelnd, „wir Marokkaner glauben, dass beim Essen und Trinken alle Sinne angesprochen werden müssen. Du kannst den Thé riechen, kannst ihn schmecken – und beim Einschenken kannst du ihn sogar hören!

Bernd Leideritz

 

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