Dänemark: Langhäuser und schnelle Schiffe

Runensteine, Fluchtburgen, Langschiffe und Gräberfelder lassen die Zeit der Wikinger in Dänemark lebendig werden.

Mit einem Paukenschlag haben sie im Jahre 793 die Bühne des Weltgeschehens betreten. Der brutale Überfall einer norwegischen Flotte auf das Kloster von Lindisfarne, einer Insel vor der Küste Nordostenglands, ist in den Geschichtsbüchern der Beginn der Wikingerzeit. Mit diesem Blitzangriff hatten sie ihren Ruf als mordende und plündernde Horde weg. Dieser Makel sollte ihnen noch lange anhaften.

Erst seit kurzem relativiert sich das Bild von den mordenden Barbaren. Denn immerhin waren sie auch geniale Schiffsbauer und Meister der Navigation, fertigten kunstvollen Schmuck und lebten die meiste Zeit friedlich als Bauern zu Hause. Obwohl ihre Herrschaft schon im 11. Jahrhundert, nach der Bekehrung aller skandinavischen Länder zum Christentum, zu Ende ging, haben sie in dieser relativ kurzen Zeit die Welt verändert. Mit ihren schnellen Schiffen waren sie als Plünderer, Handelsreisende, Kaufleute, Kolonisatoren und Entdecker konkurrenzlos. In ganz Nordeuropa haben sie dabei unzählige Spuren hinterlassen: Schiffe, Runensteine, Fluchtburgen und Gräberfelder.

Wie einst die Wikinger

Im Sommer lassen die Dänen ihre ruhmreiche Vergangenheit bei zahlreichen Wikingerfestspielen und Wikingermärkten  noch einmal Revue passieren. So in Ribes Vikingecenter, wenn in die kleine Wikingersiedlung Leben einkehrt. Überall wird gehämmert, gekocht und gewerkelt. Ein Langhaus ist schon fertig, ein weiteres in Arbeit. Der Zimmermann bearbeitet mit freiem Oberkörper einen gewaltigen Balken. In schweißtreibender Handarbeit hackt er Span um Span von dem meterlangen Baumstamm. Er versteht sein Handwerk, denn der fertige Balken ist so perfekt, als käme er gerade aus dem Sägewerk.

Auf der Wiese stehen ein paar Zelte aus grobem Stoff, in denen die „Wikinger“ ihrer täglichen Arbeit nachgehen. Über offenen Feuern hängen an Eisenketten russschwarze Töpfe, in denen gestampftes Getreide, frisches Gemüse und Kräuter zu einer deftigen Suppe gekocht werden. Kinder und Frauen mahlen in hölzernen Schalen Getreide zu feinem Mehl, Männer hacken Holz, schnitzen Besteck oder drechseln Essgeschirr. Ausgenommene Fische hängen über einem Holzgestell zum Trocknen, der Schmied fertigt Waffen und Werkzeuge.

Plötzlich ist es mit der beschaulichen Ruhe vorbei: Es ist Zeit auf Entdeckungsfahrt zu gehen. Die Männer werden lautstark verabschiedet und aus dem Dorf geleitet. Die Frauen bleiben allein zurück. Aber nicht lange, denn zwei Mönche kommen ins Dorf. Die Ankunft der Mönche macht ihnen zuerst Angst, dann werden die Gäste aber festlich bewirtet. Sie sind weit gereist und bringen interessante Neuigkeiten aus der fernen Welt. So ganz nebenbei verkünden sie noch ihre christliche Lehre. Die Illusion ist perfekt: So könnte der Alltag der Wikinger vor ungefähr 1000 Jahren ausgesehen haben.

Schiffe aus Steinen

Nächste Station der Reise in die Vergangenheit ist Lindholm Høje, eine kleine Anhöhe mit Blick auf die Fabriken und Vorstädte der nordjütländischen Stadt Aalborg. Auf den ersten Blick herrscht auf der Wiese Chaos. Sie ist übersät mit Steinen, die scheinbar regellos im Boden stecken. Erst langsam lässt sich das Gewirr konkreten Formen zuordnen. Viele der Steinsetzungen symbolisieren Schiffe, wobei Bug und Heck an den deutlich größeren Steinen zu erkennen sind. Lindholm Høje ist ein riesiger Friedhof mit fast 700 Gräbern aus der Eisen- und Wikingerzeit. Dass das Gräberfeld so gut erhalten geblieben ist, verdanken wir einer Katastrophe im 11. Jahrhundert. Damals hat Treibsand die Gräber verschüttet und die ganze Gegend unbewohnbar gemacht.

Der alte Schäfer, dessen Schafherde das Gras kurz hält, kennt Lindholm Høje noch unter einer meterhohen Sandschicht begraben. Er erinnert sich genau daran, wie der Sand von den Archäologen in den fünfziger Jahren abgetragen wurde und die Steinsetzungen der Wikinger nach und nach zum Vorschein kamen. In der Nähe der Gräber müssen damals Menschen gewohnt haben. Die Fundamente ihrer Häuser und einen Acker mit parallelen Beeten und schmalen Furchen hat man ebenfalls freigelegt. Auch die Wagenradspuren und Fußabdrücke der Bauern wurden durch den Sand 1000 Jahre lang konserviert.

