Indien: Backwaters in Kerala

Eine Fahrt mit dem Hausboot durch die Backwaters, einem faszinierendes Labyrinth aus Kanälen, Flüssen und Seen,  gehört zu den Highlights einer Keralareise.

Käpt´n Babu hat den Schirm aufgespannt. Obwohl der Tag noch jung ist, strahlt die Sonne unerbittlich von einem wolkenlosen Himmel. Babu sitzt am Bug und steuert sein Schiff mit fester Hand über das ruhige Wasser. „Aqua Land“ – Wasserland steht in weißen Buchstaben am Bug der rattangedeckten Reisbarke. Ein ungewöhlicher Name für ein Hausboot, finden wir. Jedoch treffend für die Backwaters, jene einzigartige Landschaft, die sich 75 Kilometer lang zwischen den Küstenstädten Kochi und Kollam erstreckt, bestätigt unsere Reiseleiterin Anuja.

An Bord ist es still. Größer könnte der Kontrast zum lärmenden, quirligen Kerala nicht sein, das wir noch vor wenigen Stunden erlebten. Entspannt sitzen wir auf dem Vordeck und lassen die wunderbare Landschaft an uns vorüberziehen. Am Ufer recken sich dicht gedrängt Palmen in die Höhe oder neigen sich auf schlankem Stamm ins Wasser. Im grüngelben Dickicht versteckt gleiten kleine Häuser und Kirchen vorbei. Junge Frauen in leuchtend bunten Saris stehen am Ufer bis in die Hüften im Wasser und schlagen ihre Wäsche auf den Stein. Sie lächeln und winken, wir winken zurück. Fischer in winzigen Einbaukanus werfen ihre Netze aus.

Das Thermometer zeigt inzwischen 38 Grad, die Luftfeuchtigkeit beträgt 77 Prozent – aber der leichte Fahrtwind sorgt für angenehme Kühle. Und Bootsmann Vinod serviert frische Kokosmilch. Mit Koch Vijo sorgt er für das leibliche Wohl und die Bequemlichkeit von uns vier Damen an Bord. Ja, die ein- oder mehrtätige Fahrt mit dem Hausboot ist komfortabel, denn die umgebauten Reisboote sind schwimmende Hotels – die drei Zimmer sind mit Ventilator, Aircondition, Fernseher und Bad mit Dusche und Toilette ausgestattet. Punkt 13 Uhr werden wir zum Dinner gebeten, es gibt Reis, gegrillten Fisch und verschiedene Sorten Gemüse. Zum Kaffee am Nachmittag munden uns die gebackenen Bananen.

Währenddessen geht die Reise durch die jadegrüne Welt weiter. Wir fühlen uns wie auf einem Logenplatz. Die Füße liegen ausgestreckt auf der Reling. Ein Gefühl inneren Friedens, eine wohltuende Gelassenheit macht sich breit. Schauen, plaudern und sich immer wieder an Neuem erfreuen. Wie ein endloses Empfangskomitee stehen Palmen an beiden Ufern des Kanals.

„Kerala bedeutet Land der Kokospalmen“, erläutert Anuja. Hier gebe es so viele Kokospalmen wie Sterne am Himmel. Und die Einheimischen preisen ihren Nutzen, denn kein Baum sei so vielseitig verwendbar wie die Palme: sie liefert Stroh für die Dächer, Öl zum Braten, Saft zum trinken und Kokosfleisch und –milch für die keralische Küche, weiß unsere Begleiterin. Die 35-jährige, die fließend Deutsch spricht, hat in Oberhausen studiert, war mit einem Deutschen verheiratet und lebt jetzt mit ihren beiden Kindern im unweit gelegenen Fort Kochi. Aus der Ferne dringen plötzlich Trommelklänge und Gesang herüber. Minuten später sehen wir die Ursache: ein buntfröhliches Bild, blumengeschmückte Menschen, die  sich um einen Altar drängen. In riesigen Kesseln dampft Reis. Es sei ein Tempelfest der Hindus, bei dem vier Tage lang mit Musik, Essen und abendlichem Feuerwerk gefeiert wird, verrät Anuja.

Gemächlich tuckert das Schiff durch einen Teppich aus schwimmenden Wasserhyazinthen, auf denen weiße Reiher nach Futter suchen. An manchen Stellen ist der Kanal so schmal, dass sich die langen Palmwedel von beiden Uferseiten zu berühren scheinen. Als die Dämmerung anbricht, hält Kapt’n Babu nach einem Ankerplatz Ausschau, denn nachts wird nicht gefahren. Ruhe, Zeit die Seele baumeln zu lassen und zu beobachten, wie die Sonne letzte goldene Lichter auf die Wasserfläche zaubert, bevor das Abendbrot aufgetragen wird. Koch Vijo hat Lamm, mehrere Gemüsesorten und natürlich Reis vorbereitet. Die Schwüle des Tages ist vorbei und in den Zimmern sorgt nachts die Klimaanlage für angenehme Temperaturen.

Seit dem Sonnenaufgang ist die Schiffscrew schon auf den Beinen. Für uns steht das Frühstück bereit und Käpt´n Babu steuert sein Kettuvallam, so nennen die Einheimischen die palmstrohgedeckte Reisbarke, in einen anderen Kanalarm. Reisfelder schimmern im Morgenlicht und in den Dörfern ist längst das Leben erwacht. Wir sehen Frauen beim morgendlichen Bad im Fluss, Schulkinder sind fröhlich lachend auf dem Weg oder werden mit dem Wassertaxi zur Schule gebracht, im Einbaum wird dem Nachbarn ein Besuch abgestattet.

An manchen der kleinen Häuser sehen wir eine rote Fahne mit Hammer und Sichel. „Kerala ist seit 1957 eine Bastion des Kommunismus in Indien“, erklärt Anuja. Der Bundesstaat sei bekannt für seinen relativen Wohlstand und den hohen Bildungsgrad, mehr als 90 Prozent der Bevölkerung kann lesen und schreiben. Auch Lebenserwartung und Pro-Kopf-Einkommen liegen hier weit über dem normalen Durchschnitt. Kurzer Halt am Bootssteg einer geräumigen Villa. Der Hausherr bittet uns auf einen Tee herein, führt uns durch das Haus und den großen grünen Garten. Es ist eines der Backwaters Farmhouses, in denen Touristen einige Tage mit Familienanschluss verbringen und sich von ihren Gastgebern verwöhnen lassen können. Ein verlockendes Angebot. Doch für uns schlägt nun die Stunde des Abschieds aus diesem Garten Eden. Und von Kerala, das nur ein schmaler Streifen zwischen dem Arabischen Meer und hohen Bergen, jedoch einer der schönsten Bundesstaaten des indischen Subkontinents ist.

Christel Seiffert

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