Indien: Unterwegs mit dem Rotel-Bus

Rotelbus in Indien

Möglicherweise habe ich gerade meine Großmutter erschlagen. Aber in diesem Moment ist mir das völlig egal. Augenblicklich rückt Nachschub von Omas Artgenossen an – Moskitos. Ich ergebe mich meinem Schicksal, Gegenwehr ist aussichtslos. Zumal mein Bewegungsspielraum stark eingeschränkt ist. Er bemisst sich auf 65 mal 70 mal 190 Zentimeter. So groß sind hier die Schlafzimmer.

Wir sind unterwegs in Nordindien. Von Reiseleiter Hermann haben wir bereits am ersten Tag gelernt, dass verstorbene Angehörige nach hinduistischem Glauben durchaus als Moskito wiedergeboren werden können. Was das Erlegen der Plagegeister außerdem erschwert: Bei jedem Schlag gegen die Wand könnte man seinen Nachbarn zu Tode erschrecken, der ja nur zwei Zentimeter Luftlinie weiter neben, unter und/oder über einem liegt.

Zu achtzehnt sind wir auf Tour mit einem „Rollenden Hotel“, kurz Rotel genannt. Rotel ist eine Form des Reisens, die der Bayer Georg Höltl Ende vor 50 Jahren erfand: Ein „Rollendes Hotel“ ist ein Anhänger mit 42 Schlafkabinen, jeweils 14 neben- und drei übereinander. Dieser Schlafanhänger wird von einem Bus mit ebenso vielen Sitzplätzen gezogen, zu fast allen erdenklichen Reisezielen in der Welt. Bei unserer „kleinen“ Rotel-Variante für bis zu 20 Teilnehmer sind die Kabinen direkt im hinteren Teil des zwölf Meter langen Busses montiert.

Zwischenstopp Neu Delhi

Als in Neu Dehli die Klappen unseres Rotels das erste Mal geöffnet werden – eine nach oben, eine nach unten – trennt sich binnen Sekunden die Spreu vom Weizen, sprich die erfahrenen „Rotelianer“ von den Neulingen. Mit routinierten Handgriffen montieren die „Erfahrenen“ die Stahlstützen unter der nach unten geklappten Rampe, die quasi das „Vorzimmer“ bildet. Neuling Ingeborg erstickt fast an ihrem Lachanfall, einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Verzweiflung, als die Vorhänge zu den Kabinen aufgezogen werden. „Das ist ja kaum größer als ein Sarg.“ Die einzelnen Kabinen sind nicht breiter als sie in den Hüften ist. Die anderen Neulinge murmeln beim Anblick der Schlafgemächer Worte wie „Karnickelstall“ oder „Brutkasten“. Die erfahrenen „Rotelianer“ lächeln gelassen: „Das ist viel bequemer, als es auf den ersten Blick aussieht.“ Bus in Indien

Reiseleiter Hermann verteilt die Schlafplätze – so weit es geht demokratisch. Die beliebtesten Kabinen sind offensichtlich die auf der mittleren hüfthohen Ebene, in die man ohne große Anstrengung vorwärts hineinkrabbeln kann. Mit Mitte vierzig bei weitem der jüngste der Gruppe, muss ich nach ganz oben. Der Einstieg klappt nur mit einer Methode – siehe Original-Rotel-Gebrauchsanweisung: „So schlüpft man richtig: Nach alter deutscher Art arbeitet man sich robbend zum Kopfkissen vor. Dann liegt man gut und bequem.“ Am Kopfende befindet sich ein DIN A4-großes Fensterchen, das man in der Hoffnung auf etwas Durchzug nachts aufklappen kann. Gleichzeitig ist es aber auch eine gute Einfallsmöglichkeit für kleinwüchsiges Getier. Das Moskitonetz kann mühelos seitlich umflogen werden. Was aber eigentlich egal ist: Der Vorhang am Fußende stellt ein noch geringeres Hindernis für Stechmücken dar.

Die erste Nacht ist gleich eine richtige Herausforderung – nicht nur für die unerfahrenen Teilnehmer. Nach tagsüber mehr als vierzig Grad sind die Kabinen in der Nacht noch ordentlich aufgeheizt. Durchzug, Ventilator, Klimaanlage – Fehlanzeige. Nackt und verschwitzt starre ich an die Decke und hoffe, dass diese Nacht bald vorbei sein möge. Zwischendurch erlege ich ein paar Moskitos, die langsamen vollgefressenen. Am nächsten Morgen wird das gesamte Ausmaß der Angriffe deutlich. Wo man hinschaut beim gemeinschaftlichen Anziehen auf der Rampe: überall dicke Flatschen an Waden, Schenkeln und Unterarmen.

Eine Reise mit Rotel ist eine Mischung aus Klassenfahrt und Campingurlaub. Der Altersdurchschnitt der Reisegäste liegt deutlich über Mitte 50. Bereitschaft zu Geselligkeit ist unabdingbar. Wenn keine Besichtigungen auf dem Programm stehen, ist der Bus der unangefochtene Lebensmittelpunkt der Gruppe. Neuling Klaus kapituliert nach der ersten Nacht: „Das muss ich nicht haben.“ Ab der zweiten nimmt er sich abends immer ein Hotelzimmer. Christoph zieht einen Tag später nach. Für Routinier Hans ist ein solches Verhalten nicht nachvollziehbar: „Wo ist das Problem?“ Er ist seit vier Jahrzehnten überzeugter „Rotelianer“, war 1969 bei der ersten Sahara-Durchquerung dabei. „Bei Rotel man muss keinen Einzelzimmerzuschlag bezahlen, man sieht mehr als mit anderen Veranstaltern und das für weniger Geld“, sagt Hans.

Vielerorts ist das Auftauchen des großen roten Busses noch immer ein ähnlich spektakuläres Ereignis wie kurz nach seiner Erfindung vor einem halben Jahrhundert. Bei Zwischenstopps in kleinen Dörfern scharen sich binnen Sekunden Dutzende Menschen um das monströse Gefährt und staunen. Noch mehr, wenn ihnen die Reisenden erzählen, wo und wie sie übernachten.

Volker Wartmann

 

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