Ein kriegerisches Volk

Zu den eindrucksvollsten Monumenten aus der Wikingerzeit zählen die Ringburgen. Bis heute wurden fünf dieser Festungen gefunden und teilweise rekonstruiert: Trelleborg auf Seeland, Nonnebakken auf Fünen, Fyrkat und Aggersborg in Jütland und Trelleborg im südschwedischen Skåne. Das jütländische Fyrkat liegt in einem Flusstal in der Nähe von Hobro, am Ende des schmalen Mariager Fjordes. Die Anlage ist von einem kreisrunden Wall mit 120 Metern Durchmesser umgeben. Heute ist nur noch ein mit Gras bewachsener Erdwall zu sehen, zur Zeit der Wikinger war die Außenseite mit schweren Eichenbalken gesichert.

Der Verteidigungswall wurde von vier Eingängen durchbrochen, die Straßen teilten den Innenraum in gleichgroße Viertel. In Fyrkat war jedes Viertel mit vier zu einem Quadrat angeordneten Langhäusern bebaut. Alle Gebäude bestanden aus Eichenholz und auch die Straßen hatten einen Belag aus Holzbalken. Aus der Vogelperspektive ist die kreisrunde Anlage und die Regelmäßigkeit des Grundrisses besonders deutlich zu erkennen. Form und Regelmäßigkeit geben der Festung einen militärischen Charakter, aber sie diente den Wikingern nicht nur als Kaserne, denn es gab auch Wohnhäuser, Werkstätten, Lagerräume und Ställe.

Gegen die ausschließliche militärische Nutzung sprechen auch die Frauen- und Kindergräber außerhalb des Ringwalls. Gebaut wurde Fyrkat während der Regierungszeit von König Harald Blauzahn um das Jahr 980. Seltsamerweise wurde die Anlage nie ausgebessert, wahrscheinlich war sie nur 20 bis 30 Jahre in Betrieb. Anscheinend haben die politischen Verhältnisse sich um die Jahrtausendwende verändert und den Bau von Ringburgen überflüssig gemacht hat. Außerhalb des Rinwalls von Fyrkat entstand in den achtziger Jahren die Rekonstruktion einen Langhauses. Die Wände und das mit Holzschindeln gedeckte Dach beschreiben eine sanfte Kurve.

Roh bearbeitete Eichenbalken recken sich diagonal empor und stützen den oberen Teil der Wände. Durch diese geschwungenen Linien hat das Langhaus Ähnlichkeit mit einem umgedrehten Schiffsrumpf. Wenn die ersten Strahlen der Morgensonne über den Hügeln auftauchen, fängt das ansonsten graue Eichenholz warm zu leuchten an. In diesem Moment kommt die perfekte Harmonie und Ästhetik des Langhauses richtig zur Geltung.

Schnelle Schiffe

Eines der spektakulärsten Kapitel der Wikingergeschichte sind ihre Plünderungen, Raubzüge, Brandschatzungen, Überfälle, Handelsfahrten und Kolonisierungen. Ihre Schiffe tauchten urplötzlich am Strand auf und ließen den Küstenbewohnern nicht die Spur einer Chance zur Verteidigung. Wenn sie Glück hatten, konnten sie noch schnell ein paar Habseligkeiten zusammenraffen und fliehen. So schnell wie sie gekommen waren, waren die Piraten aus dem hohen Norden auch wieder verschwunden.

Diese Überraschungsangriffe waren nur wegen ihrer konkurrenzlos schnellen und wendigen Schiffe möglich. In der Wikingerschiffshalle in Roskilde sind die Reste von fünf Schiffen ausgestellt. Die Schiffe wurden gegen Ende des 11. Jahrhunderts im Roskilde Fjord bei Skuldelev versenkt. Mit diesem Hindernis in der Fahrrinne sollte die wichtige Handelsstadt Roskilde geschützt werden. 1962 wurde um die Wracks im Fjord eine eiserne Spundwand gelegt und zum Vorschein kamen fünf verschiedene Schiffstypen. Zwei unterschiedlich große Lastschiffe, ein Küstenfrachtschiff und zwei Kriegsschiffe. Obwohl nur ca. zehn Prozent des langen Kriegsschiffes erhalten geblieben sind, kann man sich mit etwas Phantasie vorstellen, wie es mit 60 Mann an den Rudern und dem großen viereckigen Segel auf Beutezug ging.

In Roskilde gibt es nicht nur die Reste der alten Schiffe sondern auch originalgetreue Nachbauten zu besichtigen. In jahrelanger Arbeit wurden die historischen Schiffe der Wikinger mit den damals zur Verfügung stehenden Werkzeugen nachgebaut. Nur mit Äxten, Keilen, Schabern, Profileisen, Hämmern, Stemmeisen und Löffelbohrern entstanden in mühsamer Handarbeit die „Roar Ege“ und die „Helge Ask“. Im Sommer liegen sie im Hafen vor dem Museum und stechen regelmäßig in See. Die Museumshandwerker haben ihre neuen Wikingerschiffe ausgiebig getestet – als Ruderboote und unter Segeln. Begeistert erzählen sie von ihren Fahrten auf dem Roskildefjord, bei denen sie bei günstigem Wind mit bis zu 14 Knoten förmlich über das Wasser flogen. Auch das Kreutzen gegen den Wind war mit den 1000 Jahre alten Konstruktionen kein Problem.

Christian Nowak

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